Fünfzehn Monate nach der Frauen-EM im eigenen Land zeigt sich im Schweizer Frauenfussball ein gemischtes Bild: Die Lizenz- und Trainerinnenzahlen wachsen deutlich, doch die mediale Aufmerksamkeit lässt nach. Dies geht aus einer umfangreichen Analyse von Blick.ch hervor, die Ende Oktober 2026 veröffentlicht wurde.
Ein Mittwochabend im September auf dem Heerenschürli in Schwamendingen illustriert die Lage. Einige Hundert Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen das Spitzenduell zwischen den FCZ-Frauen und YB in der AXA Women's Super League, obwohl der Leader auf den Meister von 2025 trifft. Der Letzigrund stand an diesem Abend nicht zur Verfügung.
Die Zahlen des SFV-Legacy-Programms
Als der Schweizerische Fussballverband (SFV) Ende Mai 2024 sein Legacy-Programm «Here to stay» vorstellte, nannte er ein Kernziel: Die Anzahl lizenzierter Frauen und Mädchen sollte innerhalb von vier Jahren auf 80'000 verdoppelt werden, ebenso die Zahl der Schiedsrichterinnen und Trainerinnen. Dieses Ziel dürfte verfehlt werden, doch die Zwischenbilanz ist solide. Die Marke von 50'000 lizenzierten Spielerinnen wurde laut Verband kürzlich übertroffen. In der Saison 2025/26 lösten erstmals mehr Mädchen und Frauen eine Lizenz aus als Knaben und Männer.
Auch im Offiziellenbereich verzeichnet der SFV Zuwachs: Die Zahl der Trainerinnen stieg um 26 Prozent auf 2951, die der Schiedsrichterinnen um 45 Prozent auf 172, jene der Funktionärinnen um 30 Prozent auf 468.
«Die Verdoppelung bleibt ein ambitioniertes Ziel. Wichtig ist aber, dass wir auch die Qualität der Angebote, den Nachwuchs an Trainerinnen und die längerfristige Bindung an den Fussball betrachten», sagte Marion Daube (50), Direktorin Frauenfussball im SFV, gegenüber Blick.ch.
Ausgliederung der Liga in eine AG
Die Women's Super League wird 2027 in eine Aktiengesellschaft ausgegliedert. Die Klubs halten ein Drittel der Anteile, der SFV zwei Drittel. Der Schritt soll bessere Vermarktung, mehr Sichtbarkeit, kürzere Entscheidwege und ein eigenes Wettspielreglement bringen; bisher untersteht die Liga dem Amateurfussball-Reglement.
«Wir müssen den Spitzenfussball weiter konsequent professionalisieren; sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich», so Daube. Noch seien zahlreiche Fragen offen: Neben juristischen Details müssten Stellen besetzt und der Modus der neuen Saison definiert werden. Offen ist etwa, ob es eine Beschränkung für Ausländerinnen gibt oder ob der Einsatz junger Schweizer Spielerinnen belohnt wird.
Die Zuschauerzahlen der vergangenen Saison fallen mit über 126'000 Stadionbesuchen erfreulich aus. YB kommt auf einen Schnitt von 3500 Zuschauern und wäre damit in der englischen Liga, die als beste der Welt gilt, die Nummer acht.
Halbprofi-Verträge als mittelfristiges Ziel
Die Realität im Kluballtag ist laut Blick.ch noch eine andere. «Man spürt, dass viele noch immer einem anderen Beruf nachgehen müssen, damit sie ihre Kosten decken können. Das wirkt sich auf die Qualität, die Regeneration und Verletzungen aus», sagte Nationalspielerin Coumba Sow (32), die beim FC Basel spielt. Das mittelfristige Ziel der Liga ist, dass alle Spielerinnen mindestens einen Halbprofi-Vertrag erhalten, damit Schweizer Talente nicht beim erstbesten Angebot aus dem Ausland abspringen.
Beim FC St. Gallen haben noch immer nicht alle Spielerinnen einen Nicht-Amateur-Vertrag. Das ist auch versicherungstechnisch heikel: Bricht sich eine Spielerin ohne Profivertrag die Nase, muss sie die Behandlungskosten selbst tragen, da die private Krankenkasse solche Leistungen nicht übernimmt.
«Von allein passiert aber nichts. Die Sponsoren rennen uns nicht die Türen ein», sagte Franziska Schild (49), General Manager der YB-Frauen. Seit diesem Frühjahr kümmert sich in Bern eine Stelle explizit um das Sponsoring der Frauen. In St. Gallen wurde das Budget seit der EM leicht erhöht, bei YB spricht man von «organischem» Wachstum.
Infrastruktur und Sichtbarkeit bleiben Engpässe
Sowohl im Breiten- als auch im Spitzenfussball fehlt es an Plätzen, Garderoben sowie Gym- und Behandlungsräumen. Zwar wird in der AWSL zunehmend in den grossen Männer-Stadien gespielt, von 33 auf 47 Spiele in der letzten Saison. St. Gallen trägt seine Heimspiele derzeit im 25 Kilometer entfernten Wil aus, weil im Espenmoos ein Einspruch gegen den Einbau eines Kunstrasens läuft.
«Gewisse Klubs haben bis zu drei verschiedene Spielstätten, was für die Eventisierung eines Spiels, für Sponsoren, aber auch Fans alles andere als ideal ist», sagte Patricia Willi (34), Co-Sportchefin des FC St. Gallen.
Der wichtigste Hebel für die Sichtbarkeit bleibt das Fernsehen. Die SRG hat den Vertrag mit dem SFV verlängert und überträgt in der Saison 2026/27 weiterhin mindestens zehn Spiele live im TV, dazu mindestens zehn kommentierte Spiele im Livestream. Ein fixer TV-Slot am Freitag um 19.00 Uhr wurde etabliert. Die Einschaltquoten liegen laut SRF auf ähnlichem Niveau wie vor dem Turnier; die EM selbst sorgte für Rekorde, die Gruppenspiele der Schweiz verfolgten im Schnitt 689'000 Personen.
Die medialle Erosion zeigt sich auch im Print: Die Berner Zeitung stellt die regelmässige Berichterstattung über die YB-Frauen ein, wie Blick.ch berichtet. Das Blatt begründet den Schritt mit zu geringem Interesse an den Beiträgen, nachdem es ein Jahr zuvor noch von einer Plattform gesprochen hatte, «die sie verdient haben». Das WM-Playoff gegen Israel in Sion verfolgten nur rund 3500 Zuschauer, die kleinste Kulisse an einem Frauen-Heimspiel seit Juli 2024.
Die Nationalmannschaft als Zugpferd
Die Nati bleibt das Aushängeschild. «Die WM-Teilnahme wäre ein nächster grosser Boost», sagte Daube. Seit der Ernennung von Rafael Navarro vor einem Jahr hat sich im A-Team allerdings wenig getan. Mit Ausnahme von Lia Kamber sind keine neuen Talente nachgerückt; die Offensivspielerin Noémie Potier stürmt neu für Panama. Ein Gefäss wie eine U23, in der Talente internationale Erfahrung sammeln könnten, fehlt.
Die über 20 Legacy-Projekte, die als Vermächtnis der EM lanciert wurden, zeichnen laut Alice Holzer (33), Legacy-Verantwortliche im SFV, eine positive Zwischenbilanz. An der ersten Legacy Challenge im Januar 2025 beteiligten sich über 260 Klubs mit rund 1200 Massnahmen. Einige Projekte sind nur bis 2027 finanziert und sollen in die Gesamtstrategie des Verbandes überführt werden.
Der internationale Vergleich mahnt zur Zurückhaltung. «Es gibt Verbände in Europa, die mindestens so viel Gas geben, ohne dass sie eine Heim-EM hatten», sagte Willi. Eine weltweite Studie, über die der NDR
