Islam und Männlichkeit: Ein neuer Blick auf den Koran
Die Debatte über Männlichkeit im Islam gewinnt an Dynamik. Während oft über die Rolle der Frau gesprochen wird, rückt nun der Mann in den Fokus. Der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide hat ein Buch veröffentlicht, das zeigt: Problematische Männlichkeit hat durchaus religiöse Wurzeln, doch der Koran bietet auch Alternativen. Dies wirft grundlegende Fragen auf, die weit über die muslimische Gemeinschaft hinausreichen.
Die patriarchalen Wurzeln im Koran
Khorchide analysiert in seinem Werk „Jenseits der Härte. Warum der Koran keine Machos kennt“ (Verlag Herder, 2026) die heiligen Schriften des Islam. Er verweist auf Sure 4, Vers 34, wo es heisst, Männer seien für Frauen verantwortlich und eine rechtschaffene Frau sei gehorsam. Diese Passage wird traditionell als Grundlage für eine hierarchische Geschlechterordnung gesehen. Auch die Benachteiligung von Frauen im Erb- und Scheidungsrecht wird oft als Beleg für die Unterlegenheit der Frau angeführt. Der Theologe betont, dass diese Texte im 7. bis 9. Jahrhundert in einer patriarchalen Gesellschaft entstanden sind und historisch-kritisch gelesen werden müssen. Dennoch haben sie bis heute reale Konsequenzen: „In einer Studie konnten wir zeigen, dass nicht primär Religiosität zu Radikalisierung führt, sondern hegemoniale Männlichkeit“, erklärt Khorchide. Junge Männer, die sich beweisen müssten, seien anfälliger für Radikalisierung.
Ein anderes Bild vom Mann im Koran
Trotz dieser problematischen Stellen zeigt der Koran auch ein ganz anderes Bild. Der Untertitel des Buches lautet bewusst: „Warum der Koran keine Machos kennt“. Khorchide verweist auf Propheten wie Moses, der zehn Jahre im Haushalt half, oder Jakob, der nach dem Verlust seines Sohnes Josef depressiv wurde. Josef selbst verzieh seinen Brüdern, die ihn entführt hatten. „Das alles widerspricht heutigen Vorstellungen von hegemonialer Männlichkeit. Und der Koran hat damit kein Problem“, sagt Khorchide. Die zentrale Eigenschaft Gottes im Koran sei die Barmherzigkeit, abgeleitet vom arabischen Wort „rahim“, das weiblich konnotiert sei und den Mutterschoss meine. Dies zeige, dass auch dem Propheten Mohammed Eigenschaften wie Fürsorge und Gnade zugeschrieben werden.
Kultur oder Religion? Die Perspektive der Migrationsforschung
Die Frage, ob problematische Männlichkeit primär religiös oder kulturell bedingt ist, bleibt umstritten. Der Sozialarbeiter Kambez Nuri und der Kriminologe Ahmed Ajil, die im Podcast „Keshmesh“ über Macht, Migration und Männlichkeit sprechen, betonen die Bedeutung von Migrationserfahrungen. Beide wuchsen mit patriarchalischen Vätern auf, die kaum religiös waren. „Ich habe Interviews geführt mit christlichen und muslimischen Syrerinnen und Syrern. Und sehe dieselben patriarchalen Prägungen“, erklärt Ajil. Die Zuschreibung „muslimische Männlichkeit“ sei im Schweizer Kontext oft gleichbedeutend mit „migrantischer Männlichkeit“. Die ständige Notwendigkeit, sich zu beweisen, führe zu Stress und zu einer „performative Männlichkeit“, die oft als Protest gegen Rassismus verstanden werden müsse. „Egal, ob du religiös bist oder nicht, du wirst in diese Kategorie gepresst“, sagt Nuri.
Ein neues Verständnis von Männlichkeit
Für Nuri und Ajil ist klar: Die patriarchale Männlichkeit tut ihnen nicht gut. Sie haben für sich Alternativen entdeckt. „Die gelernte, traditionelle Männlichkeit zu hinterfragen, ist anstrengend. Aber wenn wir es tun, kann es sehr heilsam sein“, sagt Ajil. Die Debatte zeigt, dass der Islam sowohl problematische als auch befreiende Elemente für das Männlichkeitsbild bereithält. Die Herausforderung besteht darin, diese Quellen kritisch zu lesen und für eine moderne Gesellschaft zu nutzen. Dies ist nicht nur eine Aufgabe für muslimische Gemeinschaften, sondern für die gesamte Gesellschaft, die nach einem respektvollen und gleichberechtigten Miteinander sucht.
FAQ: Muslimische Männlichkeit
Was versteht man unter toxischer Männlichkeit?
Toxische Männlichkeit bezeichnet Verhaltensweisen wie Aggression, emotionale Kälte und Dominanz, die dem Mann selbst und seinem Umfeld schaden. Der Begriff zielt nicht auf Männlichkeit an sich, sondern auf problematische, erlernte Rollenbilder.
Ist der Islam die alleinige Ursache für patriarchale Strukturen?
Nein. Die Forschung zeigt, dass patriarchale Prägungen oft kulturell und durch Migrationserfahrungen bedingt sind. Religiöse Texte können zwar als Rechtfertigung dienen, sind aber nicht die alleinige Ursache.
Welche Alternativen bietet der Koran?
Der Koran zeigt Propheten wie Moses, Jakob und Josef, die Eigenschaften wie Fürsorge, Vergebung und Verletzlichkeit vorleben. Die Barmherzigkeit ist eine zentrale Eigenschaft Gottes, die auch als Vorbild für Männer dienen kann.