Vor 50 Jahren lernte sich in der Schweiz rund ein Drittel aller Paare im Freundeskreis kennen, ein weiteres Viertel im Ausgang und ebenso viele bei Arbeit oder Ausbildung. Wie Blick.ch in einer aktuellen Bestandesaufnahme berichtet, haben sich diese Verhältnisse seither verschoben: Im Jahr 2026 gibt es in der Schweiz über 500 aktive Dating-Portale mit gut zwei Millionen Nutzerinnen und Nutzern, und fast ein Drittel aller Paare, die in den vergangenen Jahren eine Partnerschaft eingegangen sind, haben sich online kennengelernt.
Die Digitalisierung der Partnervermittlung begann in der Schweiz früh. Mit der allgemeinen Internetnutzung ab 1996 gingen 1998 die ersten inländischen Portale swissflirt.ch und singles.ch online. Ab 2005 drängten internationale Anbieter wie Parship auf den Schweizer Markt, und mit dem Start von Tinder 2012 verlagerte sich das Online-Dating weitgehend auf Smartphone-Apps. Das Angebot reicht heute von grossen internationalen Plattformen bis zu Nischenportalen für Gamer (Kippo, Heartshot, Date a Gamer), bestimmte Berufsgruppen (Farmers Only) oder Gesundheitszustände (Glutenfree Singles).
Vom Rendez-vous zum «Abmachen»
Verändert hat sich nicht nur das Medium, sondern auch die Sprache und die soziale Praxis. In den 1970er- und 80er-Jahren ging man auf «Rendez-vous»; die 90er-Jahre wurden pragmatischer, man «traf sich» oder «machte ab». Ende des vergangenen Jahrhunderts tauchte mit dem «Blind Date» bereits jene Figur auf, die die heutige Kennenlernszene prägt: das arrangierte Treffen mit romantischer Absicht, ohne dass sich die Beteiligten je persönlich gesehen haben.
Bemerkenswert ist, wie stabil die klassischen Kennenlernorte über Jahrzehnte blieben. Erst mit der massenhaften Verbreitung der Smartphones kippten die Verhältnisse. Im Freundeskreis lernen sich derzeit noch gut 20 Prozent der Paare kennen, bei Arbeit oder Ausbildung etwa 15 Prozent, im Ausgang nur noch gut 10 Prozent.
Der Interessenkonflikt zwischen Anbietern und Nutzern
Das zentrale Problem der Branche ist struktureller Natur: Zwischen Anbietenden und Nutzenden von Dating-Plattformen besteht ein eigentlicher Interessenkonflikt. Die Suchenden wollen die Liebe möglichst rasch finden, der Algorithmus des Anbieters ist an einer möglichst langen Verweildauer interessiert. Eine norwegische Studie, veröffentlicht im Fachjournal «Evolutionary Psychological Science», beziffert den Aufwand drastisch: Im Schnitt braucht es 291 Tinder-Matches, um eine feste Beziehung zu finden.
Fachleute beobachten daraus eine wachsende Datingmüdigkeit. «Man stelle sich vor, so eine Dating-App wäre eine Bar, da läuft man rein und bandelt mit 20 Leuten gleichzeitig an. Unvorstellbar, weil total überfordernd. Online normal, aber nicht weniger überfordernd», sagt die Paartherapeutin Ramona Zenger im Blick-Beziehungspodcast «intim&laut». Unter ihrer Klientel nehme sie «einen grossen Datingfrust wahr, was viel mit Ablehnung und fehlendem Bindungswillen zu tun hat».
Die scheinbar unendliche Auswahl untergräbt die Bereitschaft, in eine einzelne Bekanntschaft zu investieren. Die Effizienz der Apps ist ihr grösster Nachteil. Philipp Schwarzenberg von der Partnervermittlung Sympathica hält nüchtern fest: «Wenn man sich wirklich eine funktionierende Partnerschaft wünscht, gibt es leider keine Abkürzung.» Selbst wenn beim ersten Treffen der Funke springe, sei das keine Gewähr für Partnerschaftstauglichkeit: «Anziehung ist Chemie und hat nichts mit Partnerschaftstauglichkeit zu tun. Wir verwechseln das oft.»
Apps im Wandel: Vom Swipe zur Beziehungsabsicht
Das anfängliche «Swipe-Prinzip» beruhte vor allem auf dem Visuellen; biografische Angaben und Absichten in den Profilen spielten kaum eine Rolle. Tinder und vergleichbare Apps wurden in den Schweizer Medien und der Popkultur deshalb rasch als reine Hook-up-Anwendungen abgestempelt. Neuere Anbieter wie Hinge, die mit dem Slogan «Die Dating-App, die entwickelt wurde, um gelöscht zu werden» wirbt, haben den Markt verändert: Sie verlangen detailliertere Profile und stellen Beziehungsabsichten in den Vordergrund.
Die Branche steht gleichwohl unter Druck. Wie das St. Galler Tagblatt berichtet, können Kunden aus laufenden Abonnements bei Parship nicht aussteigen, was die Schweizer Rechtsgelehrten als unlauter einstufen. Zugleich kündigt Facebook an, in den Dating-Markt einzutreten, mit unklaren Folgen für Nutzer und etablierte Anbieter. Und die Aargauer Zeitung diagnostiziert das eigentliche Dilemma der digitalen Partnersuche: Einsamkeit trotz Dauer-Matching. Die digitale Partnersuche habe das Dating in eine Sackgasse manövriert.
Was Paare und Suchende daraus lernen sollten
Ramona Zenger plädiert für Reflexion vor der Registrierung: «Man sollte sich vor der Partnersuche überlegen, ob man wirklich bereit ist für eine Beziehung, sonst verschwendet man Zeit und Energie von Menschen, die es sind.» Wer diese Frage bejaht, darf sich beim Online-Dating Zeit lassen, um jemanden kennenzulernen. Zenger bringt es auf den Punkt: «Denn das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»
Für die Schweiz ergibt sich daraus eine gesellschaftliche Realität, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt: Die Partnerwahl hat sich innerhalb einer Generation vom dörflichen Umfeld in eine kommerziell organisierte digitale Infrastruktur verlagert. Wer den Wert stabiler Beziehungen hochhält, tut gut daran, die Mechanismen dieser Infrastruktur zu kennen, statt sich von ihnen leiten zu lassen.
Häufige Fragen
Wie viele Paare lernen sich in der Schweiz online kennen?
Fast ein Drittel aller Paare, die in den vergangenen Jahren eine Partnerschaft eingegangen sind, haben sich online kennengelernt, wie Blick.ch berichtet.
Welche Rolle spielten Freundeskreis und Ausgang früher?
Vor 50 Jahren lernte sich etwa ein Drittel der Paare im Freundeskreis kennen, ein Viertel im Ausgang und ein Viertel bei Arbeit oder Ausbildung.
Warum ist Online-Dating für viele frustrierend?
Weil die Algorithmen der Anbieter auf lange Verweildauer ausgerichtet sind, nicht auf schnelle Erfolgserlebnisse; laut einer norwegischen Studie braucht es im Schnitt 291 Tinder-Matches für eine feste Beziehung.
