Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini, seit Jahrzehnten eine der bedeutendsten Stimmen der italienischen Literatur und mehrfache Kandidatin für den Literaturnobelpreis, wird am Freitag, dem 13. November, 90 Jahre alt. Feiern möchte sie nicht. Wie sie der Nachrichtenagentur Ansa sagte, arbeitet sie auch am Geburtstag weiter.
«Ich habe Feiern nie gemocht», sagte Maraini laut Ansa. Ihr Terminkalender lasse dies ohnehin nicht zu: «Das Leben geht weiter, ich arbeite ständig, auch sonntags. Ich schreibe, ich lese. Mein Leben bestand schon immer daraus.»
Ein Leben gegen das Schweigen
Maraini wurde 1936 in Fiesole bei Florenz als Tochter eines Ethnologen und einer Malerin geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie teilweise in Japan, wohin die Familie 1939 auswanderte. Als überzeugte Antifaschisten wurden ihre Eltern 1943 mit den Kindern in Lagern interniert; Hunger und Erschöpfung prägten diese Jahre. «Eine schreckliche Wunde, die ich mit mir herumtrage», nannte sie diese Erinnerungen, wie www.Bluewin.ch berichtet.
Nach dem Krieg kam sie als Jugendliche zu den Grosseltern nach Bagheria bei Palermo auf Sizilien. Der Kontrast zwischen dem fortschrittlichen Elternhaus und der traditionellen Männerkultur des Mezzogiorno wurde prägend für ihr Werk. Ihrer sizilianischen Kindheit widmete sie 1993 das Buch «Bagheria – Eine Kindheit auf Sizilien».
Warum gilt Maraini als feministische Pionierin?
In ihren Büchern behandelt Maraini Themen, über die in Italien lange geschwiegen wurde: Gewalt gegen Frauen, Zwangsprostitution, Inzest und lesbische Liebe. Ihr Roman «Tage im August» (1962) über ein 14-jähriges Mädchen, das die gierigen Blicke der Männer erlebt, wurde ihr erster Erfolg. Zwei Jahrzehnte lebte sie mit dem Autor Alberto Moravia zusammen, stand dabei aber oft in dessen Schatten und wurde bloss als dessen schreibende Freundin wahrgenommen.
Diese Erfahrung der Frauenfeindlichkeit im Italien der 1960er Jahre speiste ihren literarischen Kampf um Frauenrechte, den roten Faden ihres Werkes. Für «Kinder der Dunkelheit» (1999) über missbrauchte Frauen und Kinder erhielt sie den renommierten Premio Strega; 1990 wurde sie mit dem Premio Campiello für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in rund 20 Sprachen übersetzt, wie auch Head Topics in seiner Würdigung festhält.
Die stumme Herzogin und das sizilianische Erbe
Ihr bekanntestes Werk bleibt «Die stumme Herzogin» (1992), ein historischer Roman über die taubstumme Herzogin Marianna Ucrìa im Sizilien des 18. Jahrhunderts und deren Kampf um Emanzipation. Das Buch verbindet Marainis Interesse an Geschichte mit ihrer Auseinandersetzung mit weiblicher Selbstbestimmung gegen patriarchale Strukturen.
Neben Romanen verfasste Maraini zeit- und kulturkritische Essays sowie feministische Theaterstücke. Sie zählt zu den weltweit meistgelesenen italienischen Schriftstellerinnen.
Neues Buch und der ausbleibende Nobelpreis
Anlässlich des 90. Geburtstags erscheinen beim Folio-Verlag die deutsche Erstveröffentlichung ihrer Erzählung «Mädchen aus Palermo» sowie eine limitierte Sonderausgabe der «Stummen Herzogin». Bereits am 3. November wurde ausserdem ihr Band «Agro e dolce» veröffentlicht, der Erinnerungen und Fotos verbindet, wie Italien News meldet.
Der Literaturnobelpreis blieb bislang aus, obwohl ihr Name seit Jahren in den Spekulationen auftaucht. «Mein Traum war immer dieser: Seiten zu schreiben, die diejenigen, die sie lesen, lieben werden. Mehr nicht», sagte sie in einem Interview. Später gab sie zu: «Ich hoffe, dass er kommt. Aber das Wichtigste ist, ihm nicht hinterherzujagen, sonst leidet man unter Ängsten.»
Auch mit 90 denkt Maraini nicht ans Aufhören. An einem neuen Buch schreibt sie bereits, wie sie Ansa bestätigte: «Aber darüber spreche ich jetzt noch nicht.» Mehrmals im Monat publiziert sie Meinungsbeiträge in der Zeitung «Corriere della Sera» und äussert sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen. Der jungen Generation rät sie in der aktuellen Weltlage eines: «Aufmerksam zu sein.»
