Der Dokumentarfilm «You Can See Everything» über die wegen Betrugs verurteilte Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes hat am vergangenen Wochenende den erfolgreichsten Kinostart für eine Dokumentation seit über zwanzig Jahren erzielt. Das geht aus dem Bericht von watson.ch hervor. Trotz einer Laufzeit von 174 Minuten und einer limitierten Aufführung auf weniger als 900 Leinwänden spielte der Film bereits mehr als 15 Millionen Dollar ein; über zwei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten die Geschichte der umstrittenen Unternehmerin.
Der Film von Nathan Fielder und Lance Oppenheim begleitet Holmes vor, während und nach dem Antritt ihrer rund elfjährigen Haftstrafe, die 3 begann. Bereits der Trailer Anfang September sorgte im Netz für Aufsehen, wie GMX berichtet. Nach einer Überraschungspremiere beim Telluride Film Festival lief die Produktion dieses Wochenende in den US-Kinos an.
Wer ist Elizabeth Holmes?
Holmes gründete 2003 im Alter von nur 19 Jahren das Unternehmen Theranos, das Bluttests für den Hausgebrauch entwickeln wollte. Investoren überschütteten sie mit Millionen, und die Presse feierte sie bald als weiblichen Steve Jobs. Die Erfolgsstory endete, als der US-Journalist John Carreyrou durch Recherchen aufdeckte, dass die versprochenen Technologien nicht funktionierten. Aus dem Milliardenschutz wurde einer der grössten Betrugsfälle, die das Silicon Valley je erlebt hat. Holmes wurde 2023 zu einer Haftstrafe von rund elf Jahren verurteilt.
Wie der Dokumentarfilm entstand
34 Tage vor ihrem Haftantritt öffneten Holmes und ihr Partner Billy Evans zwei Filmteams ihre Türen in Kalifornien. Zuvor hatten die beiden Kontakt zu Führungskräften der US-Produktionsfirma A24 gepflegt, die für unabhängige Autorenfilme bekannt ist. Regisseur Nathan Fielder war anfänglich skeptisch. «Ich sah in ihr kein Dokumentarfilmprojekt, weil ich die Geschichte für sehr gut erzählt hielt», sagte er dem Publikum des New York Film Festivals. A24 räumte ihm das Recht ein, das Projekt jederzeit abzubrechen, falls das Material nicht genügen sollte.
Aus dem ursprünglich als Porträt gedachten Vorhaben wurde ein dreijähriges Projekt über Holmes und den Fall Theranos. Der Film zeigt sie im Familienalltag mit Partner und Kindern, begleitet von Interviews in ihrem Elternhaus. Obwohl sie beteuert, die Wahrheit zu sagen, bleibt unklar, ob sie tatsächlich alles erzählt. Regisseur Fielder hielt seine eigene Erfahrung fest: «Ich machte die seltsame Erfahrung, dass sie zeitweise so authentisch wirkte, aber gleichzeitig merkte ich, sobald ich meine Gedanken ordnete, dass sie eine Lügnerin ist.»
Warum ausgerechnet Nathan Fielder Regie führte
Fielder, kanadischer Filmemacher und Komiker, hat seine Karriere darauf aufgebaut, Realitätsebenen übereinanderzulegen und das, was wir zu wissen glauben, in Frage zu stellen. Bekannt wurde er etwa mit der Doku-Comedy-Serie «The Rehearsal», in der er Gäste auf wichtige Momente ihres Lebens vorbereitet und dabei psychologische Spielchen mit ihnen treibt. Beim Spielfilm «Primetime» (2026) unterstützte er Regisseur Oppenheim und nahm sich erhebliche künstlerische Freiheiten im Umgang mit realen Begebenheiten. In «You Can See Everything» trifft ein Meister der Inszenierung auf eine Frau, die ein Jahrzehnt lang Investoren und Politiker täuschte. Die Los Angeles Times beschreibt den Film entsprechend als fesselndes Duell zwischen Holmes und Fielder.
Ein Dokumentarfilm im Stil eines Spielfilms
Die Produktion bricht bewusst mit den Sehgewohnheiten klassischer True-Crime-Dokumentationen. Statt wackliger Handkameras und steriler Interviewsettings inszenieren Fielder und Oppenheim das Leben von Holmes wie einen hochauflösenden psychologischen Spielfilm. Der britische «Guardian», der fünf von fünf Sternen vergab, nannte das Werk ein «Meisterwerk der Täuschung». Selbst nach drei Stunden Laufzeit bleiben Fragen offen. Fielder ringt bis heute mit der Einordnung: «Ich kämpfe bis heute damit, zu verstehen, was ich durchgemacht habe», sagte er letzten Monat in New York.
Wer ist Billy Evans?
Der Film führt Billy Evans als Partner von Holmes ein. Er wuchs in San Diego in einer angesehenen Familie auf; seine Grosseltern eröffneten 1953 ein später populäres Resort-Hotel und zählen zu den Pionieren des südkalifornischen Tourismus. Insgesamt gehören der Familie drei Hotels. Evans absolvierte ein Wirtschaftsdiplom am Massachusetts Institute of Technology, scheiterte mit einem Startup für medizinische Concierge-Dienste und arbeitete anschliessend für Technologieunternehmen wie LinkedIn und Luminar Technologies. 2017 lernte er bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung Holmes kennen; das Paar ist seit 2018 verlobt und hat zwei Kinder.
Theranos 2.0: Das Unternehmen Haemanthus
2022 gründete Evans das Unternehmen Haemanthus, zu dem es kaum öffentliche Informationen gibt. Es hat bisher keine Produkte auf den Markt gebracht und besitzt nicht einmal eine Website. «Haemanthus» ist der botanische Name für Blutblumen; die Parallele zu Theranos drängt sich auf. Das erklärte Ziel des Unternehmens ist es, Blut-, Urin- und Speicheltests in Form eines handlichen Geräts in amerikanische Haushalte zu bringen, also im Wesentlichen dasselbe, was auch Theranos versprach. Evans sagte gegenüber der New York Times, das Unternehmen agiere im Verborgenen. Während Holmes und Evans den Filmemachern bemerkenswert tiefe Einblicke gewährten, bleibt rätselhaft, worin Evans' berufliche Tätigkeit genau besteht.
Wann und wo ist der Film in der Schweiz zu sehen?
Die Dokumentation ist derzeit ausschliesslich in US-Kinos zu sehen. Voraussichtlich wird sie exklusiv auf HBO Max erscheinen; Gerüchten zufolge soll der Streaming-Start im Januar 2027 erfolgen. Bis dahin kann die Serie «The Dropout» (2022) auf Disney Plus mit Amanda Seyfried als Elizabeth Holmes als Überbrückung dienen. Ein Schweizer Kinostart ist bisher nicht bestätigt.
FAQ
Worum geht es in «You Can See Everything»?
Der Dokumentarfilm begleitet die wegen Betrugs verurteilte Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes 34 Tage vor ihrem Haftantritt sowie während und nach der Inhaftierung. Er zeigt ihr Familienleben in Kalifornien und ihre Auseinandersetzung mit Regisseur Nathan Fielder.
Wie erfolgreich war der Kinostart des Films?
Der Film erzielte den erfolgreichsten Kinostart einer Dokumentation seit über zwanzig Jahren. Auf weniger als 900 Leinwänden spielte er mit rund 2000 ausverkauften Vorführungen mehr als 15 Millionen Dollar ein.
Warum ist Elizabeth Holmes verurteilt worden?
Holmes wurde 2023 wegen Betrugs im Zusammenhang mit ihrem Unternehmen Theranos zu einer Haftstrafe von rund elf Jahren verurteilt. Recherchen des US-Journalisten John Carreyrou hatten aufgedeckt, dass die versprochenen Bluttest-Technologien nicht funktionierten.