Das Gericht in der niederländischen Gemeinde Almelo hat am Mittwoch, dem 28. Oktober, den 20-jährigen Schweizer Daniel T. wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten verurteilt. Der FC-Thun-Fan hatte am 15. Oktober vor dem Conference-League-Spiel zwischen dem FC Twente und dem FC Thun in Enschede einen Polizeibeamten getreten und geschlagen. Zusätzlich zur Haftstrafe muss der junge Berner dem verletzten Polizisten umgerechnet rund 1300 Franken Schadenersatz zahlen.
Wie Blick.ch unter Berufung auf die niederländische Regionalzeitung «Tubantia» berichtet, war die Verhandlung von hoher emotionaler Ladung geprägt. Die Mutter des Verurteilten, eine bekannte SP-Politikerin aus dem Kanton Bern, war gemeinsam mit ihrem zweiten Sohn aus der Schweiz angereist und sass in der ersten Reihe. Im hinteren Teil des Saales nahm der betroffene Polizist Platz, umringt von rund zwanzig Kollegen.
Der Vorfall vom 15. Oktober in Enschede
Das Gericht rekonstruierte den Hergang anhand von Videoaufnahmen. Kurz vor Anpfiff des Conference-League-Spiels zwischen dem FC Twente und dem FC Thun weigerten sich Schweizer Fans, die Treppe zum Auswärtsblock hinaufzugehen. Es kam zu einem Streit mit der Polizei, woraufhin Beamte die Gruppe nach oben drängten.
Einen Polizisten, der mit dem Schlagstock in der Hand den Fans nachlief, trat Daniel T. laut Urteilsbegründung gegen den Kopf. Der Beamte stürzte rund anderthalb Meter rückwärts eine Treppe hinunter und erlitt Prellungen an Kopf und Nacken sowie eine leichte Gehirnerschütterung. Der Polizist erklärte ausserdem, er habe vom Angreifer Schläge ins Gesicht erhalten. Bereits unmittelbar nach dem Spiel wurde der 20-Jährige festgenommen und seither in Untersuchungshaft gehalten, wie bereits die Berner Zeitung berichtet hatte.
Geständnis, Tränen und eine schwierige Verteidigung
Im Saal zeigte sich der junge Schweizer sichtlich mitgenommen. Beim Eintritt lächelte er seiner Mutter zu, dann setzte er sich neben seine Anwältin und begann zu schluchzen. Ein Dolmetscher übersetzte seine Aussagen. Daniel T. gestand die Tat und erklärte, es tue ihm leid.
«So kenne ich mich selbst gar nicht. Normalerweise bin ich nicht so. Ich hatte Angst. Der Polizist kam nach dem ersten Schlag weiter auf mich zu. Durch die Drogen und den Alkohol konnte ich die Situation nicht einschätzen. Ich geriet in Panik.»
Ein Bluttest bestätigte Kokain, Speed und Alkohol im Organismus des Beschuldigten. Auch Plattform J hatte über den Vorfall und die Festnahme berichtet.
War die Tat geplant?
Die Staatsanwaltschaft zeigte sich von den Tränen wenig beeindruckt. Sie bezeichnete Daniel T. als Anstifter, der bewusst nach Enschede gereist sei, um Ausschreitungen zu provozieren. Als Beleg führte die Anklage an, dass der Schweizer an jenem Abend mehrmals die Kleidung gewechselt und sich so den Überwachungskameras entzogen habe. T. erklärte dazu, er habe den Anweisungen der älteren Generation unter den Fans gefolgt.
Die Staatsanwaltschaft forderte eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten und verlangte generell härtere Strafen für Gewalttaten gegen Polizeibeamte.
Die Strafe und ihre Folgen für die Ausbildung
Die Verteidigung plädierte auf eine mildere Strafe. Die Anwältin argumentierte, ihr Mandant habe nicht mit der Absicht gehandelt, den Polizisten schwer zu verletzen; es handle sich nicht um einen «Fussball-Hooligan». Sie wies zudem auf die beruflichen Konsequenzen hin: Bei einer längeren Haftdauer drohe Daniel T. der Verlust seines Ausbildungsplatzes in einer Kindertagesstätte in der Schweiz.
Das Gericht folgte dieser Linie nur teilweise. In der Begründung hielt die Richterin fest: «Sie haben sich dafür entschieden, dem Polizisten auf der Treppe gegen den Kopf zu treten.» Der 20-Jährige habe dabei das Risiko einer schweren Verletzung bewusst in Kauf genommen. «Dass es nicht dazu gekommen ist, ist nicht Ihr Verdienst», sagte die Richterin und fügte hinzu, die Gesellschaft sei solches Verhalten bei Fussballspielen «langsam satt».
Im Schlusswort versicherte Daniel T., nie wieder mit dem FC Thun in die Niederlande zu reisen: «Damit habe ich hier nur schlechte Erfahrungen gemacht.» Nach der Urteilsverkündung schossen ihm Tränen in die Augen. Er fragte die Richterin, ob er seine Mutter umarmen dürfe. Als diese zustimmte, fiel sich die Familie im Gerichtssaal weinend in die Arme.
Ein Vorfall mit Signalwirkung
Der Fall berührt Fragen, die über den Einzeltatbestand hinausgehen. Gewalt gegen Polizeibeamte, die ihre Arbeit an Fussballspielen leisten, ist kein Kavaliersdelikt; die niederländische Justiz hat mit dem Urteil eine klare Linie gezogen. Für Schweizer Fans意味着 zugleich eine Mahnung: Wer sich im Ausland derart aufführt, schadet dem Ansehen des eigenen Vereins und des Landes. Der FC Thun und die Swiss Football League dürften in den kommenden Wochen prüfen, welche vereinsinternen Konsequenzen gezogen werden.
Bleibt der 20-Jährige inhaftiert, gefährdet dies seine Ausbildung. Ob die Vollzugsbehorden der Schweiz im Rahmen eines internationalen Gefangenentransfers die Reststrafe übernehmen werden, ist derzeit offen.
Häufige Fragen
Welche Strafe erhielt der FC-Thun-Fan in Almelo?
Das Gericht verurteilte Daniel T. am 28. Oktober wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu vier Monaten Freiheitsstrafe und zu einem Schadenersatz von umgerechnet rund 1300 Franken an den verletzten Polizisten.
Was geschah am 15. Oktober in Enschede?
Vor dem Conference-League-Spiel zwischen dem FC Twente und dem FC Thun trat der 20-Jährige einen Polizisten auf einer Treppe gegen den Kopf; der Beamte stürzte, erlitt Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung.
Warum spricht das Gericht von versuchter schwerer Körperverletzung?
Die Richterin begründete den Schuldspruch damit, dass der Angeklagte das Risiko einer schweren Verletzung bewusst einging. Dass eine solche Verletzung ausblieb, sei laut Urteil nicht sein Verdienst gewesen.
