Major Oak tot: Englands berühmteste Eiche stirbt
Die Major Oak im Sherwood Forest, Englands berühmteste Eiche und Symbol der Robin-Hood-Legende, ist für tot erklärt worden. Nach über tausend Jahren zeigt der Baum erstmals weder Blätter noch neue Triebe. Forstexperten führen das Ableben auf eine Kombination aus Klimawandel, Bodenverdichtung durch Massentourismus und widersinnige Rettungsmassnahmen zurück. Der Fall wirft grundlegende Fragen auf über den Umgang mit natürlichen Denkmalen und die Grenzen konservatorischer Eingriffe.
Was geschah mit der Major Oak im Sherwood Forest?
Die Eiche im Nottinghamshire, die gemäss der Legende im 13. Jahrhundert als Unterschlupf für Robin Hood und seine Gefolgsleute diente, hat dieses Jahr keine Blätter ausgebildet. Auch neue Triebe fehlen vollständig. Forstfachleute erklärten den Baum in der aktuellen Woche für tot.
Die Major Oak war mit einem Stammumfang von elf Metern, einer gewaltigen Krone und riesigen Ästen eine herausragende Naturerscheinung. In ihrer vermuteten Lebensdauer von bis zu 1200 Jahren überstand sie Waldbrände und Stürme. Unter normalen Bedingungen, so der Experte Ed Pyne vom Woodland Trust, hätte die Eiche noch mehrere hundert Jahre weiterleben können.
Welche Ursachen führten zum Tod der Eiche?
Mehrere Faktoren haben nach Ansicht der Experten zum Niedergang beigetragen. Der Klimawandel zeigt sich als eine zentrale Ursache. Die extreme Hitze der letzten Jahre in England, traditionell ein gemässigtes Klima, hat den Baum geschwächt. Reg Harris, Baumexperte im Sherwood Forest, beobachtete den Niedergang über fünf sehr heisse und trockene Sommer hinweg. Eine Rekordtemperatur von über 40 Grad Celsius im Juli 2022 stellte für die Region eine Belastung dar, auf die der Baum nicht angepasst war.
Eine weitere Ursache liegt in der Bodenverdichtung. Rund 350'000 Touristen besuchten jährlich den Sherwood Forest, um die Major Oak zu sehen. Über zwei Jahrhunderte hinweg trugen Millionen von Besuchern dazu bei, dass das Erdreich rund um den Baum so stark verdichtet wurde, dass die Wurzeln zunehmend Schwierigkeiten hatten, Wasser, Sauerstoff und Nährstoffe aufzunehmen. Ein Zaun, der in den 1970er-Jahren errichtet wurde, um Besucher auf Distanz zu halten, kam nach Ansicht der Experten zu spät.
Warum trugen Rettungsmassnahmen zum Niedergang bei?
Paradoxerweise haben auch die Massnahmen zur Erhaltung des Baums zu seinem Schaden beigetragen. Stütz- und Stabilisierungspfeiler sowie Seile, die das Abbrechen grösserer Äste verhindern sollten, beeinträchtigten nach Ansicht von Chloe Ryder vom Naturschutzverband RSPB die Wasseraufnahme anderer Baumbereiche. Die Stützen haben wahrscheinlich die Fähigkeit der Eiche beeinträchtigt, sich am Leben zu halten, erklärte Ryder. Eine Entfernung der Stützkonstruktionen hätte jedoch zum Kollaps des Baums geführt.
Dieser Umstand verdeutlicht ein grundsätzliches Problem konservatorischer Praxis: Eingriffe zur Stabilisierung natürlicher Objekte können die biologische Selbstregulation beeinträchtigen. Die Grenze zwischen Erhaltung und Schädigung ist in solchen Fällen schwer zu ziehen.
Was bedeutet der Verlust für den Naturschutz?
Grossbritannien verfügt über einen bemerkenswerten Bestand an alten Eichen. Gemäss Recherchen des Guardian besitzt England 114 Eichen mit einem Umfang von mindestens neun Metern. Ganz Europa, einschliesslich Schottland und Wales, kommt auf 98 Exemplare dieser Dimension. Dieser Reichtum ist ein Naturerbe, das gezielter Schutzmassnahmen bedarf.
Ed Pyne vom Woodland Trust und Chloe Ryder vom RSPB fordern einen rascheren und gezielteren Schutz alter Bäume im Vereinigten Königreich, auch durch neue gesetzliche Grundlagen. Wir verlieren diese Bäume, weil sie nicht genug geschätzt werden, erklärte Pyne.
Welche Lehren zieht die Schweiz aus diesem Fall?
Der Fall der Major Oak ist für die Schweiz von unmittelbarer Relevanz. Auch hierzulande stehen alte Bäume unter dem Druck klimatischer Veränderungen und intensiver Freizeitnutzung. Die Schweizer Forstgesetzgebung kennt den Schutz von Naturdenkmalen, doch die Umsetzung obliegt den Kantonen und ist nicht einheitlich.
Die Erfahrung aus Nottingham zeigt: Wenn Schutzmassnahmen erst greifen, wenn der Schaden bereits eingetreten ist, kommen sie zu spät. Präventiver Schutz, die Begrenzung von Besucherströmen und eine sorgfältige Abwägung konservatorischer Eingriffe sind geboten, wenn natürliche Denkmale langfristig erhalten werden sollen. Die Schweizer Waldpolitik, die Nachhaltigkeit und Schutzfunktion des Waldes in den Vordergrund stellt, kann hier von den Fehlern im Sherwood Forest lernen.
Auch als toter Baum bleibt die Major Oak Teil des Ökosystems. Sie ist weiterhin einer der grössten Bäume Europas und erfüllt eine Funktion für die Tierwelt, wie Ed Pyne betont. Diese Erkenntnis ist auch für den Umgang mit alten Bäumen in der Schweiz von Bedeutung: Ein Baum, der seine Vitalität verloren hat, ist nicht wertlos. Er bleibt ein Bestandteil der biologischen Vielfalt.
Hätten rechtliche Massnahmen die Major Oak retten können?
Diese Frage lässt sich nicht abschliessend beantworten. Ein früher gesetzlicher Schutz mit klaren Zugangsbeschränkungen hätte die Bodenverdichtung möglicherweise vermindert. Gegen die Auswirkungen des Klimawandels hätte auch ein Gesetz jedoch wenig ausgerichtet. Der Fall zeigt, dass Naturschutz sowohl präventive rechtliche Rahmenbedingungen als auch Anpassungsstrategien an klimatische Veränderungen erfordert.
Ist der Massentourismus allein schuld am Tod der Major Oak?
Nein. Die Bodenverdichtung durch Millionen von Besuchern ist ein wesentlicher Faktor, aber nicht der einzige. Die Kombination aus klimatischer Belastung, historischer Akkumulation von Schäden und den Nebenwirkungen konservatorischer Eingriffe hat zum Niedergang geführt. Die Ursachen sind multifaktoriell.
Was geschieht nun mit dem toten Baum?
Die Major Oak bleibt an ihrem Standort im Sherwood Forest. Auch als nicht mehr wachsender Baum erfüllt sie eine ökologische Funktion für die Tierwelt. Der Baum soll als Erinnerung an seine Geschichte und als Bestandteil des Ökosystems erhalten bleiben.