Nach dem historisch heissen Sommer hat Basel ein Pilotprojekt gestartet, das ausgetrocknete Dachbegrünungen mit gereinigtem Abwasser einer Brauerei kühlt. Auf einem Hotel im Gundeldingerfeld wird eine sensorgesteuerte Tröpfchenbewässerung erstmals im Alltag getestet, wie SRF News berichtet.
Gründächer gelten als bewährtes Mittel gegen städtische Hitze. Der vergangene Hitzesommer hat jedoch aufgezeigt, wo die Technik an ihre Grenzen stösst: Ohne Wasser versagen die Begrünungen und heizen sich stärker auf als klassische Kiesdächer.
Was der Hitzesommer auf den Basler Dächern zeigte
73 Meter über dem Basler Boden liegt die Dachbegrünung des Biozentrums. Im Rekordsommer ist aus der grünen Wiese eine verdorrte Fläche geworden. Stephan Brenneisen, Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Fachmann für Dachbegrünung, zieht eine deutliche Bilanz.
«Es ist eine Katastrophe. Die Dachbegrünung ist nach kürzester Zeit ausgetrocknet. Somit gibt es keinen Kühlungseffekt mehr», sagte Brenneisen.
Die Folgen betreffen nicht nur das Stadtklima. Die Trockenheit hat auch die Biodiversität auf den Dächern zerstört. «Die Tiere auf den Dächern starben», so Brenneisen. «Nach kürzester Zeit war es vorbei mit dem Leben auf diesen Flächen.»
Brenneisen untersuchte die Auswirkungen wissenschaftlich. Aufnahmen mit Wärmebildkameras ergaben ein ernüchterndes Resultat: Die verdorrten Begrünungen erwärmten sich stärker als herkömmliche Kiesdächer. Vom erhofften Kühleffekt blieb nichts übrig.
Wie die Tröpfchenbewässerung mit Brauchwasser funktioniert
Gegen den Hitzekollaps auf den Flachdächern entwickelt Jascha van Gogh eine Antwort. Der frühere Student Brenneisens leitet heute Projekte bei der Oekoskop AG und arbeitet an einer automatisierten Bewässerung direkt im Wurzelwerk. Auf einem Hotel im Gundeldingerfeld wird das System nun erstmals im Alltag erprobt.
Um jeden Tropfen optimal zu nutzen, setzt van Gogh auf feine Tropfschläuche im Wurzelwerk, reguliert über Sensoren im Boden. Herkömmliche Sprinkler seien die falsche Wahl.
«Dabei würde ein grosser Teil des Wassers bereits in der heissen Luft verdunsten, bevor es überhaupt die Wurzeln erreicht», sagte van Gogh.
Kostbares Trinkwasser kommt für das Basler Vorhaben nicht infrage. Van Gogh bezeichnet das als Ressourcenverschwendung. Stattdessen nutzt das Team das Abwasser der direkt benachbarten Brauerei.
«Wir haben einen Sandfilter, der die groben Schwebstoffe herausfiltert, damit es nachher durch die Tropfschläuche durchkommt und nicht alles verstopft», erklärte van Gogh. Der pH-Wert werde laufend überwacht. Ist das Wasser zu sauer oder zu basisch, würden die Pflanzen absterben.
Warum Brauereiabwasser als Brauchwasser taugt
Die Wiederverwertung von Nebenprodukten aus dem Brauprozess ist in der Schweiz ein etabliertes Vorgehen. Wie Der Bund berichtet, landen Heißtrub, Hopfentreber und Überschusshefe vielerorts im Abwasser und werden in lokalen Biogasanlagen verwertet. Das Basler Projekt nutzt denselben Stoffstrom für die Bewässerung und schliesst damit einen weiteren Kreislauf.
Kühle für Hotelgäste und Quartier
Finanziert wird der Versuch auf dem ehemaligen Industrieareal durch Stiftungsgelder. Für Architektin Sarah Barth, die das Areal als Verwaltungsratspräsidentin leitet, ist das Projekt ein doppelter Gewinn.
«Wir erhoffen uns einen kühlenden Effekt für unsere Hotelgäste und für das ganze Quartier», sagte Barth.
Bleiben die Zimmer im Hochsommer durch das feuchte Dach auf natürlichem Weg kühl, spart das Energie und Kosten. «Wir müssen keine Klimaanlage einbauen, die am Ende die Erde noch heisser machen würde», so Barth.
Umdenken im Bauwesen gefordert
Bestehende Gründächer nachträglich mit Filter- und Pumptechnik auszurüsten, ist kostspielig. Bei Neubauten lasse sich das Brauchwassersystem dagegen direkt mitplanen, sagte Brenneisen.
Dafür brauche es einen Kulturwandel im Bauwesen. Traditionell gelte beim Bauen die Prämisse, Wasser so rasch wie möglich vom Gebäude wegzuleiten. Eine Dachfläche gezielt feucht zu halten, stosse auf Skepsis. Technisch stelle die Abdichtung heute längst kein Problem mehr dar.
Gründächer leisten zudem mehr als Kühlung im Sommer. Wie der Metaller anhand von 222 Versuchen zeigt, entlasten Dachaufbau, Wasserspeicher und Abflussdrosselung die Kanalisation bei Starkregen. Wer das Wasser auf dem Dach behält, nutzt es also zweifach: als Kühlreserve im Sommer und als Rückhaltevolumen bei Unwettern. Ähnliches gilt für die Fassadenbegrünung, die laut Wikipedia wegen ihrer positiven Wirkung auf das Stadtklima zunehmend geplant wird.
Was das Projekt für die Schweiz bedeutet
Das Basler Beispiel zeigt, dass ökologische Ziele und betriebliche Effizienz sich nicht ausschliessen. Ein Hotel spart Klimaanlagen und Energie, eine Brauerei findet einen Abnehmer für ihr Abwasser, und das Quartier profitiert von kühlerer Luft. Das sind keine ideologischen Postulate, sondern schlichte Nutzenrechnungen, wie sie auch für hiesige Bauprojekte gelten.
Entscheidend wird sein, ob Planer und Behörden das Brauchwassersystem bei Neubauten künftig von Anfang einbeziehen. Der Sommer hat gezeigt, dass ein Gründach ohne Wasser seinen Zweck verfehlt. Basel liefert nun die Blaupause, wie sich das ändern lässt.
Häufige Fragen
Warum trocknen Gründächer im Sommer aus?
Weil die Vegetationsschicht dünn ist und die Sonne die Dachflächen stark aufheizt, verdunstet das Wasser rasch. Nach Aussage von Stephan Brenneisen sind die Begrünungen im Hitzesommer innert kürzester Zeit ausgetrocknet, was den Kühleffekt zunichtemacht.
Warum wird kein Trinkwasser zur Bewässerung verwendet?
Trinkwasser für Dachbewässerung wäre laut Projektverantwortlichen Ressourcenverschwendung. Stattdessen wird gereinigtes Abwasser der benachbarten Brauerei genutzt, das über einen Sandfilter aufbereitet und hinsichtlich des pH-Werts überwacht wird.
Lohnt sich der Einbau auch bei bestehenden Gründächern?
Der nachträgliche Einbau von Filter- und Pumptechnik ist kostspielig. Bei Neubauten lässt sich das System hingegen direkt mitplanen, wie Brenneisen ausführt, was die Kosten deutlich senkt.
