Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Gabriele von Arnim hat sich ein Jahr lang tagebuchartig mit dem Thema Abschied auseinandergesetzt. Kurz vor ihrem 80. Geburtstag zieht sie in einem Gespräch mit SRF News Bilanz über Verlust, Loslassen und die Heiterkeit, die sie sich trotz allem bewahren will.
Ausgangspunkt sind körperliche Erfahrungen: Treppen, die ihr Grenzen aufzeigen, eine aufgeschobene Reise nach Neuseeland. Wer die bald 80-Jährige aber erzählen hört, merkt eine Neugier, die man eher einer jungen Reisenden zuschreiben würde. Ihr Buch «Abschied leben» ist 2026 im Rowohlt-Verlag erschienen; bereits 2023 legte sie «Das Leben ist ein vorübergehender Zustand» vor.
Ein Jahr Tagebuch über das Loslassen
Von Arnim schrieb ein Jahr lang tagebuchartig über Abschiede. Dabei geht es ihr nicht nur um äussere Verluste, sondern um eine innere Übung. Manchmal versetze sie sich in Gedanken in die Situation des Sterbens, sagte sie SRF News. Sie wünsche sich, sanft und «einverstanden» hinüberzugehen.
Diese Übungen sind kein morbides Interesse, sondern eine Vorbereitung. Wer sich mit dem Ende vertraut macht, so ihre Überzeugung, verliert die Angst davor und gewinnt eine Haltung für das Leben.
Abschied von Lebensentwürfen und Rollen
Den Tod hautnah erlebte von Arnim durch ihren Mann. Eigentlich hatte sie die Ehe beenden wollen und ihm dies auch mitgeteilt. Kurz darauf erlitt er zwei Hirnschläge und wurde hilfsbedürftig. Fast zehn Jahre lang pflegte sie ihn.
Sie habe keine andere Chance gesehen, sagte sie. Auch nach der Trennungsankündigung habe sie sich ihm gegenüber verantwortlich und verbunden gefühlt. Der Pflegealltag wurde damit zum Abschied von allen anderweitigen Plänen.
Nach dem Tod ihres Mannes folgte ein weiterer Abschied: jener von der Rolle der Pflegenden. Sie musste neu lernen, mit unstrukturierter Zeit umzugehen, ein Prozess, der vielen im Ruhestand vertraut sein dürfte.
Wer möchte ich gewesen sein?
Wer den einen Weg einschlägt, entscheidet sich gegen den anderen. Manche Versionen des Selbst bleiben unverwirklicht. Wenn wir nur einen kleinen Teil dessen leben können, was in uns steckt, was geschieht mit dem Rest? Von Arnim bezeichnet sich als keine «Hätte»-Person.
Im Alter müsse man sich von früheren Versionen seiner selbst verabschieden, sagt sie. Wichtig sei ihr eine Frage im Futur II: Wer möchte ich gewesen sein? Das Ziel sei, am Ende mit sich selbst im Reinen zu sein, statt im Zorn zu hadern.
Abschied von Gewissheiten
Besonders schmerzlich erlebt von Arnim den Verlust gesellschaftlicher Gewissheiten. Angesichts der geopolitischen Spannungen verabschiede sie sich von der Friedensgewissheit, von der Annahme stabiler Demokratien und, als Deutsche, von der historischen Gewissheit, dass Amerika eine Schutzmacht sei.
Mit der Politik Donald Trumps habe sie von diesem Schutzgefühl Abstand nehmen müssen. Das habe ihr schlaflose Nächte gebracht. So wie der Mensch Abschied von Jugend, Gesundheit oder geliebten Personen nehmen müsse, müsse auch eine Gesellschaft Abschied von überholten Gewissheiten und Illusionen nehmen.
Ungewissheit als Handlungsspielraum
Anstatt in Ohnmacht zu verfallen, plädiert von Arnim dafür, Ungewissheit als Handlungsspielraum zu begreifen. Verantwortung versteht sie im Wortsinn als «Response-Ability»: aktiv Antworten finden, sich gegen die Gleichgültigkeit stellen und eine Haltung der «radikalen Freundlichkeit» leben.
Damit knüpft sie an eine alte philosophische Einsicht an: Dem Menschen bleibt selbst unter schwierigsten Umständen die Freiheit, seine Haltung zu wählen. Das ist keine naive Zuversicht, sondern eine nüchterne Entscheidung gegen Resignation.
Heiterkeit als Vermächtnis
Was sich von Arnim trotz aller Abschiede bis zuletzt bewahren möchte, ist eine tief empfundene Heiterkeit. Eine Haltung, die Melancholie und die Widersprüche der Welt kennt, aber dennoch Kraft und Zuversicht an die nachfolgenden Generationen weitergibt.
Ihr Buch ist damit weniger eine Anleitung fürs Sterben als eine Anleitung fürs Leben: um schliesslich jene zu werden, die man gerne gewesen sein möchte, mit denen man einigermassen einverstanden sein kann.
Häufige Fragen
Worüber schreibt Gabriele von Arnim in «Abschied leben»?
Sie beschreibt ein Jahr tagebuchartiger Reflexion über Abschiede: von Lebensentwürfen, von Identitäten, von gesellschaftlichen Gewissheiten und von der Gleichgültigkeit. Das Buch erschien 2026 bei Rowohlt.
Warum pflegte Gabriele von Arnim ihren Mann fast zehn Jahre lang?
Nachdem sie ihm eine Trennung mitgeteilt hatte, erlitt er zwei Hirnschläge und wurde hilfsbedürftig. Aus einem Gefühl der Verantwortung und Verbundenheit heraus pflegte sie ihn anschliessend fast ein Jahrzehnt.
Was bedeutet für von Arnim die Frage im Futur II?
Die Frage «Wer möchte ich gewesen sein?» richtet das Leben am Ende aus. Ziel ist, mit sich selbst im Reinen zu sein, statt im Zorn zu hadern.
