Bei der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge nahe der Gemeinde Urda in der Provinz Toledo sind am Mittwochmorgen 68 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 100 Personen wurden verletzt, 53 davon werden noch in Spitälern behandelt, mehrere in kritischem Zustand. Die Bergungsarbeiten dauerten in der Nacht an, wie watson.ch/ meldet.
Es ist die zweite schwere Bahnkatastrophe in Spanien innerhalb von neun Monaten. Bereits im Januar waren bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen gestorben, als ein Iryo-Zug entgleiste und mit einem entgegenkommenden Renfe-Zug zusammenstiess.
Bergung unter Flutlicht
Die Einsatzkräfte arbeiteten die ganze Nacht mit Flutlicht am Unglücksort, rund 130 Kilometer südlich von Madrid, wie ein Reporter des staatlichen Senders RTVE berichtete. Mit drei Kränen sollten zwei besonders schwer beschädigte Waggons angehoben werden. Die Rettungskräfte schlossen nicht aus, dass sich in den Wracks weitere Opfer befinden.
Mercedes Martin, Sprecherin der Guardia Civil, sagte, viele Menschen suchten in der Nacht noch nach vermissten Angehörigen. DNA-Proben würden in Madrid, Toledo, Cordoba und Sevilla entnommen.
«Wir werden hier die ganze Nacht lang bleiben.»
Insgesamt befanden sich mehr als 540 Passagiere in den beiden Zügen, die kollidierten.
Was ist über die Unfallursache bekannt?
Verkehrsminister Oscar Puente deutete auf mögliches menschliches Versagen hin. Das Unglück sei auf eine «unerklärliche» und «falsche» Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen. Das automatische Zugsicherungssystem funktionierte nach einem Computerausfall noch nicht wieder, als die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gab, während der Iryo-Zug noch stand.
Ob tatsächlich menschliches Fehlverhalten vorlag, müsse die Untersuchung klären, sagte Puente. Beamte der Polizei und der unabhängigen Unfalluntersuchungsbehörde AITAT befragten bereits den zuständigen Fahrdienstleiter. Die AITAT hält es für «viel zu früh», Hypothesen zu den Ursachen aufzustellen.
Auf der Strecke Madrid-Sevilla ist das deutsche Zugsicherungssystem LZB (linienförmige Zugbeeinflussung) im Einsatz. Es überwacht kontinuierlich das Fahrverhalten der Züge und kann automatisch bremsen. Bei einer grösseren Störung übernimmt die Bahnleitstelle weitgehend die Kontrolle. Zwischen den beiden Zügen lagen rund 25 Kilometer, die der Renfe-Zug in etwa 17 Minuten zurücklegte.
Die spanische Eisenbahngewerkschaft kritisiert den Zustand des Bahnnetzes. Die Lokführergewerkschaft Semaf hält an ihrem Streik fest, mit dem sie Verbesserungen bei der Sicherheit fordert. Der Ausstand war bereits am 16. Oktober angekündigt worden, also vor dem Unglück.
Politische Folgen und landesweite Trauer
Ministerpräsident Pedro Sanchez rief eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag aus und versprach eine umfassende Aufklärung.
«Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen.»
Um Punkt 20 Uhr gedachten Menschen in ganz Spanien mit einer Schweigeminute vor den Rathäusern der Opfer, unter anderem in Madrid, Barcelona, Valencia und Saragossa, wie der Tagesspiegel berichtet.
In Madrid kam es vor dem Transportministerium zu Ausschreitungen. Rechtsextreme Gruppen hatten zu einer Protestkundgebung aufgerufen; dabei entstanden Spannungen zwischen Teilen der rund 1500 Demonstranten und der Polizei, wie der Spiegel schreibt. Sanchez steht unter Druck, auch weil die Parlamentswahl vorgezogen wurde und die konservative und rechtspopulistische Opposition ihn für das Unglück verantwortlich macht. Der Vox-Chef Santiago Abascal sprach von einer «kriminellen» Regierung.
Für Sanchez wiegt die Katastrophe besonders schwer, da er den Gewerkschaften nach dem Unglück von Adamuz zusätzliche 1,8 Milliarden Euro für Massnahmen im Bahnnetz zugesagt hatte, darunter für die Wartung in den Jahren 2026 bis 2030. Für ein Land mit einem der modernsten Hochgeschwindigkeitsnetze Europas ist die Wiederholung solcher Unglücke innerhalb eines Jahres, wie Sanchez sagte, «nicht hinnehmbar».
Was bedeutet das Unglück für die Bahnsicherheit?
Der Fall zeigt, wie sehr die Sicherheit eines Eisenbahnnetzes vom Zusammenspiel von Automatik und menschlicher Leitzentrale abhängt. Fällt ein System wie die LZB aus, wächst die Verantwortung des Fahrdienstpersonals erheblich. Warum der zuständige Fahrdienstleiter die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, ist eine der zentralen offenen Fragen der Untersuchung, wie 20 Minuten berichtet.
Für die Schweiz, deren Bahnnetz ebenfalls auf eng getaktete Hochgeschwindigkeit und dichte Sicherheitssysteme setzt, liefert der Fall ein Lehrstück: Technik ersetzt Verfahren nicht, und Redundanz allein nützt wenig, wenn die Entscheidungsketten im Störfall unklar sind. Die spanische Untersuchung wird zeigen, ob es an einer Person, an Verfahren oder am System mangelte.
Häufige Fragen zum Zugunglück in Spanien
Wie viele Tote forderte das Zugunglück bei Urda?
68 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. 53 Verletzte werden noch in Spitälern behandelt, mehrere davon in kritischem Zustand.
Wie kam es zur Kollision der beiden Züge?
Ein Renfe-Zug fuhr von hinten auf einen stehenden Iryo-Zug auf. Mehrere Waggons stürzten einen Bahndamm hinab.
Welche Ursache vermutet die spanische Regierung?
Verkehrsminister Oscar Puente deutete auf eine «falsche» Entscheidung der Bahnleitstelle hin, die dem Renfe-Zug die Weiterfahrt erlaubte, obwohl das Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht funktionierte.
Gab es schon zuvor schwere Zugunglücke in Spanien?
Ja. Im Januar kamen bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen ums Leben, als ein Iryo-Zug entgleiste und mit einem Renfe-Zug zusammenstiess.