Neues Schlupfhuus in Zürich: Mehr Schutzplätze für Kinder in Not
In Zürich fehlen jedes Jahr Hunderte Schutzplätze für Kinder in akuten Notlagen. Mit der Eröffnung eines zweiten Schlupfhuus im Juni reagiert die Stadt nun auf den wachsenden Bedarf. Die Einrichtung bietet künftig sieben zusätzliche Betten speziell für Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren.
Die Nachfrage ist eindrücklich: Laut Lucas Maissen, Leiter des Schlupfhuus, müssen jährlich rund 200 Kinder abgewiesen werden, obwohl sie einen Schutzplatz benötigten. Diese Zahl hat sich in wenigen Jahren verdoppelt. Die neue Anlaufstelle mitten in Zürich soll diese Lücke zumindest teilweise schliessen.
Wie das Schlupfhuus Kindern in Gewaltsituationen hilft
Das Angebot ist bewusst niederschwellig gehalten. Kinder und Jugendliche können sich direkt melden oder einfach vorbeikommen, ohne dass eine Zuweisung durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) nötig ist. Nach einem ersten Austausch können sie einziehen, wie Maissen erklärt.
Ein Beispiel ist Selina (Name geändert), die Ende letzten Jahres vor der Gewalt ihrer Mutter floh. Sie fand im Schlupfhuus einen sicheren Schlafplatz und psychologische Betreuung. Ihre Geschichte steht für viele junge Menschen, die zu Hause Gewalt erleben.
Eltern werden einbezogen, Schutz hat Priorität
Sobald ein Kind sicher untergebracht ist, werden die Eltern telefonisch informiert. Aus Schutzgründen wird der genaue Standort manchmal geheim gehalten. Maissen betont: «Es gibt Situationen, in denen die Kinder und Jugendlichen Schutz benötigen. Wir haben ein Schutzdispositiv.»
Gleichzeitig setzt das Schlupfhuus auf Zusammenarbeit: Kinder, Eltern und Fachpersonen suchen gemeinsam nachhaltige Lösungen, um die Situation zu Hause zu verbessern. In manchen Fällen können die Eltern das Vertrauen zurückgewinnen und sind dankbar für die Unterstützung.
Pro Juventute verzeichnet starken Anstieg bei Gewaltberatungen
Die steigende Nachfrage nach Schutzplätzen spiegelt sich auch in den Zahlen von Pro Juventute wider. Die Stiftung führte im letzten Jahr täglich 22 Beratungen über ihre Hotline 147 durch, dreimal so viele wie 2021. Auch Spitäler registrieren mehr Misshandlungsfälle. Fachpersonen gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.
Im Durchschnitt bleiben Kinder und Jugendliche fast zwei Monate im Schlupfhuus. Rund 40 Prozent kehren nach Hause zurück, werden dort aber sozialpädagogisch begleitet. Andere wechseln in Heime oder betreute Wohnformen.
Was bedeutet das für die betroffenen Kinder?
Für Selina war die Zeit im Schlupfhuus ein Wendepunkt. Sie habe gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen, und habe jederzeit Unterstützung erhalten. Heute lebt sie betreut in einer eigenen Wohnung und hat ihre «innere Ruhe gefunden – ohne Streit und ohne Angst».
Der Ausbau des Schlupfhuus ist ein Schritt, um dem Notstand zu begegnen. Dennoch bleibt die Zahl der abgewiesenen Kinder hoch. Es braucht weiterhin Anstrengungen von Behörden, Fachstellen und der Gesellschaft, um Kinder in Gewaltsituationen frühzeitig zu schützen.