Brasilien vor der Wahl: Der Bolsonaro-Clan setzt auf Sohn Flávio
Am 4. Oktober wählt Brasilien ein neues Staatsoberhaupt. Im Rennen um das Präsidentenamt liegt ein Name besonders im Fokus: Flávio Bolsonaro, ältester Sohn des ehemaligen ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro. Die Kandidatur des 45-Jährigen ist das Ergebnis einer strategischen Entscheidung des Vaters, der wegen einer 27-jährigen Haftstrafe nicht selbst antreten kann.
Wie kam es zur Kandidatur von Flávio Bolsonaro?
Die Entscheidung, dass Flávio Bolsonaro für die Liberale Partei ins Rennen geht, traf nicht der Sohn selbst, sondern sein Vater Jair. Als dem Ex-Präsidenten im September 2025 klar wurde, dass ihn seine Verurteilung wegen des Putschversuchs an einer eigenen Kandidatur hindern würde, wählte er Plan B. Im Dezember verkündete Jair Bolsonaro die Kandidatur seines ältesten Sohnes und setzte sich damit über die Ambitionen seiner Ehefrau Michelle sowie anderer konservativer Politiker hinweg.
Wer ist Flávio Bolsonaro?
Bis zu seiner Nominierung galt Flávio Bolsonaro als Politiker der zweiten Reihe. Mit 21 Jahren wurde er jüngster Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Rio de Janeiro, seit 2019 ist er Senator. In diesen Funktionen vertrat er die Kernthemen der Familie: Kampf gegen Kriminalität, harte Hand des Staates und Waffenfreiheit.
Doch auch Skandale begleiten Bolsonaro junior seit Jahren. So soll er als Parlamentarier Scheinverträge für angebliche Mitarbeiter abgeschlossen haben, um Gehälter einzustreichen. Zudem wird ihm vorgeworfen, Gelder über seinen Schokoladenladen in Rio de Janeiro gewaschen und später rund zwanzig Wohnungen in bar bezahlt zu haben. Auch Kontakte zu rechtsextremen Milizen in Rio werden ihm zugeschrieben. Als Abgeordneter zeichnete er ein des Mordes verdächtigtes Milizenmitglied in Haft mit einer Medaille aus.
Welche Positionen vertritt Flávio Bolsonaro?
Flávio Bolsonaro gibt sich seit seiner Kandidatur zunehmend radikal. Er stellt das elektronische Wahlsystem in Frage, will kriminelle Gruppen zu „Narco-Terroristen“ erklären lassen, Mega-Gefängnisse bauen und die Strafmündigkeit herabsenken. Haushaltspolitisch setzt er auf einen strengen Sparkurs, Bürokratieabbau und die Streichung von Ministerien.
Die Familie Bolsonaro verharmlost zudem die brasilianische Militärdiktatur (1964 bis 1985) als „Übergang zur Demokratie“. Flávio hetzt gegen Homosexuelle und Abtreibung und verteidigt die Todesstrafe.
Wie stehen die Chancen für die Wahl?
Innerhalb weniger Monate entwickelte sich Flávios Kandidatur zur stärksten im rechten Lager. Umfragen zufolge liegen er und Amtsinhaber Lula da Silva nahezu gleichauf. Für Lula, die Ikone der lateinamerikanischen Linken, wäre es die vierte Amtszeit als Präsident. Er wird zwei Tage nach der wahrscheinlichen Stichwahl am 25. Oktober 81 Jahre alt. Insgesamt treten zehn Männer und zwei Frauen zur ersten Wahlrunde an.
Was würde sich in der Aussenpolitik ändern?
Unter einem neuen Bolsonaro im Präsidentenpalast wäre eine stärkere Anbindung an die USA und ein weitgehender Bruch mit China zu erwarten. Das asiatische Land ist jedoch nicht nur der wichtigste Aussenhandelspartner Brasiliens, sondern baut mittlerweile auch strategische Infrastruktur wie Häfen, Satelliten oder Strom- und Mobilfunknetze. Lula hingegen verfolgte eine Politik der „aktiven Blockfreiheit“: Handel mit allen, Bindung an niemanden.
Wie überzeugt Flávio Bolsonaro die Wähler?
Das Charisma des Vaters hat der Sohn nicht geerbt. Bei der Eröffnung des Wahlkampfes am 25. Juli zeigte sich, dass Flávio wenig rhetorisches Talent hat. Seine Reden wirken hölzern, die Posen einstudiert. Für den harten Kern der rechten Wählerschaft spielt das keine Rolle. Entscheidend ist, dass er die gleichen Positionen vertritt wie der Vater.
Jair Bolsonaro selbst trat beim Wahlkampfauftakt als KI-generierter Avatar auf einer Leinwand auf, da ihm das Oberste Gericht STF die Nutzung sozialer Netzwerke untersagt hat. Als digitale Kopie mit echter Stimme wetterte der 71-Jährige gegen seine Haftstrafe, die er im Hausarrest verbüsst. Sein pathetischer Appell an die Wähler: „Vertraut dem Blut von meinem Blute. Flávio ist die Zukunft.“
Was bedeutet diese Wahl für Brasilien und die Region?
Die Präsidentschaftswahl in Brasilien ist von grosser Bedeutung für ganz Lateinamerika. Ein Sieg Flávio Bolsonaros würde die Demokratie im grössten Land der Region weiter schwächen, soziale Errungenschaften zurückfahren und den Umweltschutz einschränken. Die Wahl am Sonntag ist daher nicht nur eine Richtungsentscheidung für Brasilien, sondern auch ein Signal für die geopolitische Balance in der Region.