Heimatort Kaltbrunn: Eine Spurensuche zwischen Bürokratie und Identität
Ein Vater und seine Tochter begeben sich auf die Suche nach ihrem Heimatort Kaltbrunn im Kanton St. Gallen. Was als bürokratische Formalität begann, entwickelt sich zu einer Reise in die eigene Familiengeschichte und wirft Fragen nach der Bedeutung des Schweizer Bürgerortes auf.
Der Heimatort als bürokratisches Muttermal
Seit 36 Jahren steht Kaltbrunn im Pass des Autors. Doch erst jetzt betritt er zum ersten Mal den Boden dieser Gemeinde. Der Heimatort, einst nur eine Randnotiz in amtlichen Formularen, wird zum Gegenstand einer persönlichen Erkundung. Gemeinsam mit seinem Vater, der ebenfalls nur die Postleitzahl 8722 kennt, macht er sich auf den Weg.
Ein Schweizer Sonderweg mit historischen Wurzeln
Das Prinzip des Bürgerortes ist in der Schweiz einzigartig. Während andere Länder den Geburtsort in Dokumente eintragen, vererbt die Schweiz die Heimatgemeinde. Dieses System geht auf das Jahr 1551 zurück. Damals führten Gemeinden Register über ihre Bürger, die im Gegenzug für Gratisholz und Weiderechte in den Krieg ziehen mussten.
Bis heute kann nur Schweizer werden, wer Bürger einer Gemeinde ist. Die moderne Mobilität hat dieses Prinzip jedoch ausgehöhlt. Heimat- und Wohnort sind selten identisch. Der Bundesrat scheiterte 2001 mit dem Versuch, den Bürgerort durch den Geburtsort zu ersetzen. Die emotionale Bindung an diesen geerbten Flecken sei zu stark, befand er.
Begegnungen mit der Vergangenheit
Die Spurensuche führt Vater und Tochter ins Gemeindehaus von Kaltbrunn. Dort treffen sie auf Michael Helbling, den Gemeindeschreiber, der bald Gemeindepräsident wird. Der Zufall will es, dass sein Vater ein enger Jugendfreund des Vaters war. Michael Helbling, der nach dem Studium in Zürich und einer Tätigkeit am Bundesverwaltungsgericht zurückkehrte, sieht seine Rückkehr als Glücksfall. „Ich bin ein Herdentier“, sagt er. Er brauche die Menschen, die Bauern, das Brauchtum.
Ein Besuch im ehemaligen Ortsmuseum, heute Reisebüro Linth, offenbart eine wenig bekannte Seite der Region. Die Linthebene war im 19. Jahrhundert ein Hotspot für Auswanderung. Die Behörden unterstützten die Abreise ihrer ärmsten Bürger mit Geld, um Sozialfälle loszuwerden. Bis 2012 haftete die Heimatgemeinde für ihre verarmten Bürger.
Identität im Alltag
Die Begegnung mit Peter Helbling, einem Mann, der sein ganzes Leben in Kaltbrunn verbracht hat, zeigt die andere Seite der Medaille. Seine Familie begräbt die Toten und versorgt die Lebenden mit Küchen – ein Geschäftsmodell über vier Generationen. „Mir gefällts hier, sonst wäre ich nicht geblieben. Die Kaltbrunner sind offen und unkompliziert“, sagt er.
Fazit: Heimat als Gefühl und Formalität
Die Reise endet mit einem Gefühl der Verbundenheit. Der Heimatort, einst eine leere Formalität, bekommt eine persönliche Bedeutung. Der Vater merkt sich die Einwohnerzahl 5122, um nicht wie ein „Lööli“ dazustehen. Ein Knirps auf dem Trottinett fragt die beiden Fremden, was sie in Kaltbrunn suchen. „Wir sind Einbrecher“, antwortet der Vater. Eine Antwort, die die Ambivalenz dieser Spurensuche treffend zusammenfasst.
FAQ: Was ist der Heimatort in der Schweiz?
Was ist der Unterschied zwischen Heimatort und Bürgerort?
Heimatort und Bürgerort sind synonyme Begriffe. Sie bezeichnen die Gemeinde, der eine Person durch Abstammung angehört. Im Gegensatz zum Wohnort ist der Bürgerort vererbbar und bleibt lebenslang bestehen.
Warum ist der Heimatort in der Schweiz so wichtig?
Der Heimatort ist Voraussetzung für das Schweizer Bürgerrecht. Nur wer Bürger einer Gemeinde ist, kann Schweizer Staatsbürger sein. Zudem regelt er bei Auslandschweizern bürokratische Angelegenheiten wie Erbschaften oder Namenswechsel.
Kann man den Heimatort ändern?
Nein, der Heimatort wird vererbt und kann nicht gewechselt werden. Bei Gemeindefusionen ändert sich der Bürgerort, was oft auf emotionalen Widerstand stösst. Manche Kantone erlauben daher den alten Ort in Klammern.