Männlicher Körperkult: Zwischen Selbstoptimierung und Identitätssuche
Die Schweizer Männer entdecken den Körper als Bühne der Selbstinszenierung. Ob im Fitnessstudio, unter der Spritze des Schönheitschirurgen oder in den endlosen Feeds von Tiktok und Instagram: Der muskulöse, faltenfreie Mann ist zum Ideal geworden. Eine Analyse über die Ursachen und Folgen dieser Entwicklung.
Warum wird Männlichkeit heute am Körper gemessen?
In der Badi und an urbanen Flussufern fallen die gymgestählten Körper junger Männer ins Auge. Hantelgewichte, Körperfettprozent und Testosteron-Booster sind auf Tiktok akribische Vergleichsmasse. Das Extrem, etwa die Kieferzertrümmerung unter Looksmaxxern, besorgt Eltern. Derweil plaudert Nati-Captain Granit Xhaka ganz offen über seine Haartransplantation im Kosovo.
Diese Phänomene fügen sich in einen Zeitgeist lustvoll geführter Debatten rund um Männlichkeiten. Bemerkenswert ist, dass die Frage, wann ein Mann ein Mann ist, zunehmend am geformten Männerkörper verhandelt wird. Was verbirgt sich hinter dieser Fixierung? Hält der Schönheitsdruck Männer davon ab, sich anders zu zeigen, als es die Norm will? Zum Beispiel verletzlich, zweifelnd, fürsorglich, ja, menschlich?
Männlichkeit in der Krise
Allein das Sprechen über Männer löst eine Krise aus, beobachtet die deutsche Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky. Männer seien es nicht gewohnt, dass ihr Geschlecht, Status und nun auch ihr Aussehen ständig befragt würden. Jahrhundertelang orientierte man sich an einem dominanten männlichen Ideal: 'Eine hegemoniale Form von Männlichkeit verkörperte lange Zeit der weisse, heterosexuelle, hochgebildete und wohlhabende Bürger', sagt Villa Braslavsky.
Doch solche Geschlechterrollen sind in den vergangenen Jahrzehnten ordentlich durcheinandergerüttelt worden. Männer tragen Kleider, schminken sich, binden eine Kochschürze um, küssen andere Männer und schieben einen Kinderwagen vor sich her. Diese Vielfalt wirft Fragen auf: Bin ich attraktiv? Sehe ich stark oder queer genug aus? Bin ich richtig oder falsch? Das verunsichere viele Männer, denn über ihr Aussehen reden doch eigentlich nur Frauen. 'Es ist paradox: Über männliches Aussehen nachzudenken, gilt selbst als unmännlich', so Villa Braslavsky.
Botox und Schönheitseingriffe bei Männern im Aufwind
Christopher B., 33 Jahre, blond, frischer Teint, breites Lächeln, lässt sich seit drei Jahren in Zürich regelmässig eine winzige Dosis Botox spritzen. 'Ich mag den Effekt, jugendlicher auszusehen. Und natürlich freue ich mich über Komplimente', sagt er. Für viele sei Botox immer noch eine Grenze, aber vielleicht nicht mehr lange. Der Markt für männliche Schönheitseingriffe wächst rasant.
Laut Daten der Internationalen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie (IMCAS) ist die Zahl der chirurgischen Eingriffe bei Männern zwischen 2018 und 2024 um 95 Prozent gestiegen. Die Zahl der nicht invasiven Behandlungen wie Botox-Unterspritzungen stieg sogar um mehr als 116 Prozent. Eine Marktanalyse des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt, dass acht Prozent der befragten Männer Botox nutzen, bei den Frauen sind es sechs Prozent.
Der beherrschbare Körper als Tugend
Dieser Trend ist ein Indiz dafür, dass sich ein jugendliches Aussehen bei Männern zunehmend als Norm durchsetzt. 'Männer wollen frisch und erholt aussehen', antwortet ein Schönheitschirurg der Zürcher Gentlemen's Clinic. Jünger als 35 wollten die meisten aber nicht wirken, zu gross sei die Sorge, an Kompetenz im Berufsalltag einzubüssen.
Soziologin Villa Braslavsky betont die breite Palette jugendlicher Attribute: 'Es geht hier um einen belastbaren, leistungsstarken, disziplinierten und beherrschbaren Körper.' Auf der Langhantelbank, während der Proteindiät und beim Verpflanzen von Haarfollikeln mache der Körper, was man ihm befehle. 'Totale Körperbeherrschung deuten wir heute als moralisch richtig, als Tugend.' Diese Normen entsprängen einer neoliberalen Logik, in der wir angehalten seien, uns möglichst effizient zu managen.
Soziale Medien als Bühne und Falle
Seine grösste Bühne findet der wiederentdeckte Adonis auf Tiktok und Instagram. Influencer wie der Schweizer Fitness-Coach Jeremy Wiederkehr werden zu Vorbildern. 80 Prozent der 12- bis 19-jährigen Jungen in der Schweiz nutzen Instagram, 64 Prozent Tiktok. Die stark bearbeiteten Bilder überschreiben innere Wahrnehmungsmuster, sodass die eigene Wahrnehmung immer verzerrter wird, warnt der Psychotherapeut Roland Müller.
Christopher B. hat das selbst beobachtet: 'Wenn du einmal anfängst, auf Tiktok nach Botox zu suchen, kommt schnell das Nächste: Microneedling, Mesolifting oder Laser.' Er weiss um den Trugschluss, und doch setzt sich ein Gedanke fest: Das möchte ich auch.
Gesundheitliche Risiken und fehlende Hilfsangebote
Muskeln und körperliche Stärke sind bei all meinen Patienten ein Thema, sagt Roland Müller, der beim Schweizer Dachverband männer.ch die neue Fachstelle Männergesundheit 'SANDRO' leitet. Gefährlich werde es, wenn Fitness die oberste Priorität einnehme, illegale Substanzen hinzukommen und trotz Verletzung weiter trainiert werde.
Das Arud Zentrum für Suchtmedizin schätzt, dass es etwa 200'000 Anabolika-Konsumenten in der Schweiz gibt. Rund 70'000 seien vom Konsum gestresst und benötigten Hilfe. Eine medizinische Betreuung ist bei den aktuellen gesetzlichen Bestimmungen jedoch schwierig. Viele Männer im Hobbysport verdrängen das Problem sehr lange, sagt Müller. Einerseits sei das Thema schambehaftet, andererseits würden auch viele Hausärzte Essstörungen nicht mit Jungen und Männern in Verbindung bringen.
Der Körper als Ressource statt als Fassade
Die Arbeit am und mit dem Körper muss nicht wie bei Narziss verblenden, sondern kann auch kraftvolle Ressource sein. 'Es gibt eine Dimension unserer Existenz, die wir nicht kontrollieren können', betont Villa Braslavsky. Tränen der Trauer, Herzklopfen vor dem ersten Date, Erröten beim Vortrag. 'Es zermürbt uns, wenn wir vortäuschen, es gäbe diese Körperstimmen nicht.'
Vielleicht liegt darin der blinde Fleck einer obsessiven Körpergestaltung: Wer den Körper nur noch zügelt, verliert aus dem Blick, dass er auch etwas ist, das uns widerfährt. Glück, Trauer, Liebe, Hass gehen durch den Körper und prägen unser Erleben und Mitgefühl. Zu viel Botox und brennende Muskeln können betäuben und lassen diese widersprüchliche Welt weniger in uns hinein.
Selten standen Männer so stark im Fokus, das verunsichert und macht Angst. Der Körper lässt sich im Gefühlschaos scheinbar schnell kontrollieren und formen: Das gibt Halt. Doch dahinter schlummern Einsamkeit, Begehren, Sehnsüchte und Fantasien. Auch sie machen einen Mann zum Mann.