Der Regisseur Wim Wenders hat mit «From Inside Out. Die Architektur von Peter Zumthor» ein filmisches Porträt des Bündner Stararchitekten vorgelegt, das ab dem 5. November in den Kinos läuft. Der Film wurde, wie SRF News berichtet, über 14 Jahre erarbeitet und macht Zumthors Bauten in 3D-Technik unmittelbar erfahrbar.
Das Projekt fällt in eine Phase, in der Zumthors Werk auch in der Schweiz selbst präsent ist wie selten. Erst kürzlich wurde sein Neubau für die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eröffnet. Der Film schliesst zeitlich unmittelbar an dieses Ereignis an und dokumentiert damit eine der produktivsten Phasen des 1943 geborenen Architekten.
Kein klassisches Porträt, sondern ein Raumerlebnis
Wer von Wenders biografische Recherchen erwartet, wird enttäuscht. Der Filmemacher, der sich zuvor in «Pina» mit der Choreografin Pina Bausch und in «Anselm» mit dem Maler Anselm Kiefer auseinandergesetzt hat, verfolgt auch hier ein anderes Konzept. Ihn interessiert nicht die Aneinanderreihung von Werken und Lebensdaten, sondern die Frage, wie sich Architektur körperlich anfühlt.
Dazu greift Wenders auf das 3D-Verfahren zurück, das er bereits in seinen früheren Porträtfilmen eingesetzt hat. Das Publikum wandert durch Treppenhäuser und Säle, späht mit Zumthor in Modelle hinein und sitzt gewissermassen im Becken der Therme Vals, ohne nass zu werden. Auch in der zweidimensionalen Fassung, die nicht in allen Kinosälen verfügbar sein wird, funktioniert dieses Prinzip nach Angaben von Head Topics weiterhin überzeugend.
Geborgenheit als Bauprinzip
Im Zentrum von Zumthors Selbstverständnis steht, wie der Film zeigt, ein Begriff, der auf den ersten Blick unspektakulär wirkt: Geborgenheit. Der Architekt erklärt, das Innen eines Baus sei ihm wichtiger als das Aussen. Wände böten Schutz vor der Aussenwelt, Fenster ermöglichten den Kontakt zu ihr, aus der Sicherheit des Raumes heraus.
Zumthor fügt hinzu, dass er diesen Kontakt selbst als Kind nie erfahren habe. Diese persönliche Note verleiht seinen Ausführungen ein Gewicht, das über architekturtheoretische Grundsatzdebatten hinausgeht. Es ist die Sprache eines Handwerkersohns aus dem Bündnerland, der Material, Licht und Temperatur nicht als abstrakte Kategorie behandelt, sondern als etwas, das Menschen unmittelbar betrifft.
Diese Haltung passt zu einem Verständnis von Baukultur, wie es in der Schweiz traditionell verankert ist. Zumthor, Pritzker-Preisträger und einer der einflussreichsten zeitgenössischen Architekten, wie der Bote schreibt, steht für ein Bauen, das auf Dauer, Handwerk und Ortsbezogenheit setzt statt auf kurzlebige Effekte. Sein Werk widerlegt die Annahme, qualitätvolle Architektur und regionale Verwurzelung schlossen einander aus.
Prominente Besucherinnen und Besucher in Zumthors Räumen
Wenders lässt seine Protagonisten die Räume nicht nur betreten, sondern beleben. Handwerker kommen zu Wort, die Zumthors Bauten errichten, und Künstlerinnen, die sie mit Werken füllen. Ergänzt wird dieser Kreis durch bekannte Kulturschaffende: Die US-Schriftstellerin Siri Hustvedt ist in Zumthors Hexen-Memorial in Norwegen zu sehen, Regisseur Werner Herzog im Los Angeles County Museum of Art, dem neuen Zumthor-Museum in Los Angeles.
Auch Zumthors kleine Kapelle im Bündnerland, ein Bau, der unter anderem einen römischen Ausgrabungsort schützt, wird zum Schauplatz. In einer Schlussszene steht die Sängerin Sophie Hunger mit der Gitarre im neuen Beyeler-Bau, blickt durch eines der grossen Fenster und improvisiert über den Filmtitel: «Vo inne nach usse». Der Raum inspiriert das Lied, das Lied füllt seinerseits den Raum.
Langsamkeit als Haltung
Die Neue Zürcher Zeitung hat Wenders und Zumthor unter der Überschrift «Langsamkeit ist eine schöne Haltung» porträtiert. Diese Formel trifft den gemeinsamen Nenner beider Protagonisten. Beide arbeiten über Jahrzehnte an ihren Projekten, beide widersetzen sich dem Diktat der Beschleunigung, das weite Teile der Gegenwartskultur prägt.
Für ein Publikum, das an effizienzgetriebene Bauverfahren und standardisierte Architecturtexte gewöhnt ist, kann dieser Film eine Erinnerung daran sein, was Bauen einmal war und wieder sein könnte: die Gestaltung von Räumen, in denen Menschen sich aufhalten wollen. Das ist keine sentimentale Botschaft, sondern eine handwerkliche und kulturelle.
Warum der Film auch für ein Schweizer Publikum von Bedeutung ist
Peter Zumthor ist längst ein internationaler Architekt, dessen Aufträge aus Norwegen bis Los Angeles reichen. Sein Denken bleibt jedoch in der Schweiz verankert, im Material Stein und Holz, in der Achtung vor Landschaft und Handwerk. Der Film zeigt, dass diese Verwurzelung keine Einschränkung, sondern die Voraussetzung der internationalen Ausstrahlung ist.
«From Inside Out» läuft ab dem 5. November in den Kinos, wie die NZZ bestätigt. Wer Zumthors Räume nicht nur auf der Leinwand, sondern physisch betreten möchte, findet in der Schweiz genügend Gelegenheit: von den Thermen in Vals über das Kolumba-Museum in Köln bis zum frisch eröffneten Beyeler-Erweiterungsbau in Riehen.
