Demenz im Alter: Ein Zürcher Lokführer erzählt von Abschied und Nähe
Am Hauptbahnhof Zürich fahren die Züge ein und aus, kein Zug fällt aus, das System läuft tadellos. Albert, hier nur mit Vornamen genannt, kennt dieses System aus seinem Berufsleben als Lokführer. Doch nun steht er vor einer Herausforderung, die sich durch keine Weiche und keinen Ersatzzug wieder in den Takt bringen lässt: Seine Frau Vreny ist an Demenz erkrankt. Diese Geschichte ist jedoch nicht nur eine von Belastung und Überforderung, sondern auch eine Liebesgeschichte, die durch die Krankheit eine neue Tiefe gewonnen hat.
Erste Anzeichen: Als die Orientierung schwand
Der heute 79-jährige Albert bemerkte erste Anzeichen, als seine Frau behauptete, es gehe „da durch“ zum Bahnhof, obwohl dieser ganz woanders lag. Zuvor war er jahrelang als Freiwilliger mit dementen Personen unterwegs gewesen, was ihm half, die Symptome früh zu erkennen. Beim Kochen zeigten sich weitere Probleme: Vreny vergass, dass sie bereits gewürzt hatte, doch Albert durfte ihr nicht helfen. „Die Küche war ihr Reich“, sagt er. „Den Teller ass sie dann jeweils trotzdem tapfer leer.“ Reklamationen waren nicht erlaubt; wenn er ein Gericht beanstandete, antwortete sie: „Es schmeckt.“
Der Weg zur Diagnose: Ein zäher Prozess
2023 informierte Albert die Verwandtschaft über die Probleme, stiess jedoch auf Unverständnis. „Nach nur zwei Stunden Besuch merkte man meiner Frau die Krankheit halt nicht an“, erklärt er. Auch die Hausärztin willigte erst nach seinem Drängen ein, ein MRI des Schädels zu erstellen. Der Radiologe fand eine grosse Zyste an einer Stelle, wo sie nicht entfernt werden kann. Der Neurologe sagte: „Wir können nur hoffen, dass sie langsam wächst.“ Albert erinnert sich: „Es hat grausam gearbeitet in ihr. Sie war ja ständig daran, ihre Krankheit zu verstecken.“ Erst als sie eines Tages fluchte und sagte „Es ist alles zu viel“, habe sie die Situation akzeptiert.
Neue Nähe in der Krankheit
Ab diesem Punkt durfte Albert in der Küche mithelfen, und die Demenz wurde nicht mehr thematisiert. Ergotherapie verweigerte Vreny, sie wollte keine Mandalas ausmalen. „Dabei war sie als Floristin einmal sehr kreativ gewesen“, sagt Albert. Trotz allem spürt er eine wachsende Vertrauensbasis: „Auch jetzt noch merke ich, wie viel sie von mir hält. Wenn die Pflegerinnen etwas sagen, beachtet sie das auch mal nicht, aber wenn ich etwas sage, dann gilt das bei ihr.“
Herausforderungen im Alltag: Reisen und Pflege
Die Krankheit stellte die beiden vor grosse Herausforderungen. 2024 flogen sie mit einer Reisegruppe nach Mallorca, wo Albert erkrankte, aber nicht im Bett bleiben konnte: „Ich konnte sie doch niemandem aufhalsen.“ Vreny verirrte sich auf einem Markt, wurde aber in einem nahen Laden wiedergefunden. 2025 packte sie am Thunersee jeden Abend die Koffer, obwohl sie die Tage genoss. „Sie blühte auf“, erzählt Albert. Bekannte einer Pflegeorganisation rieten ihm: „Jetzt geht es um dich, pass auf, dass du dich nicht übernimmst.“ Bald musste er sie überall hin begleiten, und nachts schlief er schlecht, weil sie oft aufstand und die Zimmertüre suchte. „Man merkte, dass langsam die Batterie unten ist“, sagt er.
Der Wendepunkt: Herzprobleme und Pflegeheim
Letzten November musste Albert von Nachbarn in den Notfall gebracht werden: Herzprobleme. Seine Frau musste zwangsläufig ins Pflegeheim, und aus der vorübergehenden Lösung wurde eine permanente. Nach ein paar Wochen akzeptierte Vreny die Situation, doch der Abschied war schmerzhaft: „Es war grausam, wenn ich mich jeweils verabschiedete und sie zurücklassen musste.“ Sie fragte: „Und ich?“ Seither besucht er sie jeden zweiten Tag, zum Schutz für sich selbst.
Körperkontakt und Dankbarkeit: Die neue Verbundenheit
Die Nähe zueinander geniessen beide. Früher sassen sie abends auf separaten Sofas, jetzt sucht Vreny immer seine Nähe. „Körperkontakt ist alles und ich geniesse das Gefühl, dass wir zusammengehören“, sagt Albert. Oft sagt seine Frau Danke, sie, die sich früher wenig sagen liess. Albert weiss, dass das nicht selbstverständlich ist; sein bester Freund hat eine Schwester, welche Alzheimer aggressiv gemacht hat. Er zehrt von den guten gemeinsamen Zeiten, etwa den Essen im Migros- oder Coop-Restaurant. Doch wenn ein Kollege ihn zum Essen einlädt, lehnt er ab: „Das bringe ich nicht fertig. Das geht mir zu nahe, wenn ich merke, dass ich dann ohne sie dasitze.“
Kommunikation und Erinnerungen: Fotoalben als Brücke
Da er mit seiner Frau keine richtigen Gespräche mehr führen kann, schauen sie oft Fotoalben an. Vreny erinnere sich an manches, sagt Albert, nur nicht ans letzte Zmittag. „Ich kann sie nicht fragen, was es zum Zmittag gab – das ist vorbei. Aber ich würde behaupten, dass eine Person mit Demenz sehr lange auf gute, ehrliche Kommunikation reagiert.“ Unterstützung holte er sich im Demenz-Café „Vergiss Mein Ich Nicht“ in Rapperswil.
Ein Blick nach vorn: Wünsche und Abschied
Wenn Albert ins Pflegeheim kommt, strahlt seine Frau und winkt. „Der Vergangenheit nachtrauern nützt nichts“, sagt er. Auf die Frage nach eigenen Wünschen winkt er zunächst ab, schreibt später aber in einer Mail: „Ich wäre dankbar, wenn ich meine Frau am Grab verabschieden dürfte und nicht umgekehrt. Schwierig zu erklären.“ Ferienfotos und ein Bild einer Christbaumkugel mit der Aufschrift „Mein Goldstück“ schickt er mit. Die Kugel erhielt er 2024 zu Weihnachten von seiner Frau: „Das letzte Geschenk, das mir meine Frau gab, siehe Foto.“
Fazit: Demenz als Prüfung und Chance für die Liebe
Alberts Geschichte zeigt, dass Demenz nicht nur Verlust bedeutet, sondern auch Raum für neue Formen der Nähe und Dankbarkeit schafft. Für Angehörige ist es entscheidend, rechtzeitig Unterstützung zu suchen und auf die eigene Gesundheit zu achten. In der Schweiz gibt es zahlreiche Angebote wie Demenz-Cafés oder Pflegeberatungen, die Betroffene und ihre Familien begleiten. Alberts Erzählung erinnert daran, dass Würde und Menschlichkeit auch in schwierigen Zeiten bestehen bleiben können.