Mathias Reynard im Interview: Die Lehren aus der Tragödie von Crans-Montana
Der Walliser Staatsrat Mathias Reynard (38) trägt seit der verheerenden Brandkatastrophe von Crans-Montana eine immense Verantwortung. In einem seltenen Interview spricht er über die dramatischen Stunden nach dem Unglück, die Herausforderungen im Krisenmanagement und die notwendigen Reformen für die Zukunft.
Die ersten Stunden nach der Katastrophe
«Ich bin nicht aufgewacht, weil ich gar nicht ins Bett gegangen bin», schildert Reynard die Nacht zum 1. Januar. Die ersten Meldungen über die Explosion erreichten ihn kurz nach dem Brand über mehrere Kanäle. Sofort nahm er Kontakt zu den Rettungskräften, dem Spital und seinem Kollegen von der Sicherheitsdirektion auf.
Der Anblick in Crans-Montana war für den erfahrenen Politiker erschütternd: «Es ist schwer zu begreifen, was passiert ist, wenn man es nicht gesehen hat. Und es ist natürlich schwierig, das Ganze wieder aus dem Kopf zu bekommen.»
Psychologische Unterstützung als Notwendigkeit
Reynard spricht offen über die psychologische Belastung: «Ja, ich habe psychologische Unterstützung erhalten. Und ich denke, es ist wichtig, das zu sagen. Es ist keine Schande oder ein Tabu.» Um sein Amt weiterhin ordnungsgemäß ausführen zu können, sei diese Hilfe notwendig gewesen.
Besonders belastend war für ihn die Begegnung mit den Angehörigen: «Wir stehen Müttern, Vätern, Brüdern und Schwestern gegenüber, die nicht wissen, wo ihr Kind ist, und die Antworten wollen. Wir, die wir ihnen gegenüberstehen, wussten auch nicht mehr.»
Gewaltentrennung als demokratisches Prinzip
Zur Kritik an der Walliser Staatsanwaltschaft äußert sich Reynard zurückhaltend: «Die Gewaltentrennung ist in unserem Land sehr stark ausgeprägt. Sie ist ein grundlegendes Prinzip der Demokratien.» Eine Einmischung der Regierung in die Ermittlungen wäre ein schwerer Fehler.
Dennoch fordert er Klarheit: «Wir wollen, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Dass alle Verantwortlichkeiten festgestellt werden, auch die der öffentlichen Institutionen und der politischen Behörden.»
Kampf gegen Vetternwirtschaft
Den Ruf des Wallis als Kanton der Vetternwirtschaft nimmt Reynard ernst: «Ich würde sagen, dass er zu extrem hohen Ansprüchen führt.» Er habe immer für Transparenz und gegen Interessenkonflikte gekämpft und werde diese Linie konsequent fortsetzen.
Notwendige Reformen für die Zukunft
Die Tragödie hat schweizweit ein Bewusstsein für Brandschutzkontrollen geschaffen. «41 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche, starben. 115 wurden schwer verletzt», bilanziert Reynard. «In unserem Land muss man ausgehen können, um sich zu amüsieren, ohne sich in Gefahr zu bringen.»
Von der Politik erwartet er, dass sie alle Schlussfolgerungen aus der Untersuchung zieht: «Diese Tragödie erinnert uns daran, dass Gesetze nicht dazu da sind, um die Menschen zu ärgern. Es geht um die Sicherheit und die Grundwerte der Gesellschaft.»
Gedenken und Erinnerung
Für die Zukunft plant Reynard eine Gedenkstätte in Crans-Montana sowie eine Stiftung zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen. «Ich möchte den Familien sagen, dass wir nicht vergessen werden. Das Leben wird nicht einfach so weitergehen können, als wäre nichts geschehen.»
Die Tragödie von Crans-Montana wird das Wallis nachhaltig prägen. Reynards Worte zeigen einen Politiker, der die Verantwortung für institutionelle Reformen und den Schutz der Bürger ernst nimmt, während er die demokratischen Grundprinzipien der Schweiz respektiert.