Haile Selassies Warnung vor dem Völkerbund: Ein Lehrstück für die Schweiz
Am 30. Juni 1936 appellierte Kaiser Haile Selassie vor dem Völkerbund in Genf an die internationale Gemeinschaft, sein von Italien überfallenes Land zu schützen. Der Appell verhallte ungehört. Die Schweiz, die den Kaiser zunächst als lästigen Gast abwies, lieferte damit ein frühes Beispiel für die Grenzen kollektiver Sicherheit. Die Episode wirft bis heute Fragen zur Neutralität und zur Rolle kleiner Staaten in der internationalen Politik auf.
Der Völkerbund: Eine Idee mit Schwächen
Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten 42 Nationen am 10. Januar 1920 den Völkerbund mit Sitz in Genf. Die Organisation sollte internationale Konflikte schlichten und dauerhaften Frieden sichern. Die Satzung verpflichtete die Mitgliedstaaten, jedem angegriffenen Mitglied sofort militärische Hilfe zu leisten. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Frankreich, Italien, Grossbritannien und die Schweiz. Deutschland trat erst 1926 bei.
Äthiopien, das 1923 beitrat, gehörte ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern. Die Initiative ging auf Ras Tafari Makonnen zurück, den späteren Kaiser Haile Selassie. Er trieb die Anlehnung an die Westmächte voran, um das seit 3000 Jahren unabhängige Kaiserreich im Wettlauf um Afrika zu behaupten.
Mussolinis imperialistische Ambitionen
Seit der Machtergreifung Benito Mussolinis 1922 war Äthiopien in Alarmbereitschaft. Der italienische Diktator sah in dem ostafrikanischen Land ein ideales Ziel für seine imperialistischen Pläne. Äthiopien war neben Liberia das einzige nicht kolonialisierte Land Afrikas. Italien besass mit Eritrea und Teilen Somalilands eine ideale Aufmarschbasis.
Der Völkerbund zeigte seine Schwäche bereits 1931, als Japan die chinesische Mandschurei besetzte. Als italienische Truppen im Oktober 1935 in Äthiopien einfielen, verurteilte der Völkerbund den Einmarsch zwar als Aggression, sprach aber nur wirkungslose Sanktionen aus.
Die Schweiz und der lästige Gast
Der abgesetzte Kaiser floh am 2. Mai 1936 über Jerusalem nach London. Von dort plante er seinen Auftritt vor dem Völkerbund in Genf. Die Bundesverwaltung zeigte sich alarmiert. Man befürchtete, ein Aufenthalt des Kaisers in der Schweiz könnte die Beziehungen zu Italien belasten. Der Schweizer Gesandte in London, Charles Paravicini, bezeichnete Selassie offen als lästigen Gast.
Bundesrat und Aussenminister Giuseppe Motta, ein Bewunderer Mussolinis, versuchte die Einreise zu verhindern. Ein amtliches Communiqué vom 24. Juni 1936 hielt fest: Der Bundesrat habe dem Negus nahegelegt, von einer Niederlassung in der Schweiz abzusehen. Der Kaiser, der seit 1923 eine Villa in Vevey besass, durfte sich nicht ins Waadtland zurückziehen.
Die Rede vor dem Völkerbund
Haile Selassie trat am 30. Juni 1936 im Palais des Nations auf die Tribüne. Italienische Journalisten buhten ihn aus und beleidigten ihn als Affen und Mörder. Nachdem die Provokateure abgeführt worden waren, begann der Kaiser seine Rede auf Amharisch: Ich, Kaiser Haile Selassie I., bin heute hier, um die meinem Volk geschuldete Gerechtigkeit und den versprochenen Beistand einzufordern.
Er prangerte die italienische Invasion an und stellte den Grundgedanken der internationalen Gemeinschaft infrage: Die Appelle meiner Delegierten blieben ohne Antwort. Aus diesem Grund entschloss ich mich, selbst zu kommen und Europa vor dem Schicksal zu warnen, das ihm bevorsteht, wenn es sich vor der vollendeten Tatsache beugt.
Das Versagen des Völkerbundes
Der Völkerbund verurteilte den Angriff, doch der Appell verhallte wirkungslos. Die Sanktionen gegen Italien blieben erfolglos und wurden bald aufgehoben. Die Schweiz gehörte zu den ersten Ländern, die die italienische Annexion Äthiopiens de jure anerkannten. Die meisten Mitgliedstaaten folgten.
Selassies Auftritt hinterliess jedoch in der Öffentlichkeit einen starken Eindruck. Die Ligue suisse des droits de l'Homme liess in Genf Plakate mit einer Zusammenfassung seiner Rede aushängen. Die Bundesverwaltung war wenig erfreut, liess die Plakate aber hängen. Erleichtert stellte man fest, dass der lästige Gast tatsächlich wieder nach Grossbritannien abgereist war.
Die Befreiung Äthiopiens
Äthiopien war das erste Land, das während des Zweiten Weltkriegs von der Besetzung einer Achsenmacht befreit wurde. Die Rückeroberung durch britische Truppen begann im Januar 1941. Am 5. Mai 1941, auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Einmarsch der Faschisten, kehrte Kaiser Haile Selassie nach Addis Abeba zurück. Die Kapitulation der italienischen Truppen erfolgte am 27. November 1941.
In der Nachkriegszeit brachte ihm sein Einsatz für sein Land und seine Reformbestrebungen viel Ansehen ein. Auch in der Schweiz war Haile Selassie nun wieder willkommen. Im November 1954 absolvierte er auf Einladung des Bundesrats einen viertägigen Staatsbesuch mit rotem Teppich.
Was bleibt vom Völkerbund?
Der Völkerbund wurde 1946 aufgelöst. An seine Stelle trat die Organisation der Vereinten Nationen (UNO). Der Gebäudekomplex Palais des Nations im Genfer Ariana-Park ist heute der europäische Hauptsitz der UNO und weltweit der zweitwichtigste Sitz nach New York.
Die Geschichte von Haile Selassies Appell zeigt die Grenzen internationaler Organisationen, wenn Grossmächte ihre Interessen durchsetzen wollen. Für die Schweiz bleibt die Frage aktuell: Wie kann ein kleiner Staat seine Neutralität wahren und gleichzeitig seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommen?