Skateboarden in der Schweiz: Zwischen Subkultur und Olympia
Skateboarderinnen und Skateboarder erobern den öffentlichen Raum, prägen eine eigene Ästhetik und haben sich längst von einer Nischenbewegung zu einem festen Bestandteil der urbanen Kultur entwickelt. Eine Bestandsaufnahme der Schweizer Szene zwischen Zürich, Genf und Neuenburg zeigt: Das Skaten ist im Wandel, aber seine Seele bleibt.
Der Skaterblick: Zürich als urbanes Terrain
Wer skatet, liest die Stadt anders. Der Zürcher Skate-Fotograf und Kulturvermittler Alan Maag demonstriert dies an einer unscheinbaren Wand in einer Durchfahrt zum Sihlquai. „Die könnten von einem Skateboard stammen“, sagt er und deutet auf feine Spuren. Maag schätzt, dass in Zürich nur 15 bis 20 Personen die Technik beherrschen, die solche Abriebspuren an geraden Wänden hinterlässt. Sein geübter Blick basiert auf jahrzehntelanger Erfahrung.
Die Pavillon-Skulptur von Max Bill an der Bahnhofstrasse, Ecke Pelikanstrasse, ist ein beliebter Treffpunkt. Ihre modularen Blöcke bieten vielfältige Möglichkeiten für Tricks. Doch wer hier skaten will, meidet die Hauptverkehrszeiten. „Man geht nicht zur Rushhour um 17 Uhr hin“, erklärt Maag. Skaterinnen und Skater suchen öffentliche Plätze bewusst in Randzeiten auf.
Vom Asphaltsurfen zum modernen Skateboard
Die Wurzeln des Skateboardens liegen in Kalifornien, wo es als Trockentraining für Surfer entstand. Der Begriff „Asphaltsurfen“ oder „Sidewalk Surfing“ prägte die Anfangszeit. Im Geneva Skateboard Museum in Vernier bei Genf sind Bretter aus den 1950er- und 1960er-Jahren ausgestellt. Sie waren kleiner, kürzer und dicker als heutige Modelle, mit Rollen aus Metall und Kautschuk. Schwer und teuer, blieben sie zunächst ein Privileg.
Erst in den 1970er-Jahren revolutionierten neue Materialien das Skateboard. Die entscheidende Änderung betraf die Räder, deren Laufflächen heute aus Polyurethan bestehen. Ein Material, dem die kalifornische Band Fu Manchu sogar einen Song widmete. Diese technische Innovation machte das Skaten für eine breitere Bevölkerungsschicht zugänglich.
Das Geneva Skateboard Museum: Eine Sammlung als Lebenswerk
Jim Zbinden, ehemaliger Skater und passionierter Sammler, hat in einem Wohnquartier in Vernier ein ungewöhnliches Museum eingerichtet. Bis zur Decke gestapelt lagern Skateboards aus Brockenstuben, Wohnungsauflösungen, Sammlungen und Onlineshops. Die genaue Zahl kennt Zbinden selbst nicht. „Ein Skateboard hat eine Seele“, sagt er und sammelt neben den Brettern auch Schuhe und Steinstücke aus Skateparks.
Für Zbinden bedeutet Skateboarden Freiheit. „Ich war immer ein Rebell“, erklärt er. Ein Sportverein mit Regeln und einheitlicher Clubkleidung war nie seine Sache. Zum Skaten kam er durch Zufall: Sein Vater fand ein Board auf der Strasse und brachte es mit. Mitte der 1990er-Jahre beendete ein Unfall seine Träume von einer Profikarriere in den USA. Seither widmet er sich seiner Sammlung, die er 2004 der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Skateboard-Ästhetik: Von der Oberseite auf die Unterseite
Die Gestaltung der Boards hat sich im Laufe der Jahrzehnte grundlegend verändert. Waren die ersten Bretter schlicht, fanden sich Designelemente zunächst auf der Oberseite. Ab den 1970er-Jahren rutschten die Designs auf die Unterseite, da sie durch die Tricks immer häufiger sichtbar wurde. Heute gibt es Serien zu Themen wie „Marvel“-Helden oder „Star Wars“. Die Designs spiegeln die Interessen der Käufer, die lange Zeit vor allem junge, weisse Männer waren. Inzwischen skaten auch junge Frauen und Menschen weltweit.
Fotografie und Skatekultur: Alan Maags künstlerischer Blick
Alan Maag gehört zu jenen Skatern, die den Schritt in die Kreativwirtschaft machten. Nach einer Ausbildung zum Fotodesigner und einem Master in Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) dokumentiert er die Szene. Seine Fotos sind derzeit im Musée d'ethnographie in Neuenburg (MEN) in der Ausstellung „Skate of Mind“ zu sehen.
Maag nutzt bewusst das Fisheye-Objektiv, das in der Skatekultur einen hohen Stellenwert geniesst. Der Verfremdungseffekt gleiche der Wahrnehmung beim Skaten: „Absprung, Sprung, Landung – alles ist in einem Bild drin“, erklärt er. Das Stürzen und das ständige Wiederholen gehören zum Skaten dazu, ebenso wie das Dokumentieren der Tricks. Schon in seiner Jugend war in jeder Skate-Clique jemand mit einer Kamera dabei.
Olympische Disziplin und die Zukunft des Skatens
Seit 2024 ist Skateboarden offiziell olympische Disziplin, nachdem es 2020 in Tokio als Gast startete. Alan Maag ist überzeugt, dass das Skaten olympisch bleibt: „Es hat für Traumeinschaltquoten gesorgt.“ Allerdings beobachtet er eine Verschiebung: Viele junge Skaterinnen und Skater trainieren heute ausschliesslich in Skateparks und nicht mehr auf der Strasse. Jim Zbinden sieht darin eine Schwächung des Underground-Charakters.
Dennoch bleibt Maag optimistisch. Es gebe weiterhin eine eigenständige Skateszene, die zudem heterogener werde. Die DIY-Bewegung sei ausgeprägt, etwa in der Lettenhalle in Zürich, einem Zwischennutzungsprojekt mit Tischtennisplatten und Rampen. Skaten hat also Zukunft – zwischen olympischer Anerkennung und subkultureller Authentizität.
Ausstellungshinweis: „Skate of Mind“ in Neuenburg
Das Musée d'ethnographie in Neuenburg (MEN) zeigt bis zum 7. März 2027 die Ausstellung „Skate of Mind“. Sie beleuchtet das Skateboard als Zeichen von Coolness, Freiheit und Rebellion. Ein besonderes Highlight: Besucherinnen und Besucher dürfen mit dem Skateboard durch das Museum fahren, ohne hinausgeworfen zu werden.