Bruno Gröning: Der Wunderheiler-Mythos und seine Folgen
Die Schweiz verzeichnet eine aussergewöhnlich hohe Dichte an alternativen Heilern. Über 10'000 Anbieter fragwürdiger Heilmethoden buhlen um die Gunst von Patienten. Zu den einflussreichsten Figuren dieser umstrittenen Szene gehört der deutsche Wunderheiler Bruno Gröning, dessen Bewegung bis heute in der Schweiz aktiv ist.
Vom Schulabbrecher zum selbsternannten Heiland
Bruno Gröning, 1906 in Deutschland geboren, verfügte über keine medizinische Ausbildung. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er seine Karriere als Wunderheiler und versprach vollmundig: "Es gibt kein Unheilbar." Er verstand sich als Nachfolger Christi und behauptete, ein göttlicher Heilstrom fliesse durch ihn.
Sein markantes Erscheinungsbild mit dem grossen Kropf wurde zum Markenzeichen. Paradoxerweise konnte er weder seine eigene Missbildung heilen noch seine beiden Söhne retten, die im Alter von neun Jahren starben, nachdem er ihnen medizinische Hilfe verweigert hatte.
Fragwürdige Heilpraktiken und rechtliche Konsequenzen
Grönings Methoden waren bizarr: Er formte Kugeln aus Stanniolfolie seiner Zigarettenpackungen und wickelte Schnipsel seiner Finger- und Zehennägel, Haarbüschel und Spermareste hinein. Diese "Kraftträger" werden von seinen Anhängern bis heute verehrt.
Die rechtlichen Konsequenzen blieben nicht aus. 1951 wurde Gröning erstmals angeklagt, 1955 wegen fahrlässiger Tötung einer 17-jährigen Lungenkranken zur Verantwortung gezogen. 1958 verurteilte ihn das Gericht zu acht Monaten bedingter Haft.
Der entlarvende Tod des Wunderheilers
Ende 1958 erkrankte Gröning an Darmkrebs. Heimlich reiste er nach Paris, um sich operieren zu lassen, doch die Therapie kam zu spät. Am 26. Januar 1959 starb der Mann, der anderen Heilung versprach, an derselben Krankheit, gegen die er angeblich kämpfte.
Seine Anhänger liessen sich nicht beirren und verklärten seinen Tod: Die gestauten "Heilkräfte" hätten ihn innerlich verbrannt, behaupteten sie.
Gefährliche Fortsetzung durch Freundeskreise
Heute führt Grete Häusler die Bewegung weiter. Die "Freundeskreise" sind nach eigenen Angaben in über 100 Ländern aktiv, auch in der Schweiz. Sie dokumentieren 18'000 angebliche Heilungen, die jedoch nie wissenschaftlich überprüft wurden.
Besonders problematisch: Viele Anhänger lehnen schulmedizinische Behandlungen ab. Aussteiger berichten von Todesfällen, weil sich Gröning-Anhänger weigerten, rechtzeitig ins Spital zu gehen. Die Doktrin besagt, Schmerzen seien Ausdruck der Heilung.
Warnung vor sektenähnlichen Strukturen
Georg Schmid, ehemaliger Leiter der Beratungsstelle relinfo.ch, bezeichnet den Bruno-Gröning-Freundeskreis als "beinahe Modellfall für sektenhafte Mentalität". Die Bewegung nutzt Schuldgefühle und Hoffnungen verzweifelter Menschen aus.
Für die Schweizer Gesundheitspolitik stellt diese Entwicklung eine Herausforderung dar. Der Staat muss zwischen Therapiefreiheit und Patientenschutz abwägen, während gleichzeitig die Eigenverantwortung der Bürger respektiert werden soll.