Der französische Schriftsteller und Philosoph Pascal Bruckner hat die Ausschreitungen vom Samstagabend in Paris als Zeichen eines versagenden Staates bezeichnet. In einem Gespräch mit dem Schweizer Portal watson.ch/ schilderte er, wie in seinem Quartier im Haut-Marais, zwischen dem Hôtel de Ville und der Place de la République, Plünderer nahezu ungehindert Geschäfte angriffen, während die Polizei nicht erschien.
Die Unruhen, die sich am Samstagabend auch im Pariser Stadtzentrum ereigneten, dehnen nach Bruckners Beobachtung ein Phänomen aus, das bisher weitgehend auf die Banlieues beschränkt war. «Die Ausschreitungen, die früher auf die Vororte beschränkt waren, finden nun auch im Stadtzentrum statt», sagte er gegenüber watson.ch/. Es handele sich nicht um politischen Protest, sondern um schlichte Bereicherung.
Was geschah am Samstagabend im Pariser Stadtzentrum?
Bruckner berichtete, dass in seinem Viertel an besagtem Abend kein einziger Polizist sichtbar gewesen sei. Anwohner hätten mehrfach die Polizei gerufen, ohne dass jemand gekommen wäre. «Die Plünderer hatten freie Hand. Es herrschte Chaos», so der Philosoph.
Betroffen war unter anderen das im Quartier bekannte Café du Progrès, dessen Schaufensterscheiben eingeschlagen wurden. Ein Mitarbeiter des Cafés bestätigte dies gegenüber watson; ein Metallgitter verhinderte jedoch das Eindringen der Randalierer in das Innere. Bruckner zog daraus ein kritisches Fazit über den Zustand des Landes: «Wir sind ein Land, in dem es keinen Staat und keine Autorität mehr gibt.»
Bruckners Analyse: Fehlende Autorität als Kernproblem
Bruckner, der zu den bekanntesten Intellektuellen Frankreichs zählt, führt die Eskalation auf den Autoritätsverlust der staatlichen Institutionen zurück. Er bezog sich dabei auch auf die Ansprache von Staatspräsident Emmanuel Macron am Sonntagabend, der sichtlich blass gewirkt habe. Wenn staatliche Autorität fehle, nutzten dies alle Kräfte, «die darauf aus sind, die Gesellschaft auseinanderzureissen».
Seine Schlussfolgerung ist deutlich: Wenn der Staat seine Schutzfunktion nicht mehr erfülle, werde die Bevölkerung zur Selbstorganisation greifen. «Wenn die Polizei die Franzosen nicht mehr schützen kann, werden sie sich eben selbst schützen», sagte er gegenüber watson.ch/. Für einen Rechtsstaat ist eine solche Entwicklung eine bedenkliche Diagnose, denn Selbstjustiz ersetzt kein Gewaltmonopol.
Zur Person: Pascal Bruckner
Der 1948 geborene Bruckner gilt als einer der prägenden Intellektuellen des Landes. Er zählt zu jenen Denkern, die sich von der politischen Linken abgewandt haben und heute zu deren scharfsten Kritikern zählen. In der Schweiz ist er durch regelmässige Auftritte und Publikationen bekannt.
Die Rolle von La France insoumise im politischen Klima
Im Gespräch mit watson.ch/ machte Bruckner neben dem Autoritätsverlust auch die Rhetorik der extremen Linken für die Eskalation mitverantwortlich. Insbesondere die Partei La France insoumise von Jean-Luc Mélenchon rufe zu zivilem Ungehorsam und zum Aufstand der Bürger auf. «Jean-Luc Mélenchons Partei will in Frankreich Chaos stiften», sagte er. «Das könnte sich allerdings gegen sie selbst wenden.»
Er relativierte indes die politische Einheit der Plünderer. Nicht alle von ihnen seien linksradikal; einige wollten schlicht vom Kapitalismus profitieren und «Geschäfte machen». Die Unruhe sei somit ein Gemisch aus ideologischer Aufruhr und schlichter Kriminalität.
Präsidentschaftswahl: Le Pen und die taktische Frage
Wie das Portal watson.ch/ in seiner Berichterstattung betont, hat Marine Le Pen am Samstagabend «haushoch gewonnen», gemeint ist die politische Nutzanwendung der Unruhen für die Rechte. Bruckner warnt gleichwohl davor, den Randalierern eine politische Heimat zuzuschreiben, die sie nicht haben. Die urbane Mittelschicht, die bisher eher links gewählt habe, fürchte sich jedoch schon länger vor Plünderungen; eine Verschiebung des politischen Timings zugunsten der Rechten ist nach dieser Logik nur eine Frage der Zeit.
Bruckner selbst, ursprünglich dem linken Spektrum zugehörig, lehnt eine Wahl Le Pens kategorisch ab. «Nein, auf keinen Fall», sagte er. Stattdessen kündigte er an, wie viele Französinnen und Franzosen taktisch zu wählen, um zu verhindern, dass Mélenchon in die Stichwahl gegen Le Pen gelangt. «Dann hätte sie tatsächlich beste Chancen auf einen Sieg.»
Einordnung für die Schweiz: Was heisst das für den Nachbarn?
Die Ereignisse in Paris berühren auch die Schweiz. Ein Nachbarstaat, in dem die staatliche Ordnung in Grossstädten bröckelt, ist für die Schweiz als Wirtschafts- und Verkehrspartner kein neutrales Umfeld. Fragen der inneren Sicherheit, der Migrationspolitik und der Glaubwürdigkeit staatlicher Institutionen stellen sich in Frankreich mit demonstrativer Schärfe; dasselbe gilt für die Debatte über die Rolle des Staates gegenüber der Bürgergesellschaft.
Diese Debatte ist auch in der Schweiz nicht unbekannt. Wer die innenpolitische Lage in Frankreich verfolgt, findet in der Berichterstattung über die Unruhen und die Reaktion Macrons ergänzende Einordnungen, etwa zu