Ölmultis: Rekordgewinne im Iran-Krieg – eine Übergewinnsteuer wäre das Mindeste
Die sechs grössten Erdölproduzenten der Welt haben im ersten Halbjahr 2026 über 133 Milliarden US-Dollar verdient. Das sind rund 108 Milliarden Franken. Ein Grossteil dieser Gewinne fiel in die Monate des Iran-Kriegs, der die Ölpreise in die Höhe trieb, Lieferketten unterbrach und zeitweise zu Knappheiten führte. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die Gewinne um fast 50 Prozent. Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen zur Verteilungsgerechtigkeit und zur Klimapolitik auf.
Wie hoch sind die Gewinne der Ölkonzerne genau?
Allein im zweiten Quartal 2026 haben die acht grössten Ölmultis – Aramco, BP, Shell, Equinor, TotalEnergies, Eni, Chevron und ExxonMobil – ihre Profite nahezu verdoppelt. Laut Daten des „Guardian“ erzielten sie in diesem Zeitraum jede Minute einen Gewinn von mehr als 700'000 US-Dollar. Auch Schweizer Rohstofffirmen wie Glencore, Trafigura, Gunvor und Vitol verzeichneten deutliche Gewinnsprünge. Trafigura meldete die drittbeste Halbjahresbilanz der Unternehmensgeschichte.
Warum steigen die Gewinne so stark?
Der Grund liegt im massiv gestiegenen Ölpreis infolge des Iran-Kriegs. Im zweiten Halbjahr 2026 lag der durchschnittliche Preis für global gehandeltes Rohöl bei 96.7 US-Dollar. Im Vorjahreszeitraum bewegte er sich zwischen 78 und 67 US-Dollar. Bleiben die Kosten für die Förderung und Raffination konstant – was bei vielen Konzernen der Fall war –, erhöht dies automatisch die Marge. Es handelt sich um sogenannte Zufallsgewinne, die weder auf Innovation noch auf Produktivitätssteigerung beruhen. Sie sind, vereinfacht gesagt, „einfach passiert“.
Welche Folgen haben diese Gewinne für die Umwelt?
Die Rekordgewinne fallen in eine Zeit, in der die Lebensgrundlage von Millionen Menschen buchstäblich brennt oder austrocknet. Europa erlebt eine Hitzewelle nach der anderen; mindestens eine davon war die nachweislich schlimmste aller Zeiten. Über 20'000 Menschen verloren dadurch ihr Leben. Auch in Asien wurden Hitzerekorde aufgestellt, und in Südasien zerstören intensive Regenfälle Existenzen. Kein seriöser Beobachter bestreitet mehr, dass solche Ereignisse ohne den menschengemachten Klimawandel nicht möglich wären.
Wie reagieren die Konzerne auf die Kritik?
Statt in erneuerbare Energien zu investieren, kürzen viele Ölkonzerne ihre grünen Budgets. British Petroleum (BP) hat seine Ausgaben für die Energiewende von 5 Milliarden auf 1,5 bis 2 Milliarden US-Dollar gesenkt. Die neue BP-CEO Meg O'Neill verteidigt die Gewinne mit dem Hinweis auf die zuverlässige Steigerung der Produktion. Tatsächlich wird die Branche aufgrund der Unsicherheiten in diesem Jahr voraussichtlich weniger für die Förderung ausgeben als 2025. Die Gewinne fliessen weder in die Erneuerbaren noch in die Produktionsausweitung.
Was sagt die Politik dazu?
Selbst US-Präsident Donald Trump, sonst ein enger Verbündeter der Ölindustrie, kritisierte die hohen Gewinne ungewöhnlich scharf. „Wenn man sich ein Unternehmen ansieht, das das Zwölffache des Vorjahresgewinns erzielt hat, dann sollte es einen Teil davon an die Öffentlichkeit zurückgeben“, so Trump. Patrick Galey von der NGO Global Witness kommentierte gegenüber dem „Guardian“: „Man merkt, dass die grossen Ölkonzerne uns über den Tisch ziehen, wenn einer ihrer grössten Verbündeten, Donald Trump, ihnen sagt, sie sollen ihre Profitgier zügeln.“
Welche Lösungen gibt es?
Eine Übergewinnsteuer wäre das absolute Minimum. Die EU hatte nach dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine eine Sondergewinnsteuer von mindestens 33 Prozent auf Gewinne eingeführt, die 120 Prozent des Vierjahresdurchschnitts übersteigen. Im Zuge des Iran-Kriegs verzichtete die EU-Kommission trotz Drucks einiger Staaten auf eine erneute solche Massnahme. Grossbritannien hält sie seit 2022 aufrecht. Eine permanente Profitsteuer, wie sie das Vereinigte Königreich kennt, wäre noch besser. Sie würde die Profitabilität der erneuerbaren Energien im Vergleich zu fossilen Brennstoffen erhöhen und so den Wandel beschleunigen. Studien zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung – auch Anhänger rechter Parteien – eine Besteuerung der fossilen Brennstoffindustrie befürwortet.
Fazit
Die Rekordgewinne der Ölmultis sind ökonomisch und moralisch nicht zu rechtfertigen. Sie beruhen auf einem Krieg, der die Welt in Atem hält, und beschleunigen die Klimakrise. Die Schweiz als Standort mehrerer grosser Rohstoffhändler trägt hier eine besondere Verantwortung. Eine Übergewinnsteuer oder eine permanente Profitsteuer wären wirksame Instrumente, um die Anreize der Konzerne mit den Klimazielen in Einklang zu bringen. Die Politik ist gefordert, hier nicht länger zu zögern.