Der Bundesgrundlagenbericht über antimuslimischen Rassismus bezeichnet die Schule als einen der wichtigsten Bereiche, in denen Muslime in der Schweiz Diskriminierung erfahren. Das steht, wie SRF News am 18. Oktober 2026 berichtete, in einem offenen Widerspruch zu den Bildungszielen des Lehrplans 21, der sich gegen alle Formen der Diskriminierung wendet und den sozialen Zusammenhalt fördern soll.
Fasten während des Ramadans, Dispens vom Schwimmunterricht, religiöse Symbole im Klassenzimmer: Der Schulalltag stellt Lehrpersonen und Schulleitungen vor praktische Fragen, die sich nicht mit Ideologie, sondern mit Augenmass und klaren Regeln lösen lassen.
Wie Lehrpersonen mit dem Ramadan-Fasten umgehen
Lumi Ismaili, heute Dozentin, kam Ende der 1980er-Jahre aus dem albanischen Teil Serbiens in die Schweiz. Als Teenagerin entschied sie sich, am Ramadan zu fasten, obwohl sie sonst nicht religiös war. Ein Musiklehrer erlaubte ihr damals, während des Unterrichts zu essen und zu trinken, weil er von ihrem Fasten wusste.
«Auf diese Weise habe ich keine Abwertung erfahren, sondern Wertschätzung und Anerkennung gespürt», sagte Ismaili gegenüber SRF News. Später, als junge Lehrerin an einer Basler Sekundarschule, erlebte sie das Thema aus der anderen Perspektive. Das Fasten sei im Lehrerzimmer ein Riesenthema gewesen, die wohlwollende Grundhaltung habe sich schnell in Skepsis verwandelt.
Die Nachfragen der Lehrpersonen sind nachvollziehbar: Sie wollen sicherstellen, dass die Kinder dem Unterricht folgen können. Problematisch wird es, wenn die kritische Haltung bei den Betroffenen das Gefühl erzeugt, nicht dazuzugehören.
Was die Freiburger Forschung zeigt
Zeinab Ahmadi forscht am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg zur Schulerfahrung muslimischer Kinder und Jugendlicher. Muslimische Jugendliche stünden ständig in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der Lehrpersonen und ihren eigenen religiösen Vorstellungen, sagte sie.
«Die Jugendlichen hinterfragen, ob sie überhaupt dazugehören», erklärte Ahmadi. Hinzu komme, dass viele Muslime stereotype Erwartungen nicht erfüllen und deshalb als Ausnahme wahrgenommen werden. Eine junge Frau in der Studie, religiös und zugleich Feministin, berichtete, ihr Umfeld kaufe ihr diese Kombination nur «halb ab».
Der Bundesbericht bestätigt, dass sich die teils kritische Haltung weiter Teile der Bevölkerung gegenüber dem Islam auf muslimische Kinder und Jugendliche überträgt, unabhängig davon, ob sie die Religion praktizieren oder nicht.
Religionskompetenz statt Belehrung
Was tun? Ahmadi setzt auf mehr «Religious Literacy», ein an der Harvard University entwickeltes Konzept. Es schärft das Bewusstsein dafür, dass Religionen sich entwickeln und dass es innerhalb jeder Religion vielfältige Ausprägungen gibt. Der eine Muslim fastet, die andere trägt ein Kopftuch, eine dritte tut keins von beidem.
Christina Aus der Au, Dozentin für «Religionen und Ethik» an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, bestätigte gegenüber SRF News, dass diese religiöse Alphabetisierung in der Ausbildung gelehrt wird. Beim Islam zeige sie Architektur, Poesie und Theologie, bespreche aber ebenso die «dogmatisch rigiden Formen».
Das Defizit ist offensichtlich: Nur jene Lehrpersonen, die später das Fach «Religionen und Ethik» unterrichten, geniessen diese Ausbildung. Im Schulalltag sind aber alle Lehrpersonen mit religiösen Fragen konfrontiert, etwa wenn der Nahostkonflikt auf dem Pausenhof zu Streit führt. Carmen Kosorok, verantwortlich für Diversität an der PH Thurgau, fordert deshalb, dass die Hochschulen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Handwerkzeug für konkrete Situationen.
Die Verantwortung der Schulleitungen
Thomas Minder, Präsident des Verbands Schulführung Schweiz, ortiert die Pflicht nicht nur bei den Lehrpersonen, sondern bei den Schulen als Institutionen. Die Schweiz sei ein Einwanderungsland, die Schule habe bereits viel dazugelernt, «aber es gibt noch viel Luft nach oben», sagte er. Sein Verband wirbt für Weiterbildungsangebote und stellt Unterlagen zur Verfügung.
Interessant ist die Haltung des Verbands bei den eigenen Leuten: Er befürwortet personelle Vielfalt im Kollegium, lehnt jedoch religiöse Symbole an Schulen ab. Auf die Frage, ob eine Lehrerin ein Kopftuch tragen dürfe, rät der Verband zum Verzicht.
Das ist eine klare Position, die dem Grundsatz entspricht, dass der Schulfriede und die religiöse Neutralität des Unterrichts Vorrang haben. Auch in Deutschland haben Gerichte diese Linie gestützt: Das Verwaltungsgericht Berlin hat, wie
