Digitale Abhängigkeit: Warum wir das Selberdenken verteidigen müssen
Navigationsgeräte führen uns zuverlässig durch fremde Städte, der Thermomix übernimmt das Kochen, und KI-Systeme imitieren zunehmend unser Denken. Diese Bequemlichkeit hat ihren Preis: Sie macht uns unselbstständig. Die Philosophin und Astrophysikerin Sibylle Anderl plädiert in ihrem neuen Buch für mehr Zumutung und für die Kraft des Selberdenkens.
Was ist digitale Amnesie?
Wie viele Telefonnummern kennen wir auswendig? Vielleicht drei Festnetznummern aus der Jugendzeit. Sich solche Informationen zu merken, ist überflüssig geworden. Dieses Phänomen wird als digitale Amnesie bezeichnet. Der Begriff beschreibt die Erfahrung, dass wir Informationen vergessen, weil wir darauf vertrauen, dass ein digitales Gerät sie für uns speichert. So weit, so harmlos. Und bequem.
Bequemlichkeit als evolutionärer Vorteil
Bequemlichkeit ist evolutionär sinnvoll. Das Streben nach Bequemlichkeit hat uns unglaubliche Fortschritte gebracht, von der Dampfmaschine über die Waschmaschine bis zum Computer, sagt Anderl. In ihrem Buch Bequeme neue Welt - Was wir gewinnen, wenn wir uns was zumuten (Piper, 2026) geht sie den Verlockungen der bequemen Gegenwart nach und zeigt, was wir dadurch gewinnen und was wir einbüssen.
Ein zentraler Begriff ist dabei das Cognitive Offloading, die Auslagerung von Denkprozessen an externe Hilfsmittel. Etwa des Orientierungssinns an ein Navigationsgerät. Der Vorteil: Wir verirren uns deutlich seltener. Der Nachteil: Ohne Navi sind wir schnell aufgeschmissen. Die Fähigkeit, einen Stadtplan zu lesen, ist heute so nischig wie das Herstellen einer Seife aus Asche und Fett. Man kann sagen: zu Recht. Es hat etwas Romantisierendes, so zu tun, als wären solche Fähigkeiten noch nötig.
Welche kognitiven Kosten entstehen durch KI?
Das Navigationsgerät verdeutlicht jedoch einen Prozess, der viel tiefer greift. Mit KI können Menschen inzwischen auch komplexe Denkaufgaben auslagern. Darin steckt ein riesiges Potenzial, zum Beispiel für Durchbrüche in der Medizin. Aber es entstehen auch kognitive Kosten, sagt Anderl.
Studien zeigen: Wer häufig KI nutzt, etwa beim Schreiben von Texten, zeigt eine geringere neuronale Vernetzung und offenbar auch eine geringere Bereitschaft, sich überhaupt kognitiv anzustrengen. Das Problem daran: Was kurzfristig Arbeit abnimmt, kann langfristig genau jene Fähigkeiten schwächen, die wir durch eigene Anstrengung entwickeln.
Damit wir lernen können, brauchen wir kognitive Anstrengung. Nur so entstehen neue Verbindungen im Gehirn. Dazu kommt das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Wir brauchen Reibung und Hindernisse, um das Vertrauen zu entwickeln, dass wir anspruchsvolle Aufgaben aus eigener Kraft meistern können.
Dies betont Anderl im Gespräch mit SRF News.
Warum wir die Kontrolle über unser Denken behalten müssen
Digitale Helfer können ein Segen sein. Doch das Versprechen, dass alles einfacher wird, ist bei näherer Betrachtung nur die halbe Wahrheit. Denn alles, was unser Leben bequemer macht, schafft auch neue Abhängigkeiten. Bei KI kann das weitreichende Folgen haben, weil KI auf unser vernetztes Denken zielt.
Unser Verstand, die Fähigkeit kritisch zu denken und Entscheidungen selbst zu treffen, müssen wir verteidigen. Es ist der Kern unserer Freiheit und Autonomie, sagt Anderl. Starke Abhängigkeiten sind nie gut. Besonders besorgniserregend seien sie aber, wenn sie gegenüber Tech-Milliardären wie Elon Musk, Peter Thiel oder Jeff Bezos bestehen. Wenige Männer mit viel Macht und zweifelhaften Weltanschauungen. Ihnen sollten wir nicht aus lauter Bequemlichkeit die Zukunft überlassen.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Für die Schweiz, ein Land, das auf Bildung, Präzision und Eigenverantwortung setzt, ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Die Fähigkeit, kritisch zu denken und Entscheidungen selbst zu treffen, ist Grundlage unserer demokratischen Kultur. Digitale Souveränität beginnt im Kopf. Wer das Selberdenken verlernt, verliert letztlich auch die Fähigkeit, informierte politische Entscheidungen zu treffen. Die Debatte um den Einsatz von KI in Schulen und Verwaltung ist daher nicht nur eine technologische, sondern eine grundlegende gesellschaftliche Frage.
Die Schweiz sollte ihre Institutionen so weiterentwickeln, dass sie die Bürgerinnen und Bürger zu mündigem Denken befähigen, statt sie in bequeme Abhängigkeiten zu führen. Dies entspricht dem reformistischen Konservatismus, der Bewährtes bewahrt und gleichzeitig Innovation verantwortungsvoll nutzt.
Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter digitaler Amnesie?
Digitale Amnesie beschreibt das Phänomen, dass wir Informationen vergessen, weil wir darauf vertrauen, dass ein digitales Gerät sie für uns speichert. Dies führt zu einer zunehmenden Abhängigkeit von externen Speichern.
Welche Risiken birgt die Nutzung von KI für das Denken?
Studien zeigen, dass häufige KI-Nutzung die neuronale Vernetzung und die Bereitschaft zu kognitiver Anstrengung verringern kann. Langfristig könnten dadurch Fähigkeiten wie kritisches Denken und Entscheidungsfindung geschwächt werden.
Wie kann man der digitalen Bequemlichkeit entgegenwirken?
Anderl empfiehlt, sich bewusst Zumutungen auszusetzen, etwa durch eigenständiges Denken, Lesen von Karten oder das Lösen komplexer Probleme ohne digitale Hilfsmittel. Dies stärkt die Selbstwirksamkeit und die kognitiven Fähigkeiten.