Asylverfahren in Drittstaaten: Ein Schlüssel gegen die irreguläre Migration?
Die Bilder von tausenden Migranten, die im August 2026 die Grenzzäune der spanischen Exklave Ceuta überwanden, haben in Europa eine neue Dringlichkeitsdebatte ausgelöst. 22 EU-Mitgliedstaaten forderten eine Krisensitzung der Innenminister, die am Dienstag per Videokonferenz stattfand. Der Migrationsexperte Kristof Bender von der European Stability Initiative sieht in der Auslagerung von Asylverfahren in sichere Drittstaaten einen zentralen Hebel, um die irreguläre Migration unattraktiv zu machen. Für die Schweiz, die nicht EU-Mitglied ist, eröffnen sich dabei neue Optionen, ohne dass sie sich den internen Blockaden der Union beugen müsste.
Was geschah in Ceuta und wie reagierte Europa?
Innerhalb von 24 Stunden erreichten mehr Menschen Ceuta als im gesamten ersten Halbjahr 2026 in Spanien, Italien und Griechenland zusammen. Die meisten von ihnen kehrten jedoch bereits am darauffolgenden Samstag nach Marokko zurück. Spanien habe die Situation recht gut gemeistert, so Bender. Die Reaktionen europäischer Regierungen seien hingegen oft unkonstruktiv gewesen. Forderungen, Spanien aus dem Schengenraum zu suspendieren, seien sachlich falsch, da Ceuta nicht Teil des Schengenraums ist. Auch Wortspenden wie Angriff auf Europa seien wenig hilfreich, da sie Gefahr und Hilflosigkeit signalisierten, die es so nicht gegeben habe.
Wie beurteilt der Experte die Krisensitzung der EU-Innenminister?
Bender erwartet von dem Treffen nicht besonders viel. Die Gefahr bestehe, dass die Uneinigkeit in dieser Frage weiter zur Schau gestellt werde. Das nütze niemandem, ausser Oppositionsparteien wie der AfD in Deutschland, der FPÖ in Österreich oder dem Rassemblement National in Frankreich. Besser wäre es, wenn die Innenminister es schafften, zu beruhigen und eine halbwegs geeinte Linie zu zeigen. Gegenseitige Anschuldigungen brächten nichts, so Bender. Hoffen wir, dass die Emotionen etwas in den Hintergrund treten und eine konstruktive Debatte möglich ist.
Wie könnte die Auslagerung von Asylverfahren funktionieren?
Seit Juni 2026 ist eine neue EU-Regelung in Kraft, die es den Mitgliedstaaten erstmals erlaubt, irregulär Ankommende zum Asylverfahren in ein anderes Land zu bringen, mit dem sie keine Verbindung haben. Das Modell sieht vor, dass alle irregulär Ankommenden ab einem Stichtag in ein sicheres Drittland gebracht werden, um dort ihre Asylverfahren abzuwickeln. Im Gegenzug müssten attraktive Angebote für diese Partnerländer geschaffen werden, wie wirtschaftliche Unterstützung, jährliche Kontingente von Studenten- und Arbeitsvisa für ihre eigene Bevölkerung oder Bildungskooperationen. Bender betont, dass dies einiges an Vorbereitung erfordere, aber der Anreiz, sich ins Boot zu setzen, würde für viele dramatisch sinken.
Welche Rolle könnte die Schweiz spielen?
Abkommen mit sicheren Drittstaaten seien auf EU-Ebene kaum denkbar, weil es unter den 27 Ländern zu unterschiedliche Interessen gebe. Wahrscheinlicher sei eine lose Koalition von Ländern, die dieses Ziel gemeinsam verfolgen. Ich sehe keinen Grund, warum sich nicht auch die Schweiz daran beteiligen könnte, so Bender. Die Schweiz, die traditionell eine eigenständige Migrationspolitik verfolgt, könnte sich hier als pragmatischer Partner positionieren, ohne sich den internen Blockaden der EU beugen zu müssen.
Welche Drittstaaten kommen in Frage?
Es müsse immer sichergestellt sein, dass der jeweilige Drittstaat auch wirklich sicher sei und dort Asylverfahren im Einklang mit internationalen Konventionen durchgeführt würden. Wenn es diesbezüglich Bedenken gebe, könnten die Verfahren auch vom UNHCR durchgeführt werden. Dieses Modell wendet der UNHCR seit 2019 in Ruanda für Menschen an, die aus Libyen in Sicherheit gebracht werden. Bender hält eine Ausweitung auf Ruanda oder jedes andere Land, wo sichere Asylverfahren sichergestellt werden könnten, für denkbar.
Wie ist die Lage an den EU-Aussengrenzen insgesamt?
Die Zahl der irregulären Grenzübertritte sei in den vergangenen Jahren gesunken, was laut Bender wenig mit der europäischen Asylpolitik zu tun habe. Der Grund sei der Sturz von Assad in Syrien, weshalb sich praktisch keine Syrer mehr auf den Weg nach Europa machten. Auch die Zahl derer, die in Libyen oder Tunesien in Boote steigen, sei deutlich gesunken. Aber das könne sich wieder ändern, wenn wir es nicht schaffen, durch Abkommen mit sicheren Drittstaaten unsere Aussengrenzen auf humane Weise wirklich effektiv zu kontrollieren.
Fazit: Eine Chance für die Schweiz?
Die Debatte um Ceuta zeigt, dass die EU in der Migrationsfrage weiterhin tief gespalten ist. Für die Schweiz ergibt sich daraus die Möglichkeit, sich einer losen Koalition von Ländern anzuschliessen, die das Modell der Auslagerung von Asylverfahren vorantreiben. Dies entspräche dem schweizerischen Anspruch auf Souveränität und pragmatische Lösungen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Bilder von Ceuta tatsächlich ein Umdenken bewirken oder ob die politischen Gräben in Europa weiter vertieft werden.