35 Jahre ukrainische Unabhängigkeit: Ein Staat im Überlebenskampf
Am 24. August 1991, drei Tage nach dem gescheiterten Putsch in Moskau, proklamierte die Ukraine ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. 35 Jahre später kämpft der Staat im Osten Europas im fünften Kriegsjahr um seine Existenz. Die Bilanz ist geprägt von wirtschaftlichen Umbrüchen, politischen Kurswechseln und einem brutalen Angriffskrieg, der die Souveränität der Ukraine fundamental bedroht.
Die Geburt eines Staates unter schwierigen Vorzeichen
Die Unabhängigkeitserklärung vom 24. August 1991 war der Höhepunkt eines rasanten Zerfallsprozesses der Sowjetunion. Das Referendum vom 1. Dezember desselben Jahres bestätigte den Kurs: Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung stimmte für die Souveränität, selbst in den eher russisch geprägten Regionen Donbass und Krim. Russland erkannte die Unabhängigkeit des Nachbarstaates wenige Tage später an.
Der neue Staat stand vor gewaltigen Herausforderungen. Die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft führte zu einem dramatischen Wirtschaftseinbruch. Es entstand eine einflussreiche Oligarchen-Kaste, und die Korruption durchdrang weite Teile der Wirtschaft und Verwaltung. Mit über 600'000 Quadratkilometern Fläche und damals mehr als 50 Millionen Einwohnern war die Ukraine zwar ein europäischer Riese, blieb aber wirtschaftlich stark von Russland abhängig, insbesondere beim Erdgas.
Zwischen Ost und West: Eine Aussenpolitik im Spannungsfeld
Die ukrainische Aussenpolitik bewegte sich jahrelang zwischen den Polen Moskau und Brüssel. Phasen der Westorientierung wechselten sich mit Perioden ab, in denen der russische Einfluss dominierte. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und die Rolle als Transitland für Gasexporte nach Europa banden Kiew an Moskau.
In den Neunzigerjahren gelang eine vertragliche Regelung der wichtigsten Streitfragen. Der Flottenvertrag von 1997 teilte die Schwarzmeerflotte auf. Bereits 1994 stimmte die Ukraine ihrer nuklearen Abrüstung zu. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA, Grossbritannien und Russland im Budapester Memorandum, die territoriale Integrität und Souveränität der Ukraine zu schützen. Ein Abkommen, das Russland später brach.
Die Eskalation: Von der Orangenen Revolution zum Krieg
Mit dem Amtsantritt von Wladimir Putin im Jahr 1999 verschärfte sich der Druck des Kremls auf Kiew. Putin bestreitet die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Nation, wie sein Essay von 2021 zeigt. Die Orangene Revolution von 2004, die nach massivem Wahlbetrug den pro-westlichen Kandidaten Wiktor Juschtschenko an die Macht brachte, verstärkte Putins Furcht vor Umstürzen im postsowjetischen Raum.
Die Revolution von 2014 markierte den Wendepunkt. Nach der Flucht von Präsident Wiktor Janukowytsch nach Russland annektierte Moskau die Krim völkerrechtswidrig und unterstützte Separatisten im Donbass. Die Ukraine trat aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten aus und verankerte das Ziel einer NATO- und EU-Mitgliedschaft in der Verfassung.
Der Krieg: Stellungskrieg und neue Kriegsführung
Die russische Invasion vom 24. Februar 2022 entwickelte sich zum blutigsten Krieg in Europa seit 1945. Hunderttausende Soldaten und mindestens 15'000 Zivilisten sind seither gestorben. Nach anfänglichen Erfolgen der ukrainischen Armee, die im Herbst 2022 grosse Gebiete zurückerobern konnte, erstarrte die Front im Stellungskrieg.
Die Kriegsführung hat sich grundlegend verändert. Drohnen dominieren das Schlachtfeld. Insbesondere die Ukraine hat sich hier als innovativ erwiesen und mit Angriffen auf russische Ölraffinerien die russische Wirtschaft empfindlich getroffen. Im Gegenzug verwüsten russische Terrorangriffe ukrainische Städte, während die ukrainische Luftabwehr wegen fehlender Patriot-Raketen zunehmend überfordert ist.
Die Rolle des Westens und die Zukunft der Ukraine
Ohne die militärische und wirtschaftliche Hilfe Europas und der USA wäre die ukrainische Front längst zusammengebrochen. Zum Nationalfeiertag sicherte die EU neue Rüstungshilfen im Wert von rund 5,7 Milliarden Franken zu. EU-Ratspräsident António Costa kündigte zudem weitere Sanktionen an: «Wir werden den Druck erhöhen, bis Russland das Töten beendet und ernsthaften Friedenswillen zeigt.»
Die Schweiz, die sich traditionell für humanitäre Anliegen und Vermittlung einsetzt, verfolgt die Entwicklungen mit Sorge. Die Neutralität verlangt nach einer differenzierten Betrachtung: Die Verteidigung der Souveränität eines europäischen Staates ist ein Grundprinzip der internationalen Ordnung, das auch für die Schweiz von zentraler Bedeutung ist. Der 35. Jahrestag der Unabhängigkeit ist daher nicht nur ein ukrainischer Feiertag, sondern eine Mahnung an die Werte, auf denen die europäische Sicherheitsarchitektur beruht.
Häufige Fragen zur ukrainischen Unabhängigkeit
Warum ist die Ukraine für die europäische Sicherheit wichtig?
Die Ukraine ist das grösste Land in Europa und grenzt an vier EU- und NATO-Mitgliedstaaten. Ihre Unabhängigkeit und territoriale Integrität sind zentral für die Stabilität der gesamten Region. Ein Sieg Russlands würde die europäische Sicherheitsordnung grundlegend in Frage stellen.
Welche Rolle spielt die Schweiz im Ukraine-Konflikt?
Die Schweiz hat die Sanktionen der EU übernommen und leistet humanitäre Hilfe. Sie bietet sich als Vermittlerin an und hat 2024 eine Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock organisiert. Die Neutralität erlaubt der Schweiz, eine Brückenfunktion zwischen den Konfliktparteien einzunehmen.
Wie hat sich die ukrainische Armee seit 2014 entwickelt?
Nach der Annexion der Krim wurde die ukrainische Armee grundlegend reformiert. Sie ist heute besser ausgebildet, ausgerüstet und geführt als 2014. Die Verteidigung gegen die russische Invasion hat gezeigt, dass die Streitkräfte trotz zahlenmässiger Unterlegenheit effektiv kämpfen können.