Wissenschaft als vertrauenswürdigste Institution der Schweiz
Erstmals seit Jahren steht nicht mehr die Polizei an der Spitze des Institutionenvertrauens in der Schweiz, sondern die Wissenschaft. Dies zeigt die jährliche ETH-Studie „Sicherheit“. Für die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der Universität Harvard ist dies ein Beleg dafür, dass die Schweizer Öffentlichkeit hochwertige Informationen mehr schätzt als etwa das US-amerikanische Pendant.
Warum das Vertrauen in die Wissenschaft wächst
Die Politikwissenschaftlerin Eri Bertsou von der Universität St. Gallen beobachtet allerdings eine zunehmende Polarisierung beim Thema Wissenschaft. Die Skepsis sei kontextspezifisch: Nach dem Kalten Krieg waren in Osteuropa eher linke Kräfte wissenschaftsskeptisch. Heute ähneln die Muster jenen in Westeuropa und den USA, wo Skepsis häufiger rechts verortet wird. Auch die ETH-Studie zeigt ein geringeres Vertrauen „je politisch rechter“.
Dass die Schweizer Bevölkerung der Wissenschaft insgesamt am stärksten vertraut, überrascht Bertsou nicht. „In einer Welt mit vielen Unsicherheiten besteht ein zusätzliches Bedürfnis nach Orientierung“, so die Forscherin gegenüber SWI swissinfo.ch. Daten aus einer Studie in 68 Ländern zeigen zudem, dass sich viele Menschen wünschen, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler politisch stärker einbringen.
Das Problem von „Follow the Science“
Im Frühling 2020 rechtfertigte der damalige britische Premier Boris Johnson Regierungsentscheide mit dem Slogan „Follow the Science“. Problematisch war laut Bertsou die Formulierung „The Science“, als gäbe es eine einzige wissenschaftliche Antwort. „Die gab es damals nicht.“ Daten kamen laufend hinzu, Annahmen wurden angepasst. „Entsprechend veränderten sich wissenschaftliche Einschätzungen und Modelle im Verlauf der Pandemie.“ Als Regierungen ihre Politik änderten, sei dafür oft die Wissenschaft verantwortlich gemacht worden. „Gerade, weil die Regierungen zuvor behaupteten, ihr zu folgen.“
Der Slogan habe vermittelt, politische Entscheide könnten direkt aus wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet werden. „Damit verwischte die Grenze zwischen wissenschaftlicher Beratung und politischer Verantwortung.“ Vertrauen verschwinde nicht, sondern verlagere sich, sagt Bertsou. „Vertrauen ist relativ, Sie müssen es wohin richten.“ Wer das Vertrauen in die Politik verliere, setze es womöglich in eine populistische Figur oder eben in die Wissenschaft.
Wenn Wissenschaft dem autoritären Staat dient
In Diktaturen gebe es keine kritische Spannung zwischen Wissenschaft und Regierung, sagt der China-Forscher Ralph Weber von der Universität Basel. „In China soll die Wissenschaft der Partei helfen, ihre Herrschaft auszuüben.“ Die Vorstellung einer besten Lösung sei eng mit autokratischem Regieren verbunden. Das könne zwar effizient sein. Gleichzeitig sei die Offenheit der Diskussion eine Stärke der Wissenschaft in Demokratien. „Wir können darüber streiten, was eigentlich das Problem ist. Das überspringen autoritäre Staaten.“
Die internationale Vernetzung der Wissenschaft bringe Herausforderungen mit sich. Einerseits gehe es darum, „im globalen Wettbewerb um Wissen und Innovation weiterhin an der Spitze mitzuspielen“. Andererseits müsse verhindert werden, dass dadurch langfristig autoritäre Systeme gestärkt werden. Für Weber heisst das: Offenheit bewahren, ohne naiv zu sein. Wer etwa mit China Hydraulik erforsche, solle abschätzen können, was das Fehlen einer Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung für das Projekt bedeuten könnte.
Dabei denkt Weber längst nicht mehr nur an Staaten wie China, sondern auch an Demokratien mit starken autoritären Tendenzen, etwa Indien oder die USA. Weltweit ist der Anteil von Demokratien in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen.
Herausforderungen für die Universitäten
Weber beobachtet, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, eine zunehmende Skepsis. Während er zu seiner Studienzeit noch Hemmungen gehabt hätte, Professoren zu widersprechen, würden heute Autoritäten schneller hinterfragt. „Damit einher geht aber eine Durchlässigkeit von Meinung zu Wissen. Im Worst Case suche ich im Youtube-Spektrum etwas, was meine Meinung verstärkt, und erkläre dann das zum Wissen.“
Das bringe die Universitäten in Zugzwang. „Sie müssen ihren Wert für die Gesellschaft aufzeigen und vermitteln, wie wissenschaftliches Wissen entsteht“, sagt Weber. Etwa, dass Geistes- und Sozialwissenschaften oft anders Wissen schaffen als Naturwissenschaften oder worin der Unterschied zwischen objektivem Wissen und fundierter Interpretation besteht.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Für die Schweiz stellt sich die Frage, wie sie ihr hohes Vertrauen in die Wissenschaft nutzen kann, ohne die politische Verantwortung zu delegieren. Die direkte Demokratie verlangt von Bürgerinnen und Bürgern eine informierte Urteilsbildung. Die Wissenschaft kann dazu beitragen, indem sie transparent macht, wie Erkenntnisse zustande kommen und wo ihre Grenzen liegen. Gleichzeitig bleibt die Politik gefordert, Entscheide zu verantworten, die auf wissenschaftlicher Beratung basieren, aber nicht allein daraus abgeleitet werden können.