Ölpreis steigt weiter: Neue Engpässe am Roten Meer und in der Strasse von Hormus
Der Erdölmarkt wird zunehmend komplexer: Ein Fass der Sorte Brent kostet aktuell rund 109 Dollar, so viel wie zuletzt im Mai. Neben der angespannten Lage in der Strasse von Hormus ist nun auch die Schifffahrtsroute durch das Rote Meer beeinträchtigt. Die mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen haben den Hafen von Mokka im Westen Jemens eingenommen. Diese Entwicklungen treiben den Ölpreis und haben weitreichende Folgen für die Weltwirtschaft und die privaten Haushalte.
Warum nähert sich der Ölpreis wieder dem Höchststand vom Mai 2026 an?
Mehrere Faktoren wirken zusammen. Zum einen ist der Tankerverkehr in der Strasse von Hormus erneut nahezu zum Erliegen gekommen. Wegen der Angriffe beider Seiten passierten am Donnerstag nur noch sieben Tanker die Meerenge; im Zehntagesdurchschnitt waren es zuvor 15. Zudem haben die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen den Hafen von Mokka im Jemen angegriffen und kontrollieren ihn nun offenbar. Dies bedroht die saudischen Ölexporte über das Rote Meer. Drittens meldete Saudi-Arabien, im August nur 6,2 Millionen Fass Öl pro Tag produziert zu haben, 23 Prozent weniger als im Juli und der tiefste Monatswert in diesem Jahr.
Welche Auswirkungen hat der Ölpreisanstieg auf die Weltwirtschaft?
Die Folgen des sprunghaft gestiegenen Ölpreises zeigen sich zunächst an den Finanzmärkten. In der Nacht kam es zu einem Ausverkauf bei Aktien und Anleihen. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe stieg auf fast 5 Prozent. Kurz gesagt: Aktien fallen, Zinsen steigen. Denn teureres Öl erhöht die Inflation, da Energie viele Güter verteuert. Notenbanken müssen daher die Leitzinsen anheben, um die Teuerung zu bekämpfen. Höhere Kapitalkosten belasten Unternehmen und Regierungen und dämpfen die Konjunktur. Gemäss Berechnungen der UBS könnte ein Ölpreis von über 150 Dollar pro Fass eine Rezession auslösen.
Was bedeuten die hohen Ölpreise für private Haushalte?
Der hohe Ölpreis belastet auch die Portemonnaies der Bürgerinnen und Bürger. Besonders betroffen sind jene, die vor dem Winter noch Heizöl einkaufen müssen. Viele hatten mit dem Kauf zugewartet, in der Hoffnung, dass der Irankrieg schnell endet und das Heizöl wieder günstiger wird. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Die Ölpreise steuern erneut auf das Hoch vom Mai zu und treffen viele unvorbereitet. Auch an der Tankstelle spüren Autofahrerinnen und Autofahrer die Entwicklung, und das steigende Zinsniveau wirkt sich auf Hypotheken aus.
Was ist das Ziel der Huthi-Rebellen?
Der Nahostkorrespondent Thomas Gutersohn erläutert die Strategie der Huthi im Jemen: «Mit der Einnahme von Mokka können die Huthi auch die Meerenge von Bab al-Mandab kontrollieren, doch das ist nicht ihr primäres Ziel. Sie streben in erster Linie Landgewinn im innerjemenitischen Konflikt gegen die international anerkannte Regierung an.» Es gebe überlappende Interessen zwischen den Huthi und dem Iran: «Der Iran will durch die Huthi die Kontrolle über die Meerenge am Golf von Aden erlangen, der zweiten wichtigen Handelsroute in der Region neben der Strasse von Hormus. Die Huthi versuchen durch den Vormarsch die Oberhand im Jemen-Krieg zu gewinnen und Saudi-Arabien mit der Einnahme von Mokka zu Konzessionen zu zwingen. Riad unterstützt die international anerkannte Regierung von Jemen.»
Wie reagiert die Schweiz auf die Ölpreis-Entwicklung?
Für die Schweiz, die ihre Energieversorgung zu einem grossen Teil aus dem Ausland bezieht, sind die steigenden Ölpreise eine direkte Herausforderung. Die hohen Preise erhöhen die Importrechnung und können den Druck auf die inländische Teuerung verstärken. Gleichzeitig unterstreichen sie die Bedeutung einer vorausschauenden Energiepolitik, die auf Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit setzt. Die Schweizer Wirtschaft, insbesondere die exportorientierten Branchen, beobachtet die Entwicklung mit Sorge, da höhere Energiekosten die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen können.
Wie geht es mit dem Erdölmarkt weiter?
Die Lage am Erdölmarkt bleibt angespannt. Die Unsicherheit über die Sicherheit der Schifffahrtsrouten und die Produktionsausfälle in Saudi-Arabien lassen eine schnelle Entspannung unwahrscheinlich erscheinen. Für Konsumenten und Unternehmen heisst das: Die Preise dürften vorerst hoch bleiben. Eine nachhaltige Lösung erfordert sowohl diplomatische Anstrengungen zur Befriedung der Region als auch eine langfristige Strategie zur Reduktion der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Die Schweiz kann hier mit ihrer Tradition der humanitären und diplomatischen Vermittlung einen Beitrag leisten, um Stabilität in der Region zu fördern.