Salt-Skandal: Systematischer Missbrauch bei Senioren aufgedeckt
Recherchen enthüllen bedenkliche Verkaufspraktiken beim Schweizer Telekommunikationsanbieter Salt. Betagte Kunden wurden systematisch zu unnötigen Vertragsabschlüssen gedrängt, während ein fragwürdiges Provisionssystem die Mitarbeiter zu aggressiven Verkaufsmethoden anhielt.
Provisionssystem fördert Missbrauch
Ein ehemaliger Salt-Mitarbeiter bestätigt gegenüber 20 Minuten die systematische Natur dieser Praktiken. Das Vergütungssystem des Unternehmens schaffe falsche Anreize: "Wer mehr Abos und mehr Produkte verkauft, verdient mehr." Um den Grundlohn von 3500 Franken zu erreichen, müssen Mitarbeiter eine Mindestprovision erzielen. Einige streben jedoch deutlich höhere Einkommen von bis zu 9500 Franken an.
Besonders problematisch sind die angewandten Verkaufsmethoden. Kunden werden mit zwei Unterschriften konfrontiert, angeblich für Original und Kopie eines Vertrags. "In Wahrheit sind es jedoch zwei verschiedene Verträge", erklärt der Insider. Zusätzliche Teamboni in Form von gemeinsamen Aktivitäten verstärken den Druck auf die Belegschaft.
Vulnerable Senioren als Zielgruppe
Die dokumentierten Fälle zeigen ein besorgniserregendes Muster: Eine 92-jährige Kundin, die lediglich wegen eines technischen Problems den Shop aufsuchte, verliess diesen mit fünf neuen Handy-Abos, vier Smartphones und fünf Musikboxen. Ein weiterer Fall betrifft eine 87-jährige Dame, die nach dem Tod ihres Mannes eine einfache Beratung suchte und mit mehreren Abonnements sowie drei Musikboxen belastet wurde.
"Meine Patentante spricht kaum Deutsch und verfügt über keinerlei digitale Erfahrung", berichtet Timo Niemeyer. Die betagte Dame befand sich in einer emotional verletzlichen Situation und war offensichtlich überfordert. Eine spätere Stornierung wäre mit erheblichen Kosten verbunden gewesen.
Unternehmen verspricht Besserung
Salt-Mediensprecherin Ana Biljaka bestätigt das Provisionssystem, betont jedoch klare Richtlinien. "Fälle von Missbrauch führen zu Rückforderungen und wo erforderlich, zu disziplinarischen Massnahmen." Das Unternehmen bedauert die Vorfälle und verspricht Massnahmen zur Verhinderung ähnlicher Situationen.
"Unser Anspruch ist eine faire, transparente und bedürfnisgerechte Beratung, insbesondere bei Personen mit besonderem Schutzbedarf", so Biljaka. Die konkreten Massnahmen bleiben jedoch vage formuliert.
Regulatorische Konsequenzen erforderlich
Diese Enthüllungen werfen grundsätzliche Fragen zum Verbraucherschutz in der Schweizer Telekommunikationsbranche auf. Insbesondere der Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen vor aggressiven Verkaufspraktiken erfordert schärfere regulatorische Massnahmen. Die dokumentierten Fälle zeigen, dass Selbstregulierung der Branche offensichtlich nicht ausreicht.