Die Geschichtswissenschaftlerin Laura Rischbieter sieht in der aktuellen Künstlichen-Intelligenz-Bohrung alle Zutaten einer klassischen Finanzblase beisammen. In einem Interview mit watson.ch/ vom 17. Oktober 2026 sagte sie mit Bezug auf die KI-Branche: «Es ist alles gegeben, dass diese Blase platzt.»
Der Vergleich ist kein rhetorischer. Rischbieter stützt sich auf Muster, die sich in den vergangenen 200 Jahren vor jedem grossen Börsenkrach nachweisen liessen. Und mehrere dieser Muster sind heute wieder sichtbar.
Eine Billion Dollar Schulden in einem Jahr
Die zentrale Kennzahl liefert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Wie Rischbieter ausführt, haben die fünf grossen Tech-Unternehmen allein im letzten Jahr eine Billion Dollar Schulden aufgenommen. Das entspricht 1000 Milliarden, ungefähr dem Staatshaushalt Deutschlands. Das Geld fliesst vor allem in Rechenzentren, deren Rentabilität ungeklärt ist.
Ob die KI-Firmen wie Anthropic oder OpenAI die erhofften Gewinne je einfahren können, sei fraglich, sagte Rischbieter. Ein weiteres Warnsignal: Die Kredite an diese Firmen werden zunehmend kurzfristiger vergeben, während die Nachfrage nach Kreditausfallversicherungen steigt. Auch der Finanzmarkt hat also seine Skepsis.
Warum billiges Geld Blasen nährt
Historisch traten Blasen meist in einem Umfeld auf, in dem Leitzinsen tief und Kredite billig waren. Das war bis vor Kurzem der Fall. Gleichzeitig lahmt die reale Wirtschaft, und institutionelle Anleger wie Pensionskassen suchen nach Anlagen für ihr günstiges Geld. Die Heilsversprechen der KI-Branche kommen da gerade recht, so Rischbieter. Es entstehe eine regelrechte Euphorie, ein weiteres typisches Blasen-Merkmal.
Ihr Zeitfenster ist knapp bemessen: Wenn in den nächsten vier Jahren nicht genügend europäische und asiatische Firmen KI-Lösungen aus den USA abnehmen, «dann wird es schwierig». Stabilisierend wirken derzeit allerdings Kreditbeziehungen zwischen den KI-Firmen selbst sowie langfristige Verträge mit Chipherstellern. Das könne das Platzen der Blase allenfalls abfedern, nicht aber verhindern.
Historische Vorbilder: Eisenbahnboom und Gründerkrise
Rischbieter, die als Professorin Wirtschaftsgeschichte lehrt, nennt zwei Präzedenzfälle. Erstens den Eisenbahnboom des frühen 19. Jahrhunderts: Eine teure Technologie mit gigantischem Infrastrukturbedarf, deren führende Unternehmen am eigenen Tempo scheiterten, weil Arbeiter fehlten und Berge im Weg standen. Diese Blase platzte mehrfach.
Zweitens die Gründerkrise von 1873. Damals wurden Zugangsschranken an Börsenplätzen wie Berlin abgeschafft, Euphorie breitete sich aus, und das Kapital klumpte sich in wenigen Branchen: Bauwesen, Eisenbahnen und die damalige Zukunftstechnologie Telegraphie. Als eine grosse Wiener Bank ihre Zahlungsunfähigkeit bekannt gab, kollabierten in wenigen Stunden 120 Banken in Österreich-Ungarn. Die Vertrauenskrise erfasste europäische und amerikanische Börsen rasend schnell, weil niemand mehr bereit war, offene Kredite zu verlängern.
Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar: ein Klumpenrisiko bei wenigen Firmen, gigantische Kreditaufnahme und Euphorie auf Basis grosser Erwartungen. Wie der Bote berichtet, sieht Rischbieter darin klare Risiken für die heutige Marktlage.
Was Regulierung leisten kann
Ein wiederkehrendes Phänomen vor früheren Krisen: Es gab entweder keine Regulierung, oder sie wurde in den Jahren zuvor zurückgefahren. Bei der KI fehlt bislang jedes Anzeichen für griffige Massnahmen. Rischbieter sieht Ansatzpunkte vor allem bei der Transparenz, damit Bilanzen richtig eingeschätzt und Kreditausfallrisiken sichtbar werden.
Für Zentralbanken gilt historisches Fingerspitzengefühl. Vor der Weltwirtschaftskrise von 1929 hob die amerikanische Notenbank den Diskontsatz an und brachte damit die Blase in New York zum Platzen. Zinserhöhungen können eine Blase dämpfen, so Rischbieter, doch das brauche Feingefühl. Die US-Notenbank agiere derzeit relativ umsichtig und habe den Zins zuletzt leicht angehoben, trotz gegenteiliger Forderungen von Donald Trump.
Was das für die Schweiz und die UBS bedeutet
Für die Schweiz stellt sich die Frage nach der Verwundbarkeit der eigenen Grossbank. Die Debatte um höhere Eigenmittel für systemrelevante Institute kocht seit der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS wieder hoch. Rischbieter findet es bemerkenswert, wie entschieden die Schweiz jetzt zu regulieren versucht. Die Grösse der UBS stehe «im Missverhältnis zur Schweizer Volkswirtschaft», sie spricht von einer Ohnmachtssituation. Ob die vorgesehenen Eigenmittelvorschriften im Fall eines Platzens der KI-Blase helfen, hänge davon ab, wie stark die UBS bereits in diesem Feld investiert sei. Das sei derzeit nicht bekannt.
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