Julia Stierli ist seit Jahren eine Konstante in der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft. 57 Länderspiele, zwei Europameisterschaften, eine Weltmeisterschaft: Die 29-jährige Innenverteidigerin aus Muri AG gehört zum engen Kreis der Nati, ohne je im Rampenlicht zu stehen. Ihr bescheidener Auftritt ist Programm, ihre Leistung auf dem Platz jedoch unverzichtbar.
Eine Karriere abseits des Scheinwerferlichts
Bei der WM 2023 in Neuseeland und Australien stand Stierli in jedem Spiel über die volle Distanz auf dem Platz. Wer danach bei den grossen Bildagenturen nach Aufnahmen von ihr suchte, fand oft nur das offizielle Teamfoto. Unauffällig gut, so lässt sich ihr Spiel beschreiben. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Seit ihrem Wechsel 2024 vom FC Zürich zum SC Freiburg ist Stierli Vollprofi. In der Bundesliga hat sie sich kontinuierlich gesteigert. Abheben will sie dennoch nicht. Gegenüber 20 Minuten beschreibt sie sich selbst als ruhig und bodenständig. In Freiburg schätzt sie die Nähe zur Natur, die ihr in Zürich gefehlt habe.
Der SC Freiburg als idealer Entwicklungsort
Beim SC Freiburg fühlt sich Stierli wohl. «Es ist ein Verein, in dem sich Spielerinnen gut weiterentwickeln können», sagt sie. «Es ist ein ruhiger, sehr bodenständiger Verein, und mir persönlich passt das sehr gut, weil man wirklich an sich arbeiten kann. Ich kann mich auf den Fussball konzentrieren.» Diese Ruhe sei ihr wichtig, gerade im Vergleich zu den grossen Zentren des Frauenfussballs.
Physiotherapie als zweite Säule
Neben dem Fussball hat Stierli eine akademische Ausbildung abgeschlossen. Sie studierte an der ZHAW Physiotherapie, während sie noch beim FC Zürich spielte. Eine Doppelbelastung, die sie als extrem fordernd beschreibt. «Es war nicht einfach», erinnert sie sich. «Mit der Unterstützung der ZHAW und auch des FCZ war das möglich. Ich bin mega froh, dass ich es so machen konnte.»
Ihr Fachwissen kommt ihr im Sport zugute. «Im Fussball braucht man ein gutes Körpergefühl. Ich kann Dinge selber besser einordnen und weiss, was man machen kann», erklärt sie. Bei medizinischen Fragen ihrer Teamkolleginnen sei sie dennoch nicht die erste Ansprechpartnerin: «Wir sind hier super aufgestellt, da braucht es mich nicht.»
Bewusster Verzicht auf Social Media
Stierli fällt auch durch ihren kompletten Verzicht auf soziale Medien auf. «Ich habe einfach kein Interesse daran», sagt sie. «Ich bin nicht eine Person, die viel Wert darauf legt, was andere Menschen über mich denken. Mir sind die Werte und Meinungen meiner Familie, meiner Freunde und des Trainerteams wichtig. Aber was jemand denkt, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, ist mir relativ egal.»
Volle Stadien und grosse Fanmengen findet sie zwar «schon cool», mit dem Starsein kann sie jedoch wenig anfangen. Fussball sei für sie letztlich «wie ein normaler Job», vergleichbar mit einer Arbeit im Büro. «Nur weil man Fussball spielt, ist man nicht grösser als andere Menschen», sagt sie. Überhöhte Darstellungen von Spielerinnen bereiteten ihr weiterhin Mühe.
Blick auf die WM-Qualifikation
Diese Gelassenheit könnte für die Nati wertvoll sein, die wie Stierli von der WM 2027 träumt. In der Qualifikation muss die Schweiz noch zwei Playoff-Runden überstehen: zuerst gegen Israel, danach gegen Kosovo oder Österreich. Machbare Aufgaben, wie Stierli findet. «Wenn man diese Aufgaben nicht schafft, hat man es auch nicht verdient, an der WM dabei zu sein.»
Julia Stierli verkörpert eine Tugend, die im modernen Spitzensport selten geworden ist: Bescheidenheit gepaart mit Verlässlichkeit. Für die Nati ist sie damit mehr als nur eine Verteidigerin. Sie ist das Fundament, auf dem Erfolg gebaut wird.
