Bruno Gröning: Der Wunderheiler, der sich selbst nicht heilen konnte
Die Schweiz weist eine aussergewöhnlich hohe Dichte an Heilern und Anbietern alternativer Heilmethoden auf. Über 10'000 Heiler buhlen hierzulande um Patienten, die an fragwürdige Heilmethoden glauben. Zu den prominentesten Figuren dieser umstrittenen Szene gehört Bruno Gröning, dessen Bewegung auch heute noch in der Schweiz aktiv ist.
Vom Schulabbrecher zum selbsternannten Heiland
Bruno Gröning wurde 1906 in Deutschland geboren und brach seine Schullaufbahn nach wenigen Jahren ab. Ohne beruflichen Abschluss hangelte er sich von Job zu Job, bis er nach dem Zweiten Weltkrieg seine angeblichen Heilkünste entdeckte. Mit diesem Geschäftsmodell startete er eine bemerkenswerte Karriere.
Sein Erfolg war durchschlagend. Bald hielt er vor Tausenden Anhängern Reden und veranstaltete Heilrituale. Entsprechend hoch war sein Anspruch: "Mein Tun und Wirken dient dazu, alle Menschen dieser Erde wieder auf den richtigen, auf den göttlichen Weg zu führen", verkündete er selbstbewusst.
Heilungsversprechen ohne medizinische Grundlage
Mit seinen wundersamen Heilungsversprechen zog Gröning viele kriegsgebeutelte Menschen an. "Es gibt kein Unheilbar", rief er ihnen vollmundig zu. Er verstand sich als Nachfolger Christi und versprach den Patienten, der göttliche Heilstrom, der durch ihn fliesse, könne sie von allen Krankheiten heilen.
Seinen eigenen übergrossen Kropf konnte er jedoch nicht heilen. Seine Ausrede war bezeichnend: Er sammle darin alle Krankheiten der Welt. Bei seinen beiden Söhnen wirkten die Heilströme ebenfalls nicht. Beide starben im Alter von neun Jahren, nachdem Gröning ihnen die medizinische Unterstützung verweigert hatte.
Zweifelhafte Praktiken und gefährliche Doktrinen
Gröning behauptete, seine Heilkräfte in Gegenstände leiten zu können. Er bildete Kugeln aus Stanniolfolie, in die er Schnipsel von seinen Finger- und Zehennägeln, Haarbüschel und Reste seines Spermas wickelte. Diese Kugeln werden von den Anhängern wie Reliquien verehrt.
Besonders verhängnisvoll erwies sich die Doktrin, dass Schmerzen Ausdruck der Heilung seien. Gröning riet seinen Anhängern, sich gedanklich nicht mit ihrer Krankheit zu befassen, da sonst das Fliessen der Heilkräfte gestört werde. Viele Patienten lehnten daraufhin auch bei schweren Symptomen schulmedizinische Untersuchungen und Therapien ab.
Rechtliche Konsequenzen und tragisches Ende
Gröning kam mehrfach mit dem Heilpraktikergesetz in Konflikt und wurde 1951 erstmals angeklagt. 1955 wurde ihm die fahrlässige Tötung eines 17-jährigen lungenkranken Mädchens zur Last gelegt. 1958 wurde er in zweiter Instanz zu einer achtmonatigen bedingten Gefängnisstrafe verurteilt.
Ende 1958 kam es zur grossen Entlarvung: Der Wunderheiler erkrankte an Darmkrebs und reiste heimlich nach Paris, um sich in einem Spital operieren zu lassen. Da sich der Krebs bereits stark ausgebreitet hatte, blieb die Therapie erfolglos. Gröning starb am 26. Januar 1959 mit nur 52 Jahren.
Anhaltende Gefahr für die öffentliche Gesundheit
Seine Anhängerin Grete Häusler gründete "Freundeskreise", die heute nach eigenen Angaben in über 100 Ländern aktiv sein sollen, auch in der Schweiz. Die Bewegung dokumentiert angeblich 18'000 Heilungen, die jedoch nicht wissenschaftlich oder von unabhängigen Fachleuten überprüft werden.
Georg Schmid, der frühere Leiter der Beratungsstelle relinfo.ch, kam zum Urteil, der Bruno-Gröning-Freundeskreis sei "beinahe ein Modellfall für sektenhafte Mentalität". Es gibt Berichte von Aussteigern, wonach Gröning-Anhänger gestorben seien, weil sie sich geweigert hätten, sich rechtzeitig in ein Spital einweisen zu lassen.
Die Geschichte Bruno Grönings zeigt exemplarisch die Gefahren pseudomedizinischer Praktiken auf. Sein Fall sollte als Warnung dienen vor den verheerenden Folgen, wenn Scharlatanerie die wissenschaftlich fundierte Medizin ersetzt.