Nach einem halben Jahrhundert erscheint am 8. Dezember 2026 die letzte Ausgabe des feministischen Magazins «Emma». Die Gründerin Alice Schwarzer teilte dies der Deutschen Presse-Agentur in Köln mit. Wirtschaftliche Gründe spielten bei der Einstellung keine entscheidende Rolle, betonte die 83-Jährige.
Schwarzer gilt als die bekannteste Feministin Deutschlands. Ihr Magazin, das am 26. Januar 1977 erstmals erschien, war zuletzt nach eigener Aussage das weltweit letzte professionelle Publikumszeitschriftenmagazin am Kiosk in feministischer Trägerschaft. Dies berichtet watson.ch/ unter Berufung auf die Deutsche Presse-Agentur.
Kein finanzieller Zwang, sondern ein bewusster Entschluss
«Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben», versicherte Schwarzer in einer Erklärung. «Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!» «Emma» habe über drei Generationen hinweg die Stellung gehalten und «gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus» Position bezogen. «Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet», schrieb sie mit einem Wortspiel auf den Titel ihrer Zeitschrift.
Die Jubiläumsausgabe zum 50-jährigen Bestehen am 8. Dezember wird laut Redaktion die letzte sein, wie auch Blick berichtet. Online soll die Marke weiterleben.
Ein Magazin als Gegenentwurf zu den «Männermedien»
Die «Emma» sollte von Anfang an ein Gegengewicht zu den damals von Männern dominierten Redaktionen bilden. Anfangs residierte die Redaktion am Kölner Kolpingplatz, später zog sie in den mittelalterlichen Bayenturm im Kölner Rheinauhafen. Dort arbeitete Schwarzer unter einem Bild der französischen Philosophin Simone de Beauvoir, die ihr in den 1960er Jahren den Weg gewiesen hatte.
Zu den Themen, über die das Magazin nach eigenen Angaben lange «quasi alleine» berichtet habe, zählen der sexuelle Missbrauch von Kindern und der Islamismus. Bei diesen Themen sei die «Emma» schon 1978 beziehungsweise 1979 eingestiegen, lange vor den anderen Medien. Auch auf Themen wie das Ehegattensplitting, den Brustkrebs oder die Genitalverstümmelung seien andere Medien oft erst durch Veröffentlichungen der «Emma» aufmerksam geworden.
Der Chefredaktionsstreit und die Frage der Nachfolge
Immer wieder war die Frage aufgeworfen worden, ob Schwarzer die Leitung des im Zweimonatsrhythmus erscheinenden Blattes nicht in jüngere Hände geben müsse. 2008 übernahm tatsächlich die Journalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion, doch schon nach kurzer Zeit kam es zum Zerwürfnis, und Schwarzer nahm das Heft wieder selbst in die Hand.
In der am 27. Oktober erscheinenden vorletzten Ausgabe versichert sie, sie habe im Laufe der Zeit durchaus versucht, «weitere Kolleginnen in unserem Geiste» zu finden, darunter auch eine potenzielle Chefredakteurin. Es gebe Journalistinnen, die infrage gekommen wären, doch hätten diese andere Medien bevorzugt. Begründung Schwarzers: «Da weht der Wind von aussen nicht ganz so rau.»
Kontroversen um den Ukraine-Krieg und Transthemen
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 hatte sich Schwarzer, teils gemeinsam mit Sahra Wagenknecht, wiederholt für schnelle Friedensverhandlungen mit Russland ausgesprochen. Kritiker werfen ihr vor, sie verliere dabei aus dem Blick, wer in diesem Krieg der Aggressor und wer das angegriffene Land sei. 2024 räumte Schwarzer ein, dass diese Haltung auch Folgen für die Abonnentinnenzahl hatte.
«Für Emmas Friedenskurs» habe es 2023 viel Zustimmung von den Leserinnen gegeben, sagte sie. «Aber immerhin jede fünfte Leserin hat aus Protest ihr Abonnement gekündigt. Das soll weh tun, und tut es auch.» Sie werde sich davon nicht einschüchtern lassen.
Proteste zog Schwarzer ebenfalls mit ihrer Haltung zu Transpersonen auf sich. 2023 forderten 33 Autorinnen und Künstler die Absage einer Veranstaltung mit ihr beim Literarischen Herbst in Leipzig, weil sie immer wieder durch «transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen und Publikationen» auffalle. Schwarzer reagierte empört; sie habe Transsexuelle nie angegriffen, versicherte sie der dpa. Kritisch sehe sie allerdings «die neue Transideologie, die das Recht auf den Personenstandswechsel ab dem 14. Lebensjahr und auf gefährliche Hormonbehandlungen und Operationen für alle fordert». Es müsse möglich sein, diese Meinung zu vertreten, ohne aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen zu werden. Auch darüber berichtet der Tages-Anzeiger.
2017 noch Zuversicht zum Fortbestand
Beim 40-jährigen Jubiläum 2017 hatte Schwarzer die Zukunft der «Emma» noch optimistisch eingeschätzt. Feministische Themen seien wieder gefragter als zehn Jahre zuvor, sagte sie damals der dpa. «Man hat in den 90ern geglaubt, man hätte schon alles erreicht. Und jetzt sehen wir: So schnell geht das nicht.»
Heute sei vielfach kaum noch bekannt, was Frauen damals alles durchlitten und sich mühsam erkämpft hätten, ist Schwarzers Ansicht. In Vergessenheit geraten sei andererseits aber auch, wie frei Frauen damals in mancher Hinsicht gewesen seien.
Das Archiv geht nach Marbach
Ein Umstand dürfte historisch interessierte Kreise beruhigen: Das «Emma»-Archiv mit Kisten und Kartons, Korrespondenzen und Kampagnen wird vollständig in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufgenommen und dort Interessierten erschlossen. Damit werde die «Emma» letztlich «in die Ewigkeit gehen», wie Head Topics die Erklärung Schwarzers zusammenfasst.
Für die Schweizer Medienlandschaft bleibt der Vorgang vor allem eine Erinnerung daran, dass gedruckte Publikumszeitschriften mit klarem profilgebendem Standpunkt ein Auslaufmodell geworden sind. Ob eine Marke allein online überleben kann, wird die Zeit zeigen.
Häufige Fragen
Wann erscheint die letzte Ausgabe der «Emma»?
Die letzte gedruckte Ausgabe der «Emma» erscheint am 8. Dezember 2026, wie die Redaktion mitteilte.
Warum wird die «Emma» eingestellt?
Gründerin Alice Schwarzer nennt keine wirtschaftlichen Gründe. Die Einnahmen deckten weiterhin die Ausgaben; das Magazin gehe aus freiem Entschluss, weil man nach 50 Jahren «ermattet» sei.
Wo wird das Archiv der «Emma» aufbewahrt?
Das vollständige Archiv der «Emma» wird ins Deutsche Literaturarchiv Marbach aufgenommen und dort der Öffentlichkeit erschlossen.