Die 24-jährige Rachel Apa ist am Sonntag, wenige Kilometer vor dem Ziel des New-York-City-Marathons, zusammengebrochen und Stunden später im Spital gestorben. Wie ihr Vater der Nachrichtensender NBC News mitteilte, war die Todesursache eine Rhabdomyolyse, ein seltener, aber potenziell lebensgefährlicher Muskelzerfall.
Apa hatte ihrem Vater laut Spiegel-Berichten kurz vor dem Zusammenbruch noch die Nachrichten «Aua» und «Aua, aua» geschickt. Drei Kilometer vor der Ziellinie im Central Park brach sie zusammen; sechs Stunden später wurde sie für tot erklärt. Der Fall wirft die Frage auf, wie eine eigentlich gesunde junge Sportlerin an den Folgen körperlicher Anstrengung sterben kann.
Was ist eine Rhabdomyolyse?
Bei einer Rhabdomyolyse, im Fachjargon kurz «Rhabdo» genannt, zerfallen Muskelzellen in grossem Umfang. Dabei wird Myoglobin freigesetzt, ein Eiweiss, das in den Muskelzellen für den Sauerstofftransport zuständig ist und dem Muskel seine rote Farbe verleiht. Gelangt das Myoglobin über die Blutbahn in die Nieren, kann es dort die Harnproduktion blockieren und im schlimmsten Fall ein akutes Nierenversagen auslösen.
Das deutsche Bundesministerium für Gesundheit bezeichnet das Nierenversagen als «vergleichsweise häufige Komplikation» der Erkrankung. Laut einer in der Berichterstattung zitierten Studie führt der Muskelzerfall in sieben bis 20 Prozent der Fälle zum Tod.
Welche Auslöser kommen infrage?
Extreme körperliche Anstrengung, wie sie ein Marathon darstellt, ist nur einer von mehreren möglichen Auslösern. «Im Prinzip kann alles, was die Muskeln schädigt, diese Krankheit auslösen», erklärte Jonas Caflisch, Sportwissenschaftler und Gründer der Indigo Fitness Clubs, gegenüber 20 Minuten. Zu den möglichen Ursachen zählen demnach Quetschungen, schwere Verbrennungen oder ein Blitzeinschlag. Auch langes Bewegungsunvermögen in derselben Position sowie Operationen können den Muskelzerfall begünstigen.
Darüber hinaus kennt die Medizin toxikologisch-pharmakologische Ursachen, etwa Medikamente oder Drogen, sowie metabolisch-systemische Auslöser wie Stoffwechselerkrankungen. Die genaue Ursache lässt sich nur durch eine ärztliche Abklärung bestimmen.
Welche Symptome sollten Läufer ernst nehmen?
Die Erkrankung kündigt sich häufig durch Muskelschmerzen und Muskelkrämpfe an. Das Bundesgesundheitsministerium weist darauf hin, dass diese Beschwerden vor allem in den rumpfnahen Partien auftreten, etwa in den Schultern, den Oberschenkeln und im unteren Rücken. Ein allgemeines Krankheitsgefühl, Fieber, schneller Puls, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen können hinzukommen.
Als Alarmsignal gilt eine auffällige Dunkelfärbung des Urins bis hin zu einem bräunlichen Ton. Sie entsteht, weil die Nieren das freigesetzte Myoglobin ausscheiden. Wer solche Anzeichen nach einer ungewohnten Anstrengung bemerkt, sollte unverzüglich ärztliche Hilfe suchen. Die Beschwerden können zwar auch harmlosere Ursachen haben, doch die Diagnose ist ohne Untersuchung nicht möglich.
Wie rasch die Lage ernst werden kann, illustriert der Fall dreier Schottinnen, die sich 2018 beim Personal Training übernommen hatten. Trotz ausreichender Flüssigkeitszufuhr mussten sie kaum auf die Toilette; alle drei erlitten ein Nierenversagen.
Wie wird die Erkrankung behandelt?
Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Ist ein Medikament der Auslöser, wird es abgesetzt. Den eigentlichen Gewebeschaden kann der Körper laut Fachliteratur wie dem DocCheck Flexikon nur durch eigene Reparaturmechanismen beheben; weitere Therapiemassnahmen sind symptomatisch.
Bei leichten Beschwerden infolge sportlicher Überanstrengung genügen oft Schonung und ausreichendes Trinken. In schwereren Fällen muss dem Körper Flüssigkeit über einen Venenkatheter zugeführt werden, um die Nieren beim Abtransport der schädlichen Stoffe zu unterstützen. Nötigenfalls wird eine Dialyse durchgeführt. Lebensbedrohliche Elektrolytstörungen, etwa ein zu hoher Kaliumspiegel, der Herzrhythmusstörungen verursachen kann, werden medikamentös behandelt.
Das Bundesgesundheitsministerium betont, dass die Behandlung bei den meisten Betroffenen erfolgreich verläuft. Rund 80 Prozent der Patienten mit ausgeprägtem Muskelzerfall und Nierenversagen erholen sich wieder, vorausgesetzt, die Erkrankung wird rechtzeitig erkannt.
Fazit für den Breitensport
Der Tod von Rachel Apa ist ein Einzelschicksal, das keine Verurteilung des Laufsports als solchem rechtfertigt. Er zeigt aber, wie wichtig ein massvoller Trainingsaufbau und das Ernstnehmen körpereigener Warnsignale sind. Wer nach einem Wettkampf oder einer ungewohnten Belastung ungewöhnliche Muskelschmerzen oder dunklen Urin bemerkt, sollte nicht abwarten, sondern ärztlichen Rat einholen. Für die breite Laufbewegung, die auch in der Schweiz tief im Freizeit- und Vereinsleben verankert ist, gilt der Grundsatz: Leistung ohne Vernunft ist ein Risiko.
