Halbautomatische Abseitserkennung: Kritik an Ungenauigkeiten nach WM-Einsatz
Die halbautomatische Abseitserkennung, die die FIFA an der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko eingesetzt hat, steht nach dem Turnier in der Kritik. Experten bemängeln, dass die präsentierten Visualisierungen eine Genauigkeit suggerieren, die technisch nicht haltbar sei. Konkret geht es um eine umstrittene Szene im WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien sowie einen technischen Ausfall im Gruppenspiel der Schweizer Nati gegen Katar.
Was ist die halbautomatische Abseitserkennung?
Die halbautomatische Abseitserkennung ist ein System, das Abseitspositionen mithilfe von Kameras und Sensoren im Spielball erfasst und den Schiedsrichtern sowie den Zuschauern grafisch aufbereitet. Die FIFA hatte die Technologie vor dem Turnier als eine von mehreren Innovationen angepriesen. Die schnelle Erkennung von Abseitspositionen mitsamt grafischer Darstellung für TV-Zuschauer und Fans im Stadion sollte strittige Entscheidungen transparenter machen.
Doch die Technik ist offenbar nicht so präzise, wie die präsentierten Bilder vermuten lassen. Weltraumwissenschaftler Tobias Weber, der sich seit längerer Zeit mit den Tücken der Abseitserkennung beschäftigt, verwies im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung auf grundlegende Ungenauigkeiten des Systems.
«Dem Zuschauer werden hochpräzise, zentimetergenaue Visualisierungen präsentiert, obwohl diesen zwangsläufig Modellannahmen, Rekonstruktionen und Messunsicherheiten zugrunde liegen. Diese Unsicherheiten werden weder kommuniziert noch visualisiert.»
Technischer Ausfall im Spiel Schweiz gegen Katar
Bereits im Gruppenspiel zwischen der Schweiz und Katar zeigte das System Schwächen. Wie die FIFA nach der Partie einräumte, verhinderte ein kurzer technischer Ausfall die Generierung der Onside-Animationsgrafik. Der Vorfall ereignete sich ausgerechnet vor einem Elfmeter für die Nati. Die Schweizer Mannschaft profitierte letztlich von der Entscheidung, doch der Vorfall wirft Fragen zur Zuverlässigkeit der Technologie auf.
Umstrittene Szene im WM-Finale
Auch das Endspiel zwischen Spanien und Argentinien lieferte eine kontroverse Szene. Ferran Torres, der kurz zuvor das 1:0 für die Spanier erzielt hatte, war nach einem Steckpass in der 113. Minute frei durch und schob zum vermeintlichen 2:0 ein. Dann aber ging die Fahne des Linienrichters hoch, der Videoassistent bestätigte die Entscheidung. Die grafische Auflösung erfolgte erst knapp vier Minuten später und wirft Fragen auf.
Der französische Datenanalyst Pierre Sallet, der mit seiner Firma Goodgame auf mögliche Manipulationen oder sonstige Auffälligkeiten im Fussball spezialisiert ist, zweifelt an der Korrektheit der Entscheidung. Er sieht das Problem in einer vertikalen Verzerrung des Bildes.
«Das Problem rührt von einer vertikalen Verzerrung. Diese variiert je nach Position innerhalb des Bildes, ähnlich der horizontalen Verzerrung, die im Gegensatz dazu jedoch vollkommen berücksichtigt wird.»
Die von der FIFA präsentierte Abseitsanalyse erscheint ihm aufgrund dieser vertikalen Verzerrung ungültig. Die FIFA habe eine Verzerrung angewandt, die nicht der tatsächlichen Projektion entspreche. Laut Sallet ist eine Neubewertung des gesamten Analyseprozesses einschliesslich der Fehlertoleranzen erforderlich.
Experte: «Nach den Bildern ist das kein Abseits»
Weltraumwissenschaftler Weber stimmte dem französischen Experten im Fall von Ferran Torres zu. «Nach den Bildern, die mir vorliegen, ist das kein Abseits», erklärte er. Die FIFA wollte auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung keine weiteren Details zu der umstrittenen Szene herausgeben.
Technische Probleme auch in der Bundesliga
Dass die technischen Hilfsmittel im Fussball anfällig für Fehler sind, zeigte sich bereits in der vergangenen Saison in der deutschen Bundesliga. Beim Duell zwischen dem FC St. Pauli und Borussia Mönchengladbach versagte die halbautomatische Abseitserkennung. Der Deutsche Fussball-Bund teilte im Nachgang mit, dass die Technik ein falsches Ergebnis geliefert habe, weil eine Abseitslinie am falschen Abwehrspieler gezogen wurde. Laut Süddeutscher Zeitung habe das System in mindestens drei Spielen nicht richtig funktioniert.
Was bedeutet das für die Zukunft der Technologie?
Die Kritik an der halbautomatischen Abseitserkennung wirft grundsätzliche Fragen auf. Einerseits soll die Technologie Fehlentscheidungen vermeiden und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Andererseits suggerieren die Visualisierungen eine Präzision, die technisch nicht gewährleistet ist. Für die Verbände bedeutet dies: Sie müssen bei der Technik nachschärfen oder im Sinne der eigenen Glaubwürdigkeit zumindest mit mehr Transparenz agieren.
Für den Schweizer Fussball ist die Debatte von besonderem Interesse. Die Nati war beim Turnier direkt von einem technischen Ausfall betroffen. Die Glaubwürdigkeit des Systems ist auch für künftige Entscheidungen in der Super League und in europäischen Wettbewerben relevant, wo ähnliche Technologien zum Einsatz kommen oder geplant sind.
Die Verantwortung liegt nun bei den Fussballverbänden. Sie müssen sicherstellen, dass die Technologie den Ansprüchen an Fairness und Transparenz genügt. Andernfalls droht das Vertrauen in die Entscheidungsfindung auf dem Platz weiter zu erodieren.