IS-Propaganda im Netz: Wie junge Menschen in der Schweiz radikalisiert werden
Trotz des Verlusts seines Herrschaftsgebiets in Syrien und im Irak bleibt der Islamische Staat (IS) im gewalttätigen islamistischen Spektrum die dominierende Kraft. Die Terrorgruppe rekrutiert weiterhin aktiv, auch in der Schweiz. Daniel Glaus, Fachredaktor Extremismus beim Schweizer Fernsehen SRF, analysiert die Mechanismen der IS-Propaganda, ihre Zielgruppen und die gesellschaftlichen Faktoren, die Radikalisierung begünstigen.
Welche Rolle spielen Internet und soziale Medien?
Die Propagandastrategie des IS hat sich grundlegend gewandelt. Während Al Kaida noch auf Boten mit VHS-Kassetten angewiesen war, setzt der IS heute auf sogenannte Influencer-Prediger auf Plattformen wie Tiktok. Von dort aus führt der Weg über immer explizitere Inhalte bis in geschlossene Foren. Die Vorarbeit muss der IS nicht selbst leisten; die Propaganda ist zum Selbstläufer geworden. Social Media sind zentral, und die Helfer des IS wissen genau, was junge Menschen anzieht. Es wird nicht nur passiv konsumiert, sondern es entstehen Chats, in denen Jugendliche direkt zu Gewalt angestachelt werden.
Wen soll die Propaganda ansprechen?
Der Weg zum IS beginnt oft scheinbar harmlos mit einer Onlinesuche zu existenziellen Fragen nach dem Lebenssinn, zur Religion oder zu aktuellen Ereignissen wie dem Gaza-Krieg. Gemäss Fachleuten sind es häufig Jugendliche mit psychischen Problemen oder in Lebenskrisen, die sich radikalisieren. Sie scheinen in der rigiden Welt des IS Halt zu finden. Wie stark jemand ideologisch gefestigt ist, spielt für den IS keine Rolle. Hauptsache, die Tat folgt. So kann fast jeder Teil von etwas Grösserem werden.
Mit welchen Versprechen werden Jugendliche angelockt?
Das Drehbuch der IS-Propaganda folgt einem klaren Muster: Bekenne dich zu uns, schreite gegen die Ungläubigen zur Tat, werde zum Helden. Diesem Schema ist wohl auch der Verdächtige in Berlin gefolgt. Besonders junge Männer, viele aus muslimischen Familien und einige Konvertiten, fühlen sich laut Forensikern von Bildern des starken Mannes und furchtlosen Kriegers sowie vom Versprechen auf Brüderlichkeit und Macht angesprochen. Andere, insbesondere bereits Kriminelle und Gewalttäter, finden in der IS-Ideologie eine Legitimierung ihres Handelns.
Was sind die Feindbilder des IS?
In Berlin waren es Schwule, Lesben und queere Menschen. Auch ungläubige Musliminnen und Muslime gelten als legitime Ziele. Die Propaganda richtet sich zudem stark gegen Jüdinnen und Juden sowie christliche Menschen, unabhängig von deren Religiosität. Frühere Attentate trafen Musikfans, Menschen vor einer Bar oder wahllose Passanten. Kurz: Wer homophob, antisemitisch oder antiwestlich eingestellt ist und seinem Hass einen ideologischen Anstrich verleihen will, wird beim IS fündig.
Was ist die Botschaft der Propaganda?
Ein Hauptmotiv der Propaganda ist die Behauptung, der Westen führe einen Krieg gegen den Islam. Deshalb müssten sich alle Muslime unter dem Banner des IS zusammenschliessen. Es klingt pervers angesichts des Weltbildes des IS und seiner Taten, doch er verbreitet auch eine Vision einer vermeintlich guten, gerechten Welt. Für jene, die sich unterwerfen, versteht sich. Der IS will zudem glauben machen, alles Negative, was Muslime erlebten, sei Teil dieses Krieges. Die Botschaft lautet kurz: Wir gegen sie.
Weshalb sprechen selbst Jugendliche im Westen darauf an?
Einstellungen wie Judenhass, die Verachtung Homosexueller sowie die Abwertung von Demokratie und westlicher Kultur legen teilweise extremistische Imame, radikale Instagram-Hosts oder das familiäre und soziale Umfeld. Diese Personen werden selbst nicht unbedingt gewalttätig, bereiten aber den Boden, von dem der IS profitiert. Die Radikalisierung ist somit ein gesellschaftliches Phänomen, das einer wachsamen und aufgeklärten Öffentlichkeit bedarf.
Fazit
Die IS-Propaganda ist ein komplexes Phänomen, das auf psychologische Verwundbarkeiten und gesellschaftliche Spannungen abzielt. Für die Schweiz als souveränen Staat mit einer starken demokratischen Tradition bedeutet dies, die Anstrengungen in der Prävention zu verstärken, die digitale Kompetenz zu fördern und die institutionellen Sicherheitsvorkehrungen zu modernisieren. Nur so kann dem Einfluss extremistischer Ideologien wirksam begegnet werden.