Wenn sich nahestende Personen radikalisieren, bleibt für Angehörige oft nur der Rückzug. Das zeigen zwei Fälle, die 20 Minuten am 31. Oktober 2026 dokumentiert hat. Beide Betroffene berichten von eskalierenden Konflikten, Drohungen und schliesslich dem Abbruch des Kontakts.
Der Zürcher Kriminologe Dirk Baier rät allerdings, den Kontakt zu radikalisierten Angehörigen möglichst nicht vollständig abzubrechen. Der Rückzug sei dennoch in vielen Fällen der einzige Ausweg, wenn Widerspruch nicht mehr zugelassen und Grenzen ignoriert werden.
Chemtrails, Verschwörungstheorien und wachsende Aggressivität
Michael*, wie die betroffene Person in der 20-Minuten-Berichterstattung genannt wird, schildert die Entwicklung seiner beiden Cousins. Die Veränderung habe um 2010 mit Erzählungen über Chemtrails begonnen. Die Diskussionen seien danach zunehmend extremer geworden.
«Ihr habt keine Ahnung. Ihr versteht nichts, ihr macht die Augen zu», habe er immer häufiger von den beiden gehört. Michael war laut eigenen Angaben der engste Cousin der beiden. Mit der Zeit hätten Gespräche fast ausschliesslich um Verschwörungserzählungen gedreht.
«Es ging kreuz und quer: Chemtrails, Pizzagate, Kinderschänderringe oder den angeblich bevorstehenden Weltuntergang», erzählt Michael. Widerspruch sei nicht akzeptiert worden. Stattdessen seien die Cousins gegenüber Familienmitgliedern aggressiv geworden, sobald jemand ihre Aussagen infrage stellte.
Wirtschaftlicher Abstieg als möglicher Auslöser
Die Cousins hätten zunächst ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, später jedoch Schulden gemacht. «Dann kamen sie in einen Kreis mit Leuten, die bereits solche Ansichten hatten», sagt Michael. Frustration habe vermutlich eine Rolle gespielt. «Irgendwann waren einfach alle anderen die Bösen.»
Die Situation eskalierte schliesslich. Michaels Cousins hätten Familienmitglieder bedroht, darunter seinen Vater und seine Freundin. Diese habe sich aus Angst zeitweise nicht mehr an ihren Wohnort getraut. Michael brach den Kontakt ab. «Sie haben mir ständig eingeredet, ich sehe die Realität nicht. Mir ging es einfach zu weit.»
Wenn politische Ansichten Freundschaften zerstören
Ein zweiter Fall, den die betroffene Person anonym schildert, zeigt, dass Radikalisierung nicht nur im verschwörungstheoretischen Milieu stattfindet. Zwei langjährige Freunde seien nach dem Umzug nach Zürich «von links ins linksradikale Lager abgerutscht».
Als sich die beiden kennengelernt hätten, seien sie «fast stets fröhlich und aufgestellt» gewesen. Mit der Zeit hätten politische Diskussionen jedoch immer mehr Raum eingenommen. Die Freunde hätten sich über abweichende politische Ansichten und Parteien aufgeregt.
«Wir wurden als naiv und blauäugig hingestellt», berichtet der Betroffene. Die Freunde hätten behauptet, im Untergrund ziehe eine «ultrarechte Regierung» die Fäden. Andere Sichtweisen seien abgeblockt worden.
Gewaltfantasien und Sachbeschädigungen
Mit den Jahren sei der Ton aggressiver geworden. Die Freunde hätten zunehmend Hitler- und Nazi-Vergleiche verwendet und sich abfällig über Politikerinnen und Politiker geäussert, die nicht dem linken Spektrum angehörten. Auch Gewaltfantasien seien zur Sprache gekommen. «Man sollte denen alles nehmen und sie zusammenschlagen», zitiert der Betroffene seine früheren Freunde.
Später erfuhren er und sein Partner, dass die Freunde an Demonstrationen teilgenommen hatten, etwa an der 1.-Mai-Demo in Zürich. «Stolz erzählten sie, wie sie es den anderen gezeigt hätten.» Dabei soll es auch zu Sachbeschädigungen gekommen sein. Was genau geschehen sei, habe er nie erfahren. Die Freunde hätten lediglich davon gesprochen, jemandem «eine Lektion» erteilt zu haben.
Langsamer Rückzug statt plötzlichem Bruch
«Mein Partner und ich haben mehrfach versucht, das Gespräch zu suchen und Grenzen zu setzen», sagt der Betroffene. Die Freunde seien jedoch so sehr von ihren Ansichten überzeugt gewesen, dass eine Diskussion kaum noch möglich gewesen sei. «Wir hatten dann auch immer mehr Angst und haben sie selten noch getroffen.»
Als schliesslich auch Gewalt eine Rolle gespielt habe, entschieden sich die beiden für den Rückzug. «Zunächst haben wir längere Ferien vorgeschoben, später weitere Treffen abgesagt. So ist die Freundschaft langsam eingeschlafen.» Seit rund fünf Monaten bestehe kein Kontakt mehr. «Wir sind sehr froh, dass wir nichts mehr gehört haben.»
Sozialer Rückzug: wann er problematisch wird
Der Rückzug von schwierigen Beziehungen ist nicht dasselbe wie bewusst gewählte Zeit für sich. Wie der General-Anzeiger Bonn unter Berufung auf die Ärztin Naab berichtet, bleibt entscheidend, ob Solo-Zeit aktiv gewählt wird und neben sozialen Kontakten Platz hat. Wer hingegen Dinge nur noch allein unternimmt, könnte sich in einem sozialen Rückzug befinden.
Für die Betroffenen im vorliegenden Fall war der Rückzug jedoch kein Verlust an Gemeinschaft, sondern eine Befreiung von belastenden Beziehungen. Beide berichten, dass es ihnen danach besser ging.
FAQ
Sollte man den Kontakt zu radikalisierten Angehörigen abbrechen?
Kriminologe Dirk Baier rät, den Kontakt möglichst nicht abzubrechen. Wenn jedoch Drohungen und Gewalt eine Rolle spielen, bleibt der Rückzug oft der einzige Ausweg, wie die dokumentierten Fälle zeigen.
Wie erkennt man Radikalisierung im Umfeld?
Typische Anzeichen sind zunehmende Aggressivität bei Widerspruch, der Rückzug in geschlossene Weltbilder, Verschwörungserzählungen sowie Gewaltfantasien gegenüber Andersdenkenden.
Kann eine Freundschaft nach einer Radikalisierung gerettet werden?
Beide betroffenen Personen versuchten mehrfach, Grenzen zu setzen und Gespräche zu führen. Da Widerspruch abgeblockt wurde, blieb schliesslich nur der Rückzug.
