Unsichtbare Arbeitskraft: Reinigungsbranche in der Schweiz
Rund 75'000 Menschen arbeiten in der Schweizer Reinigungsbranche. Ihr Beitrag zur Funktionsfähigkeit von Bädern, Büros und Wohnungen ist essenziell, doch die Arbeitsbedingungen bleiben vielfach unsichtbar. Ein Gesamtarbeitsvertrag sichert seit 2004 Mindestlöhne, doch strukturelle Entwicklungen wie die Auslagerung von Reinigungsdienststellen und die zeitliche Verschiebung der Arbeitszeiten schaffen neue Herausforderungen für die Beschäftigten.
Was leistet die Reinigungsbranche für den Alltag?
Im Hallenbad Appenzell beginnt der Arbeitstag von Bademeisterin Heidi Walter kurz nach sieben Uhr. Drei Saunen, elf Duschen, Toiletten, Böden und Spiegel müssen gereinigt sein, bevor um acht Uhr die ersten Gäste eintreffen. Die Handgriffe sitzen nach Jahren der Routine: Walter weiss, wo Kalk sich besonders schnell absetzt, welche Ecken vergessen gehen und wo zweimaliges Nachsehen nötig ist. Auch Abflüsse werden gereinigt, Kalk entfernt und Böden desinfiziert. Was für die Gäste Wellness bedeutet, ist für die Bademeisterin zuerst ein Arbeitsplatz.
Wer das Hallenbad betritt, sieht das Ergebnis, nicht die Mühe dahinter. Alles ist sauber, wie gewohnt. Doch ohne diese Vorleistung wäre der Betrieb nicht benutzbar. Das gilt für das Hallenbad ebenso wie für Hotelzimmer und Büros. Beim Bademeistergewerbe gehört die Reinigung zum beruflichen Auftrag. Für rund 75'000 Menschen in der Schweiz ist sie der Hauptberuf.
Wie hoch ist der Mindestlohn in der Reinigungsbranche?
Seit 2004 besteht für die Branche ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Dieser vertragliche Rahmen sichert den Beschäftigten Mindestlöhne, die im Laufe der Jahre angepasst wurden. Aktuell liegt der branchenweite Mindestlohn bei 21.40 Franken pro Stunde. Der GAV stellt eine institutionelle Errungenschaft dar, die in einem von tiefen Löhnen geprägten Sektor für zumindest minimale wirtschaftliche Absicherung sorgt.
Migration und Arbeitsmarktintegration in der Ostschweiz
In einer leeren Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Ostschweiz bereitet Catarina Sofia Bastos da Silva eine Wohnung für die Neuvermietung vor. Die Mitte-Zwanzigjährige kam vor etwas mehr als einem Jahr aus Portugal in die Schweiz. Eigentlich ist sie Dentalhygienikerin. In Portugal habe sie nie als Reinigungskraft gearbeitet. Nun tut sie es, weil sie zuerst Deutsch lernen muss. Deutschkurse lassen sich nicht einfach nebenbei bezahlen. Also arbeitet sie in der Reinigungsbranche, bis sie die sprachliche Voraussetzung erfüllt, um wieder in ihrem erlernten Beruf tätig zu sein.
Manchmal bekomme sie zu hören, dass man in der Schweiz Deutsch sprechen müsse. Sie räumt das ein, betont aber, dass die Möglichkeit zum Spracherwerb bestehen müsse, bevor diese Forderung erhoben werden könne. Sie betont die positiven Seiten ihrer Arbeit: Kundinnen und Kunden, die sich bedanken, Nachrichten nach einem Einsatz, Trinkgeld.
I like making people happy.
Teamleitung und berufliche Anerkennung
Helena Campos Gomes koordiniert das Reinigungsteam. Auch sie stammt aus Portugal und zog vor sechs Jahren in die Schweiz. Davor hat sie Wirtschaft studiert und einen Supermarkt geführt. Früher habe sie über Reinigungsarbeit anders gedacht, sagt sie, halt so, wie viele andere es auch tun: Putzen sei etwas, das man macht, wenn nichts anderes möglich ist. Heute sieht sie das anders. Sie spricht von Kolleginnen, mit denen sie viel lacht, von dankbaren Kunden und davon, dass kein Tag gleich sei. Dass sie heute Teamleiterin ist, erwähnt sie fast nebenbei. Wichtiger scheint ihr, dass sie gerne zur Arbeit geht und sich in der Firma wohlfühlt.
Was sagt die Forschung zu den Arbeitsbedingungen?
Reta Barfuss doktoriert an der Universität Zürich zu den Arbeitsbedingungen in der Reinigungsbranche. In ihren Gesprächen mit Reinigungskräften zeichnen sich unterschiedliche Erfahrungen ab. Manche berichten von guten Teams und fairen Arbeitgebern, andere von tiefen Löhnen, nicht bezahlten Wegzeiten oder Diskriminierung.
Eine Reinigungskraft erzählte Barfuss, dass sie seit Jahren einen Hort reinige. Während das Team Weihnachten gefeiert habe, habe sie nebenan die letzten Räume geputzt. Eingeladen worden sei sie nie. Solche Geschichten höre sie immer wieder.
Man sieht das Ergebnis in sauberen Räumen, aber eigentlich nicht die Arbeit dahinter und vor allem auch nicht die Menschen.
Für Barfuss hängt dies mit einer strukturellen Entwicklung zusammen, die seit Jahrzehnten läuft. Reinigungsarbeiten werden heute häufiger ausgelagert als früher. Wer putzt, gehört oft nicht mehr zum eigentlichen Team eines Betriebs. Viele Reinigungskräfte arbeiten dann, wenn andere noch schlafen oder bereits Feierabend haben. Diese institutionelle Distanz verstärkt die Unsichtbarkeit der Beschäftigten.
Warum bleibt Reinigungsarbeit unsichtbar?
Die Unsichtbarkeit der Reinigungsarbeit hat strukturelle Gründe. Die Auslagerung von Reinigungsdienstleistungen an externe Unternehmen schafft eine institutionelle Trennung zwischen den Kernbelegschaften und dem Reinigungspersonal. Die Arbeitszeiten liegen ausserhalb der regulären Bürozeiten, und die Ergebnisse der Arbeit verschwinden in der Normalität sauberer Räume. Für die Beschäftigten bedeutet dies oft fehlende Anerkennung und geringe Sichtbarkeit ihrer Leistung.
Was bedeutet das für die Schweizer Arbeitsmarktpolitik?
Die Reinigungsbranche ist ein Spiegelbild des Schweizer Arbeitsmarktes: Der Gesamtarbeitsvertrag sichert Mindeststandards, doch die strukturelle Auslagerung und die Unsichtbarkeit der Arbeit schaffen Herausforderungen, die vertragliche Regelungen allein nicht lösen. Die Integration von Personen mit ausländischen Qualifikationen erfordert nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch den Zugang zum Spracherwerb. Eine Arbeitsmarktpolitik, die auf Eigenverantwortung und Souveränität setzt, muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit Arbeit nicht nur existenzsichernd, sondern auch integrierend wirkt.
Zurück im Hallenbad Appenzell: Die Badegäste sind unterwegs. Kaum ist eine Scheibe gereinigt, lehnt sich schon wieder jemand dagegen. Auf den Böden bilden sich neue Wasserflecken. Die Arbeit beginnt von vorn. Morgen früh wird wieder jemand durch die Sauna gehen, mit Wasserschlauch, Schrubber und Reinigungsmittel. Wenn um acht Uhr die ersten Gäste kommen, wird davon kaum mehr etwas zu spüren sein.