Immer mehr junge Menschen in der Schweiz verzichten auf Kinder, und ihre Entscheidung stösst in der Gesellschaft weiterhin auf Unverständnis. Das zeigt ein Beitrag von 20 Minuten vom 26. Oktober 2026, der das Schicksal einer 22-jährigen Schweizerin beschreibt, die sich seit Kindheitstagen gegen ein Leben als Mutter entschieden hat und dafür regelmässig erklären muss.
Der Fall wirft eine gesellschaftliche Frage auf, die über die individuelle Biografie hinausreicht: Wie geht ein Land mit sinkenden Geburtenraten und wachsender Kinderlosigkeit um, ohne die freie Lebensplanung des Einzelnen in Frage zu stellen? Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Wie Berichte über die schweizerische Geburtenentwicklung zeigen, sank die Zahl der Geburten zwischen 2019 und 2024 um 5,8 Prozent.
Ein Leben ohne Kinder als bewusste Entscheidung
Die junge Frau, die in dem Bericht nur unter dem Vornamen Marina auftritt, weiss seit ihrer Kindheit, dass sie keine Mutter werden will. Bereits bei Familientreffen habe sie sich kaum für Babys interessiert, während Freundinnen vom Heiraten und Kinderkriegen geträumt hätten. Mit dieser Zukunft konnte sie sich nie identifizieren.
„Ich geniesse es, unabhängig und spontan zu sein, und verbringe auch gerne Zeit alleine“, zitiert sie der Bericht. Sie befürchtet, mit Kindern einen Teil ihrer Freiheit zu verlieren. Dazu komme die Sorge, als Mutter eines Tages den Grossteil der Verantwortung tragen zu müssen. Sie beobachte immer wieder, wie Beziehungen nach der Geburt eines Kindes zerbrächen und die Frauen bei der Betreuung zurückblieben.
„Ich glaube auch, dass ich mich in der Mutterrolle ein Stück weit selbst verlieren würde“, sagt die 22-Jährige. Sie hat sich laut eigener Aussage bereits mit einer möglichen Sterilisation auseinandergesetzt und kann sich diesen Eingriff für die Zukunft durchaus vorstellen.
Warum werden Kinderlose so oft attackiert?
Besonders aufschlussreich sind die Reaktionen, die die junge Frau auf ihre Entscheidung erfährt. Während Gleichaltrige ihren fehlenden Kinderwunsch meist akzeptieren, begegnen ihr ältere Menschen häufiger mit Unverständnis. „Oft wird dann versucht, mich davon zu überzeugen, dass Kinder das Schönste auf der Welt seien und einem unglaublich viel zurückgeben würden“, berichtet sie.
Eine Situation ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Bei einem Grillabend mit Freunden ihres Partners kam das Gespräch auf Kinder. Ein Bekannter hielt ihr daraufhin vor, sie sei zu jung und unreif, um das beurteilen zu können. Schliesslich stellte er die Frage, welchen Sinn ihr Leben überhaupt habe, wenn sie keine Kinder wolle. Für ihn gehöre das Kinderkriegen zum „Frausein“ dazu.
Die junge Frau sieht darin ein übergriffiges Verhalten. „Wenn mir jemand erzählt, dass er oder sie unbedingt Kinder möchte, würde ich niemals anfangen, dieser Person das auszureden“, sagt sie. Hinter solchen Reaktionen vermutet sie traditionelle Rollenbilder. Bei Frauen werde noch immer selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie irgendwann Mutter werden wollten. Wer sich dagegen entscheide, müsse sich erklären.
Ihr Fazit fällt unmissverständlich aus: „Lieber bereue ich es irgendwann, keine Kinder bekommen zu haben, als dass ich eines Tages bereue, Kinder bekommen zu haben.“
Die demografische Dimension des Kinderwunschs
Der Einzelfall steht für einen breiteren Trend. Wie eine Analyse zu den steigenden Familienkosten und sinkenden Geburtenraten zeigt, verbinden sich hohe Lebenshaltungskosten, veränderte Wertvorstellungen und wirtschaftlicher Druck zu einer Situation, in der Kinder für viele zum Luxusgut zu werden drohen. Die Schweiz ist von dieser Entwicklung ebenso betroffen wie andere westliche Industrieländer.
Dabei ist die Ausgangslage widersprüchlich. Laut einer Mitteilung zur selbstbestimmten Familienplanung wünschen sich rund die Hälfte der Schweizer Frauen und Männer zwei Kinder. Gleichzeitig sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mit Fruchtbarkeitsproblemen konfrontiert. Der Wunsch nach Kindern ist also keineswegs verschwunden. Er stösst jedoch increasingly an wirtschaftliche und biologische Grenzen.
Diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit verdient politische Aufmerksamkeit. Eine Gesellschaft, in der junge Erwachsene Kinder entweder nicht wollen oder sich sie nicht leisten können, wird auf Dauer älter, kleiner und weniger leistungsfähig. Die Finanzierung der AHV, der Gesundheitsversorgung und der Infrastruktur hängt an einer ausreichenden Zahl von Beitragszahlenden. Es ist kein Alarmismus, sondern schlichte Arithmetik, dass die aktuelle Entwicklung hier Fragen aufwirft.
Freiheit bedeutet Respekt vor jeder Entscheidung
Aus konservativer Sicht gilt es, zwei Dinge auseinanderzuhalten. Zum einen hat jeder Mensch das Recht, seine Lebensplanung selbst zu bestimmen. Niemand sollte einer 22-jährigen Frau erklären müssen, welchen Sinn ihr Leben hat, nur weil sie keine Kinder will. „Mein Körper, mein Leben, meine Entscheidung“ ist ein Grundsatz, der auch jene respektieren sollten, die Familie als Lebensmittelpunkt sehen. Die junge Frau hat mit dem Bekannten vom Grillabend deshalb irgendwann Klartext gesprochen und ihm gesagt, er solle das Thema bei ihr ruhen lassen.
Zum anderen darf eine Gesellschaft very wohl darüber nachdenken, welche Rahmenbedingungen sie jungen Familien bietet. Wenn Mietpreise, Kinderbetreuungskosten und berufliche Unsicherheit die Familienplanung erschweren, ist das keine private, sondern eine öffentliche Frage. Familien mit Kindern tragen Lasten, von denen Kinderlose profitieren, ohne sie zu teilen. Eine ehrliche Debatte darüber, wie Lasten und Chancen fair verteilt werden, ist keine Moralpredigt, sondern Ausdruck einer intakten Bürgergesellschaft.
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie zur Lohngleichstellung in der Schweiz, wonach bei jüngeren Erwachsenen die Gleichstellung fast erreicht ist. Junge Frauen verfügen heute über bessere Ausbildung und Erwerbschancen als jede Generation vor ihnen. Dass viele von ihnen trotzdem oder gerade deshalb auf Kinder verzichten, zeigt, dass die Entscheidung selten nur ökonomisch begründet ist. Sie ist auch eine Frage der individuellen Prioritäten.
Was daraus folgt
Der Bericht von 20 Minuten zeigt eine Gesellschaft im Umbruch. In der Familie der 22-jährigen Frau herrscht_respekt: Die Eltern wissen seit Jahren von ihrer Entscheidung und akzeptieren sie. Sogar mit den Enkelkindern in Form von Katzen geben sie sich zufrieden. Auch ihr Partner, mit dem sie seit über drei Jahren zusammen ist, akzeptiert ihre Haltung, die sie von Beginn der Beziehung an offen kommuniziert hat.
Dieser familiäre Umgang könnte Vorbild sein für den gesellschaftlichen Diskurs. Wer den demografischen Wandel ernst nimmt, sollte nicht mit Vorwürfen gegen Einzelne operieren, sondern die Bedingungen verbessern, unter denen junge Menschen Kinder wollen und haben können. Alles andere ist blosser Moralismus ohne Wirkung.
Häufige Fragen
Wissen junge Menschen früh, dass sie keine Kinder wollen?
Die 22-jährige Frau im Bericht von 20 Minuten wusste laut eigener Aussage schon als Kind, dass sie keine Mutter werden will. Sie hat sich inzwischen auch mit einer möglichen Sterilisation auseinandergesetzt.
Wie stark sinken die Geburten in der Schweiz?
Zahlenberichten zufolge ging die Zahl der Geburten in der Schweiz von 2019 bis 2024 um 5,8 Prozent zurück.
Warum verzichten junge Menschen auf Kinder?
Genannte Gründe sind neben persönlicher Selbstbestimmung und der Angst, sich in der Mutterrolle zu verlieren, auch die hohen Lebenshaltungs- und Kinderbetreuungskosten.
