Kurz vor den US-Zwischenwahlen vom 3. November 2026 zeigt sich in Detroit das Bild einer Industrie im Umbruch: General Motors hat in der Factory Zero die Produktion gedrosselt und Stellen gestrichen, während Zölle auf kanadische und mexikanische Teile die Lieferketten belasten. Wie Blick.ch in einer Reportage aus der Motor City berichtet, warten viele Beschäftigte auf Schichten, die nicht kommen.
Die Lage in Michigan ist auch politisch brisant. Der Bundesstaat gilt als Swing State; 2024 entschied Donald Trump ihn mit nur 80'000 Stimmen Vorsprung für sich. Rund eine halbe Million Menschen arbeitet dort in der Autoindustrie, und ihre Stimmen könnten am Dienstag über die Mehrheitsverhältnisse im Repräsentantenhaus mitentscheiden.
Weniger Schichten, weniger Überstunden
Eine Werksangehörige, die seit 18 Jahren bei GM Elektro-Hummer, Sierra und Silverado baut, verdiente 40 Dollar pro Stunde und genoss eine Krankenversicherung. Doch die Realität hinter den Fabrikmauern ist rasp geworden: Bauteile aus Mexiko bleiben an der Grenze hängen, Schichten enden früher, im November und Dezember werden Beschäftigte regelmässig vorübergehend nach Hause geschickt.
«Ich baue jeden Tag Autos, die ich mir selbst nicht leisten kann», sagte die Arbeiterin gegenüber Blick. «Uns trennt nur ein Lohnscheck von der Obdachlosigkeit.» Die Werksangehörigen wurden angewiesen, nicht mit der Presse zu sprechen; deshalb traten mehrere von ihnen in der Reportage unter falschem Namen auf.
Der Fabrikarbeiter Louis Snowden arbeitete vor der Wahl 2024 zwölf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, teils am Wochenende, und verdiente über 100'000 Dollar im Jahr. Nach Trumps Amtsantritt wurden aus zwölf Stunden zehn, später acht. Schliesslich strich GM eine ganze Schicht. «Ich habe den jungen Leuten gesagt: Spart euer Geld. Wenn Trump gewinnt, sind die Überstunden weg», erzählte er.
Zölle und das Ende der Kaufanreize
Die Trump-Regierung hat die staatlichen Kaufanreize für Elektroautos beendet. Gleichzeitig belasten Zölle den Handel mit Kanada und Mexiko, Ländern, mit denen die US-Autobauer ihre Produktion seit Jahrzehnten verzahnt haben. Snowden hält wenig von der Zollpolitik: «Wenn die Hersteller die Kosten an Kunden weitergeben, die ohnehin schon kämpfen, woher sollen die dann das Geld für ein neues Auto nehmen?»
Die Absatzkrise wirkt über die Landesgrenzen hinaus. Wie Michigan MITech News berichtet, verlieren in den USA gebaute Fahrzeuge in Kanada deutlich an Marktanteil, während Mexiko und Japan zulegen. Diese Verschiebung stellt die Absatzgrundlage der Hersteller in Michigan direkt in Frage.
Zugleich dünnnt GM seine Elektrifizierungskapazität aus. General Motors schliesst die Batteriemontage in Brownstown bei Detroit; offiziell läuft der Pachtvertrag aus, wie Notebookcheck meldet. Der Schritt fügt sich in die Milliarden-Abschreibungen und die Abkehr vom reinen E-Auto-Kurs des Konzerns. Die Mitarbeitenden sollen laut It-Boltwise an andere Standorte verlagert werden.
Entlassungen und die Frage der Qualifikation
Die Krise trifft nicht nur Werksbeschäftigte. Der Datenanalyst Carl Safford verlor im Juni 2026 seine Stelle bei einem Dienstleister der Autoindustrie; sein Jahreslohn betrug 90'000 Dollar. «Ich war der bestbezahlte Analyst. Also haben sie mich entlassen», sagte er. Trotz mehrerer Masterabschlüsse und Hunderten von Bewerbungen findet er keine neue Anstellung.
Ein Angebot hätte er: KI-Systeme trainieren, für 50 bis 100 Dollar pro Stunde. Safford lehnt ab, mit der Begründung: «Damit trainiere ich mich selbst aus dem Job.» Seine Bilanz des amerikanischen Versprechens, wer hart arbeite, komme voran, fällt ernüchternd aus: «Wie soll ich hart arbeiten, wenn ich keine Arbeit finde?»
Der 29-jährige Jeff Austin vollzog den umgekehrten Schritt: Er kündigte bei der Fabrik, weil er in drei Abenden als Barkeeper mehr verdiente als in fünf Tagen Werksarbeit. Ein Zeichen dafür, wie sehr die Löhne in der Industrie unter Druck geraten sind.
Migranten im Visier der Politik
Besonders prekär ist die Lage ausländischer Fachkräfte. Der Ingenieur Praveen Ssama aus Südindien arbeitet mit einem H-1B-Visum in den USA. Verliert er seinen Job, muss er das Land sofort verlassen. «Ich hätte nicht mal Zeit, mein Auto zu verkaufen», sagte er. Seit Trump wieder im Amt ist, fürchtet er eine Verschärfung der Migrationspolitik: «Eine Entscheidung des Präsidenten, und du bist weg.»
Was das für die Wahlen am 3. November bedeutet
Trump versprach 2024, Fabrikjobs nach Amerika zurückzuholen. In Detroit sind die Arbeiter längst da; sie warten auf Schichten, die von der Zollpolitik und der schwachen Nachfrage nach Elektroautos abhängen. Die Republikaner verfügen derzeit über die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses; den Umfragen nach dürfte sich das ändern.
Für die Schweizer Aussen- und Wirtschaftspolitik ist Detroits Lage mehr als eine Randnotiz. Die USA sind ein wichtiger Absatzmarkt für die Schweizer Exportindustrie; eine protektionistische Handelspolitik, die selbst verbündete Nachbarn wie Kanada und Mexiko trifft, zeigt, wie wenig Rücksicht Washington auf kleine, offene Volkswirtschaften nimmt. Der Fall GM illustriert zudem, dass Subventionsabbau und Zölle kurzfristig Arbeitsplätze kosten, statt sie zu schaffen.
Häufige Fragen
Warum streicht General Motors Stellen in Detroit?
Die Nachfrage nach Elektroautos bleibt hinter den Erwartungen zurück, die Trump-Regierung hat die Kaufanreize beendet, und Zölle erschweren die Zulieferung aus Mexiko und Kanada. GM drosselt deshalb die Produktion in der Factory Zero und schliesst die Batteriemontage in Brownstown.
Welche politische Bedeutung hat Michigan?
Michigan ist ein Swing State mit rund einer halben Million Beschäftigten in der Autoindustrie. Trump gewann den Bundesstaat 2024 mit nur 80'000 Stimmen Vorsprung; die Unzufriedenheit der Autobarbeiter könnte am 3. November 2026 den Ausgang der Midterms mitbestimmen.
Wie treffen die Zölle die Autobauer?
US-Autobauer teilen ihre Produktion seit Jahrzehnten mit Kanada und Mexiko. Zölle lassen Teile an der Grenze liegen und verteuern die Fertigung; die Hersteller geben die Kosten an Kunden weiter, die sich neue Autos ohnehin schwer leisten können.
