Der Ökonom Daron Acemoglu, Nobelpreisträger von 2024 und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), sorgt mit seiner skeptischen Haltung zur künstlichen Intelligenz (KI) für Kontroversen. Während viele Ökonomen die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt als moderat einschätzen, warnt Acemoglu vor einer Verdreifachung der Arbeitslosigkeit innerhalb von zehn Jahren, falls keine Gegenmassnahmen ergriffen werden. Seine Position hat ihm nicht nur Zustimmung, sondern auch scharfe Kritik eingebracht, zuletzt vom britischen Wirtschaftsmagazin „The Economist“.
Wie unterschiedlich sind die Prognosen zu KI und Beschäftigung?
Die Meinungen darüber, wie viele Arbeitsplätze KI vernichten oder schaffen wird, gehen weit auseinander. Eine Metastudie der London School of Economics, die 74 Studien auswertete, zeigt eine Spannweite von minus 20 bis plus 25 Prozent bei den Beschäftigungsprognosen. Während Tech-Pioniere wie Bill Gates vor einem Jobverlust ohne staatliche Eingriffe warnen, verweisen die meisten Ökonomen auf historische Erfahrungen: Bisher führte technologischer Fortschritt selten zu dauerhaft höherer Arbeitslosigkeit, da neue Arbeitsfelder entstanden.
Warum widerspricht Acemoglu der Mehrheit?
Acemoglu argumentiert, dass die gegenwärtige KI-Entwicklung vor allem darauf ausgerichtet sei, Arbeitskräfte zu ersetzen, statt sie zu unterstützen. In einem Interview mit CBS bekräftigte er, dass ohne Regulierung die Arbeitslosigkeit in den nächsten zehn Jahren drastisch steigen könnte. Er fordert eine „Pro-Arbeiter-KI“, die menschliche Arbeit ergänzt, sowie Steuerreformen, die Kapital stärker belasten und Arbeit entlasten. Zudem spricht er sich für staatliche Umverteilung und eine Milliardärssteuer aus, um soziale Gerechtigkeit zu fördern.
Was steckt hinter der Kritik des „Economist“?
Ende August veröffentlichte der „Economist“ zwei Artikel, die Acemoglus Werk und Person angriffen. Der erste besprach sein neues Buch „Das liberale Versprechen“ als „enttäuschend“, der zweite titelte: „Der einflussreichste Ökonom der Welt wirkt seltsam unüberzeugend“. Acemoglu konterte mit einem offenen Brief, in dem er die Kritik als strategisch motiviert bezeichnete. Er vermutet, dass das Magazin sein Buch auf das Thema KI reduzieren wolle, um seine Warnungen vor den Gefahren der Technologie zu diskreditieren.
Welche Rolle spielt der „Liberalismus der Arbeiterklasse“?
In seinem neuen Buch entwickelt Acemoglu das Konzept eines „Liberalismus der Arbeiterklasse“. Er argumentiert, dass die liberale Demokratie früher auf einem gerecht verteilten Wohlstand beruhte, der heute weitgehend verloren sei. Um die Gesellschaft vor Autokratie und Polarisierung zu schützen, fordert er gute Arbeitsplätze, starke öffentliche Dienstleistungen und die Stärkung lokaler Gemeinschaften. Entscheidend sei, dass Freiheit heute weniger vom Staat, sondern vom wachsenden Einfluss privater Tech-Konzerne bedroht werde.
Wie reagiert Acemoglu auf seine Kritiker?
Acemoglu zeigt sich offen für sachliche Kritik, verlangt aber eine faire Debatte. Er beklagt, dass in der KI-Diskussion die Fähigkeit zum konstruktiven Streit verloren gegangen sei. Um dies zu fördern, lud er auf Social Media zu einer öffentlichen Debatte ein und stellte unbequeme Fragen, die von Medien und Brancheninsidern oft übergangen werden. Seine Position bleibt klar: Technologischer Fortschritt sei zu begrüssen, aber ohne soziale Absicherung und demokratische Kontrolle drohe eine Spaltung der Gesellschaft.
Für die Schweiz, die sich als Innovationsstandort versteht, sind diese Debatten von grosser Bedeutung. Die Herausforderung besteht darin, den technologischen Wandel zu nutzen, ohne die soziale Kohäsion zu gefährden. Acemoglus Ansatz bietet dabei eine Grundlage, um über eine ausgewogene KI-Politik nachzudenken, die sowohl wirtschaftliche Dynamik als auch gesellschaftliche Stabilität berücksichtigt.
