Die Route 66, die legendäre Fernstrasse zwischen Chicago und Los Angeles, begeht im Jahr 2026 ihr 100-jähriges Bestehen. Die am 11. November 1926 offiziell eröffnete Verbindung führt auf 3940 Kilometern durch acht US-Bundesstaaten und gilt bis heute als Symbol für Aufbruch, Freiheit und den amerikanischen Roadtrip.
Wie SRF News anlässlich des Jubiläumsjahres berichtet, war kaum eine Strasse stärker mit dem Traum des Neuanfangs verbunden. Millionen Menschen brachte sie in ihren Blütezeiten in den Westen der Vereinigten Staaten, auf der Suche nach Wohlstand und einem besseren Leben. Zugleich erzählt ihre Geschichte von den Enttäuschungen eines Landes, das seinen grossen Traum immer wieder neu erfindet.
Eine Hoffnungsträgerin für ein gespaltenes Land
Mit dem Mythos des Neubeginns könnten sich in den USA Menschen aus allen politischen Lagern identifizieren, sagt Astrid Fellner. Die Professorin für amerikanische Literatur bereist mit ihren Studierenden regelmässig die Route 66, weil sie buchstäblich erfahrbar mache, wie vielseitig die USA sind.
„Das macht die Symbolkraft der Route 66 so wichtig, dass sie überparteilich dasteht“, sagte Fellner gegenüber SRF News. Die Strasse stehe für Bewährtes und für Offenheit zugleich.
Für Nick Spitzer, Host und Produzent der Radiosendung „American Routes“ und regelmässig auf der Strecke unterwegs, ist die Route 66 eine Road to Freedom.
„Es geht nicht darum, an einem bestimmten Ort anzukommen, sondern darum, zu vielen unterschiedlichen Orten unterwegs zu sein. Die Strasse selbst ist das Ziel“, sagte Spitzer.
Die „Mother Road“ in der Krise der 1930er-Jahre
Die Route wurde erst nach ihrem offiziellen Ende romantisiert. Zuvor war sie immer wieder Schauplatz menschlicher Not. In den 1930er-Jahren machten Staubstürme im Zuge der Dust-Bowl-Krise die Äcker im Mittleren Westen unfruchtbar. Hunderttausende Menschen verloren ihre Lebensgrundlage und flohen über die Route 66 nach Westen, wie auch die Encyclopedia Britannica festhält.
Der Singer-Songwriter Woody Guthrie, selbst von der Hungerkrise betroffen, nannte die Strasse eine „old, dusty road“. John Steinbeck verewigte sie in seinem Roman „Früchte des Zorns“ als „Mother Road“.
„Die Strasse wird zu einer Mutterfigur, einer Hoffnungsträgerin, fast zu einer Person, die sich um einen kümmert. Und das Schlimme ist, dass die Realität eine ganz andere war“, sagte Fellner. Der Hunger sei auf der beschwerlichen Reise über die Rocky Mountains immer grösser geworden.
Hollywood und der Song, der sie weltberühmt machte
Dank des kritischen Blicks von Guthrie und Steinbeck entdeckte auch Hollywood die Strasse. Die frühe Verfilmung von Steinbecks Roman brachte die Reise einer Flüchtlingsfamilie von Oklahoma nach Kalifornien auf die Kinoleinwand. Mit dem Roadmovie „Easy Rider“ wurde die Route 66 später zur Projektionsfläche einer rebellischen Generation, in „Rain Man“ reisten zwei Brüder über Teilstücke der Strecke, und der Animationsfilm „Cars“ von 2006 erzählte vom Niedergang der historischen Route.
Musikalisch setzte der Song „(Get Your Kicks on) Route 66“ der Strasse ein Denkmal. Geschrieben hatte ihn 1946 Bobby Troup, ein junger Ex-Soldat, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Los Angeles fuhr und die Stationen seiner Reise aufzählte, von St. Louis über Oklahoma City und Amarillo bis nach San Bernardino. In Los Angeles spielte er den Song Nat King Cole vor, der ihn zum Hit machte.
Ausgerechnet der Mann, der die Route 66 weltberühmt machte, konnte sie nicht überall frei bereisen. Als Schwarzer war Nat King Cole in vielen Bundesstaaten entlang der Strecke noch mit den Folgen der Rassentrennung konfrontiert. Der Boom der Route 66 war, wie SRF News betont, vor allem der Boom einer weissen Mittelschicht, die sich Mobilität und Freizeit leisten konnte.
Niedergang durch den Fortschritt
Der Siegeszug des Autos wurde der Route 66 zum Verhängnis. Mit dem Bau des Interstate-Highway-Systems ab 1956 wurde der Verkehr schneller, sicherer und standardisierter. Die neuen Autobahnen umgingen die alten Orte; Geschäfte, Tankstellen und Motels verloren ihre Kundschaft. 1985 wurde die Route 66 offiziell aus dem US-Highway-System gestrichen. Die Augsburger Allgemeine erinnert daran, dass die 1926 eröffnete Fernstrasse als „Main Street of America“ gilt.
Das zweite Leben als Reiseziel
Mit der Streichung begann das zweite Leben der Strasse. Die einstige Transportachse wurde selbst zum Reiseziel, wie auch RP Online in einem aktuellen Bericht über einen Roadtrip quer durch die USA beschreibt. Alte Diners, verlassene Tankstellen und Neonreklamen wurden zu Erinnerungsorten, die Route 66 zum Symbol einer widersprüchlichen Vergangenheit zwischen Fortschritt und Nostalgie.
„Die Route 66 steht sinnbildlich für einen spannenden Widerspruch in den USA“, sagte Nick Spitzer. „Einerseits verkörpert die Strasse eine traditionelle, konservative Haltung. Bewährtes soll erhalten bleiben. Andererseits steht sie auch für Offenheit und Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen.“
Vielleicht liegt gerade darin ihre anhaltende Faszination. Die Route 66 verbindet Menschen, die sonst wenig miteinander verbindet. Hundert Jahre nach ihrer Eröffnung steht sie noch immer für Aufbruch und Neuanfang, und ihre Geschichte erzählt zugleich von den Enttäuschungen eines Landes. Diese Spannung hält ihren Mythos lebendig, und im Jubiläumsjahr 2026 zieht die „Mutter aller Strassen“ Besucherinnen und Besucher aus aller Welt an.
Die wichtigsten Fragen zur Route 66
Wie lang ist die Route 66?
Die Strasse verbindet Chicago mit Los Angeles und misst 3940 Kilometer. Sie führt durch acht US-Bundesstaaten.
Wann wurde die Route 66 eröffnet?
Die offizielle Eröffnung erfolgte am 11. November 1926. Im Jahr 2026 feiert die Strasse ihr 100-jähriges Bestehen.
Warum heisst die Route 66 „Mother Road“?
Der Schriftsteller John Steinbeck prägte diesen Namen in seinem Roman „Früchte des Zorns“, weil die Strasse in den 1930er-Jahren Hunderttausenden Menschen als Fluchtroute diente.
Ist die Route 66 noch eine offizielle Fernstrasse?
Nein. 1985 wurde sie offiziell aus dem US-Highway-System gestrichen. Heute ist die Strecke ein Reiseziel und ein Symbol der amerikanischen Car Culture.
