Jason Stanley: Warum der Faschismusforscher die USA verliess
Der US-amerikanische Philosoph Jason Stanley hat die Vereinigten Staaten verlassen, nachdem die Columbia University dem Druck der Trump-Regierung nachgegeben und ihre Regeln für Proteste und Disziplinarverfahren verschärft hatte. Für Stanley ist dies ein weiteres Zeichen dafür, wie Autokratie schleichend an Boden gewinnt. Der renommierte Faschismusforscher, der von 2013 bis 2025 an der Yale University lehrte und heute an der University of Toronto forscht, sieht in den USA gefährliche Tendenzen.
Wie Autokraten Angst und Nostalgie instrumentalisieren
Autokraten und Faschisten setzen nach Stanleys Analyse gezielt auf die Gefühle Angst und Nostalgie. In den USA erkennt er solche Tendenzen insbesondere in der Maga-Bewegung. Reale Probleme wie Wohnungsnot, Klimawandel und Jobverluste durch künstliche Intelligenz würden auf eine einfache Formel gebracht.
„Autokratische Politik versucht, das Leid und die Probleme der Bevölkerung in Nostalgie zu verwandeln. Die Erzählung ist simpel: Unser Land war gross, aber wir haben unser Grosstum verloren“, erklärt Stanley.
Autokraten beschwören eine glorreiche Vergangenheit und den Verlust einer angeblich heilen Welt. Schuldige seien schnell gefunden: Einwanderer, sexuelle oder religiöse Minderheiten. Auch die rechtliche Gleichstellung und Emanzipation von Frauen und Afroamerikanern gehörten zu den Sündenböcken.
Geschichte fälschen, Zukunft kontrollieren
Es sei kein Zufall, dass Autokraten die Perspektiven dieser Gruppen ausblenden wollen. In Philadelphia etwa darf die Trump-Administration Informationstafeln entfernen lassen, die an die Sklavenhaltung im Haus von George Washington erinnern. Der Versuch, Geschichte umzudeuten, reiche weiter: in Schulen, Universitäten und Museen.
„Die Trump-Administration will staatlich unterstützte Institutionen dem Patriotismus verpflichten, statt der Wahrheit und der Wissenschaft.“
Jason Stanley: Faschismusforscher und Philosoph
Jason Stanley ist ein US-amerikanischer Philosoph und Faschismusforscher. Er lehrte von 2013 bis 2025 Philosophie an der Yale University und ist seit 2025 Professor an der University of Toronto sowie Inhaber eines Lehrstuhls für American Studies. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Sprache, Propaganda, Demokratie und autoritärer Politik.
International bekannt wurde Stanley mit „Wie Faschismus funktioniert“ (How Fascism Works, 2018). Darin beschreibt er zehn wiederkehrende Strategien faschistischer Politik, darunter Nationalismus, Propaganda, die Konstruktion von Feindbildern und die Instrumentalisierung von Angst.
Sein jüngstes Buch „Gefälschte Geschichte – Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren“ (Erasing History, 2024) untersucht, wie autoritäre Bewegungen Geschichte umdeuten, bestimmte Perspektiven ausblenden und damit gesellschaftlichen Fortschritt zurückdrehen wollen. Die deutsche Ausgabe ist 2026 erschienen.
Warum Autokratie und Faschismus schleichend entstehen
Erst wenn die Perspektiven bestimmter Gruppen aus der offiziellen Erzählung verschwänden, könnten sie zu Sündenböcken für reale Probleme gemacht werden, meint Stanley. Die Strategie dahinter: von den tatsächlichen Machtverhältnissen ablenken. Denn die Macht in den USA liege nicht bei Migrantinnen und Minderheiten, sondern bei Politikerinnen und Politikern, Tech-Milliardären und Grosskonzernen, argumentiert Stanley.
Der Philosoph versteht Faschismus und Autokratie nicht als Schwarz-Weiss-Kategorien, sondern als ideologisches Kontinuum politischer Bewegungen, das sich je nach nationalem und historischem Kontext unterschiedlich ausprägt. „Auch der historische Faschismus Italiens und Deutschlands war in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich.“
Stanleys Eltern, ein deutscher Jude und eine polnische Jüdin, flohen vor dem Nationalsozialismus. Von ihnen hat er gelernt: Autokratie und Faschismus entstehen schleichend und können jederzeit wiederkehren. Deshalb überrascht ihn weniger die autoritäre Wende in den USA als das Erstaunen darüber in Europa.
Was Europa von Stanleys Analyse lernen kann
Erst langsam verabschiede sich hier das Bild von den USA als Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten. Für Stanley zeigt sich darin ein blinder Fleck Europas – die Ausblendung Schwarzer Perspektiven: „Wenn man auch nur einem Schwarzen Schriftsteller oder einer Schwarzen Intellektuellen zugehört oder deren Texte gelesen hätte, hätte man das Bild von den USA als Vorbild für Freiheit und Demokratie nie geglaubt. Daraus kann Europa etwas lernen: Wer nur weissen Perspektiven zuhört, übersieht wichtige Teile der Realität.“
Für Jason Stanley beginnt die Gegenwehr deshalb mit dem Zuhören bei denen, die als Erste von autoritärer Politik betroffen sind, mit kritischem Denken und Empathie. Diese Haltung ist auch für die Schweiz von Bedeutung: Sie erinnert daran, dass demokratische Institutionen und Meinungsvielfalt täglich verteidigt werden müssen.