Salt-Skandal: Systematischer Betrug an betagten Kunden
Ein gravierender Fall von Verkaufsmissbrauch beim Mobilfunkanbieter Salt erschüttert das Vertrauen in die Schweizer Telekommunikationsbranche. Recherchen zeigen systematische Praktiken, bei denen insbesondere betagte Kunden zu unnötigen Vertragsabschlüssen gedrängt wurden.
Provisionssystem fördert fragwürdige Praktiken
Der dokumentierte Fall einer 92-jährigen Kundin, die lediglich wegen eines technischen Problems einen Salt-Shop aufsuchte und mit fünf Handy-Abos, vier Smartphones und fünf Musikboxen wieder verliess, ist symptomatisch für ein strukturelles Problem.
Ein ehemaliger Salt-Mitarbeiter, der vier Monate im Unternehmen tätig war, bestätigt gegenüber den Medien die systematische Natur dieser Praktiken: "Das ist nur die Spitze des Eisbergs". Das Vergütungssystem des Unternehmens schaffe perverse Anreize, da Mitarbeiter bei höheren Verkaufszahlen deutlich mehr verdienen könnten.
Während der Grundlohn bei rund 3500 Franken liegt, können Verkäufer durch Provisionen bis zu 9500 Franken monatlich erzielen. Der Insider berichtet von Einkommen zwischen 6000 und 7000 Franken: "Einige Mitarbeiter wurden richtig gierig nach mehr Lohn."
Betrügerische Verkaufsmethoden dokumentiert
Besonders verwerflich sind die angewandten Methoden: Kunden werden mit zwei Unterschriften konfrontiert, angeblich für Original und Kopie desselben Vertrags. Tatsächlich handelt es sich jedoch um zwei verschiedene Verträge, wie der Insider enthüllt.
Zusätzlich motivieren Team-Boni die Mitarbeiter zu gemeinsamen Abschlüssen, was den Druck auf vulnerable Kunden zusätzlich erhöht.
Vulnerable Personen im Visier
Der Fall der 87-jährigen Bernerin, die nach dem Tod ihres Mannes von Swisscom zu Salt wechselte, zeigt die Skrupellosigkeit der Praktiken. Ihr einziges Anliegen war die Aufrechterhaltung der Telefonie-Möglichkeit. Stattdessen verliess sie den Shop mit mehreren Abonnements und drei Sound-Joy-2-Musikboxen.
Timo Niemeyer, Neffe der Betroffenen, kritisiert: "Meine Patentante spricht kaum Deutsch und verfügt über keinerlei digitale Erfahrung." Sie befand sich in einer emotional verletzlichen Situation und war offensichtlich überfordert.
Ein weiterer Fall betrifft einen fast 90-jährigen Rentner aus dem Raum Bern, dem zusätzlich zu einem Handy-Abo ein Salt-Home-Vertrag verkauft wurde, obwohl er keinen entsprechenden Anschluss besitzt. Trotz anfänglicher Zusicherung einer Annullierung erhielt er eine Rechnung über 600 Franken inklusive Aktivierungsgebühren.
Unternehmen verspricht Besserung
Salt-Mediensprecherin Ana Biljaka bestätigt das Provisionssystem und verweist auf "klare Richtlinien" sowie disziplinarische Massnahmen bei Missbrauch. Das Unternehmen bedauert die Vorfälle und verspricht Massnahmen zur Verhinderung ähnlicher Fälle.
Der Anspruch sei eine faire, transparente und bedürfnisgerechte Beratung, insbesondere bei Personen mit besonderem Schutzbedarf, so Biljaka.
Regulierungsbedarf offensichtlich
Die dokumentierten Fälle zeigen die Notwendigkeit strengerer Regulierung im Telekommunikationssektor auf. Insbesondere der Schutz vulnerabler Personengruppen vor aggressiven Verkaufspraktiken muss gewährleistet werden.
Die Schweizer Konsumentenschutz-Organisationen dürften diese Enthüllungen zum Anlass nehmen, verschärfte Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten zu fordern.