Die verlernte Kunst des Einfühlens: Eine gesellschaftliche Diagnose
In einer Zeit, in der wir täglich mit unzähligen Nachrichten bombardiert werden und gleichzeitig online oberflächliches Mitgefühl demonstrieren, stellt sich eine grundlegende Frage: Haben wir die Fähigkeit zur echten Empathie verloren?
Die Podcasterin Yasmine M'Barek diagnostiziert in ihrem Buch "I feel you. Über Empathie" eine tiefgreifende Krise des Einfühlungsvermögens. Ihre Analyse trifft den Kern eines gesellschaftlichen Problems, das besonders in der Schweiz, mit ihrer Tradition des direkten Dialogs und der Konsenskultur, nachdenklich stimmen sollte.
Kapitalismus als Empathie-Killer
M'Bareks Diagnose ist eindeutig: "Der Kapitalismus und der 'Survival of the fittest'-Gedanke haben dazu geführt, zuallererst sich selbst zu priorisieren." Diese Selbstoptimierung und der permanente Leistungsdruck lassen wenig Raum für die aufmerksame Auseinandersetzung mit anderen Lebensrealitäten.
Besonders problematisch wird es, wenn Empathie zur "moralischen Währung" verkommt, wie M'Barek feststellt. Sie fungiert dann als Markenzeichen, das man strategisch einsetzt, um sich als moralisch überlegen zu präsentieren. Dies zeigt sich deutlich in den sozialen Medien, wo oberflächliche Betroffenheit mit echtem Verstehen verwechselt wird.
Professionelle Empathie als Vorbild
Anna Möhr, Fachexpertin für Palliativpflege am Spital Zollikerberg in Zürich, demonstriert, wie echte Empathie funktioniert. Ihre drei Dimensionen empathischer Haltung sind bemerkenswert präzise: Sich auf das Gegenüber einlassen und sich selbst zurücknehmen, aktiv zuhören und Raum schaffen, sowie sich informieren, um die Situation besser einordnen zu können.
Entscheidend ist Möhrs Klarstellung: "Gelebte Empathie hat nichts mit dem sogenannten Helfersyndrom zu tun." Grenzen zu setzen gehört zur Empathie dazu und schafft Vertrauen. Dies ist eine wichtige Lektion für eine Gesellschaft, die oft zwischen übertriebener Fürsorge und völliger Gleichgültigkeit schwankt.
Kognitive versus emotionale Empathie
Die Psychologie unterscheidet zwischen emotionaler Empathie, dem aktiven Nachfühlen fremder Gefühle, und kognitiver Empathie, der rationalen Fähigkeit, andere Perspektiven nachzuvollziehen. Letztere ist für M'Barek eine "gesellschaftspolitisch relevante Aufgabe".
Hier liegt ein Schlüssel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Die Bereitschaft, sich zu fragen, wie andere Menschen die Welt sehen, auch wenn ihr Verhalten zunächst unverständlich erscheint. Dies ist besonders in einer direktdemokratischen Gesellschaft wie der Schweiz von fundamentaler Bedeutung.
Der Mut zum Perspektivenwechsel
M'Bareks Vorschlag ist konkret und herausfordernd: "Wie wäre es also, wenn wir zur Abwechslung mal nach der Geschichte von Cinderellas böser Schwester fragen würden?" Nicht um Verhalten zu entschuldigen, sondern um es besser einordnen zu können.
Dieser bewusste Perspektivenwechsel ist gerade in politisch polarisierten Zeiten von enormer Bedeutung. Statt vorschnell zu kategorisieren und zu verurteilen, ermöglicht eine empathische Haltung den Dialog mit Andersdenkenden und lockert die Absolutheit der eigenen Meinung auf.
Ein Auftrag für die Zukunft
Die Empathie-Krise ist real, aber nicht unumkehrbar. M'Bareks Analyse zeigt: Empathie ist erlernbar, aber sie erfordert Arbeit und bewusste Anstrengung. In einer Zeit, in der digitale Oberflächlichkeit echtes Verstehen zu ersetzen droht, ist dies eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft.
Vielleicht sollten wir öfter die Kopfhörer herausnehmen und stattdessen wirklich zuhören. Die Schweizer Tradition des Dialogs und des Kompromisses könnte dabei als Vorbild dienen, wie empathische Kommunikation gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.