Iran nach sechs Monaten Krieg: Zwischen Zerstörung und neuer Macht
Vor sechs Monaten schien ein politischer Wandel im Iran zum Greifen nah. Heute, nach einer brutalen Niederschlagung der Proteste, einem verheerenden Krieg und einer fragilen Waffenruhe, hat sich die Lage grundlegend gewandelt: Die Hardliner haben ihre Macht gefestigt, die Bevölkerung leidet unter den Folgen, und die USA haben sich mit der neuen Führung arrangiert. Eine Bilanz in Stimmen aus dem Iran.
Die Proteste vom Januar: Hoffnung auf einen Umbruch
Anfang Jahr entlud sich der Unmut der iranischen Bevölkerung nach Jahren der Repression und Misswirtschaft. Zuerst schlossen die einflussreichen Händler in den Basaren aus Protest ihre Läden. „Die Lage ist wirklich ernst. Meine Kunden können sich kaum noch Gemüse oder Früchte leisten“, berichtete damals Mohammed, Besitzer eines kleinen Supermarktes in Yazd. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als zu schliessen.
Diesem Protest schlossen sich Anfang Januar Hunderttausende im ganzen Land an. In den grossen Städten hallten Rufe wie „Tod dem Diktator“ durch die Strassen. Die Hoffnung auf einen Sturz des Regimes war gross, auch bei Sorush, einem jungen Unternehmer aus Teheran: „Ich bin sicher, wir stehen vor einem Umbruch. Ich hoffe, dass wir das aus eigener Kraft erreichen.“
Doch die Proteste wurden mit brutaler Härte niedergeschlagen. Die Regierung sprach von rund 3000 Opfern, die UNO von 5000, während das „Time Magazine“ unter Berufung auf Quellen im Gesundheitsministerium die Zahl auf bis zu 30'000 schätzte. Das Regime machte ausländische Mächte verantwortlich und setzte auf massive Repression. Überdimensionale Propagandaplakate prägten das Strassenbild, Uniformierte patrouillierten, und erste Hinrichtungen fanden statt.
Der Krieg: Die versprochene Befreiung bringt Zerstörung
In dieser aufgeladenen Stimmung versprach US-Präsident Donald Trump Hilfe von aussen: Er wolle mit einer „Armada“ den Menschen im Iran beistehen, sollten weitere Hinrichtungen erfolgen. Rund vierzig Tage später, in der Nacht auf den 28. Februar, griffen US-amerikanische und israelische Kampfflugzeuge Ziele im Iran an. Bei einem der ersten Schläge wurden der oberste Führer Ayatollah Ali Chamenei und Teile der Führungsriege getötet.
Doch die versprochene Befreiung brachte Zerstörung: Gleich am ersten Tag traf ein Marschflugkörper eine Mädchenschule in der südiranischen Stadt Minab. Etwa 170 Menschen starben, die meisten davon Kinder. Die Angriffe, die knapp sechs Wochen andauerten, zerstörten neben Militäranlagen auch zivile Infrastruktur wie Brücken und Fabriken. Besonders die Stahlindustrie, nach Öl und Gas der zweitwichtigste Exportzweig, wurde schwer getroffen.
Die Stimmung im Land kippte. „Dieser Krieg wird den Iranern mehr schaden als allen anderen. Ich lehne das Regime zwar auch ab, aber ich bin entschieden gegen diese Art, es zu stürzen“, sagte Ali aus Teheran, der im Januar noch protestiert hatte.
Die Rolle der Diaspora: Exil-Kronprinz und tiefe Gräben
Die iranische Diaspora, die sich nach der Revolution von 1979 über die Welt verteilt hat, ist politisch tief gespalten. Eine sichtbare Figur ist Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs. Über soziale Medien und persischsprachige Sender versuchte er, Einfluss zu nehmen. Seine Anhänger, oft Monarchisten, sehen in ihm die legitime Führung für einen post-islamischen Iran.
Diese Hoffnung führte zu einer tiefen Kluft zwischen Teilen der Diaspora und vielen Menschen im Iran. Während im Land die Angst vor Bomben umging, feierten Pahlavi-Anhänger in London euphorisch den Krieg und den Tod Chameneis. Eine Monarchistin erklärte gegenüber dem „Guardian“, man habe bei den Amerikanern „regelrecht um eine militärische Intervention betteln müssen“. Solche Äusserungen stiessen im bombardierten Iran, selbst bei Regimegegnern, auf Empörung und verstärkten den Eindruck einer vom Leid entkoppelten Exil-Elite.
Während einige Exil-Iraner das Eingreifen der USA feierten, wuchs im Iran die Erkenntnis, dass die „Armada“ nicht kam, um den Menschen beizustehen. Dies wurde deutlich, als Trump über seinen Kanal mit der Auslöschung der ganzen Zivilisation drohte. Als Reaktion forderte die Landesführung die Bevölkerung auf, menschliche Schutzschilde um potenzielle US-Ziele zu bilden. Dem Aufruf folgten auch Regierungsgegner: Der Musiker Ali Ghamsari veröffentlichte ein Video von sich vor einer Nuklearanlage, um die Heimat zu schützen.
Machtverschiebung: Die Revolutionsgarden übernehmen
Der Expertenrat ernannte Modschtaba Chamenei, den Sohn des Getöteten, zum neuen Obersten Führer. Dieser zeigte sich nie öffentlich. Seine Person dient den Revolutionsgarden als Hülle, die sie mit ihren Inhalten füllen. Dieselben Revolutionsgarden, die die Proteste blutig niedergeschlagen hatten, sicherten sich so de facto die alleinige Macht. Als Reaktion auf die Angriffe begann der Iran, die strategisch wichtige Strasse von Hormus zu blockieren, was die Bevölkerung weiter unter Druck setzte.
Die Waffenruhe: Trügerische Ruhe und wirtschaftliche Not
Nach einer durch Pakistan vermittelten Waffenruhe am 8. April kehrte eine trügerische Ruhe ein. „Wir fühlen uns wie Ertrinkende, die den Kopf nur für ein paar Sekunden aus dem Wasser heben, um tief Luft zu holen, bevor wir wieder hinuntergezogen werden“, beschrieb Farid, ein Instagrammer aus Teheran, die Stimmung. Der Alltag war geprägt von der Internetsperre, die Schätzungen zufolge bis zu neun Millionen Menschen die Lebensgrundlage entzog. Wer konnte, behalf sich mit teuren VPN-Zugängen. Gleichzeitig explodierten die Lebensmittelpreise durch die Blockade der Strasse von Hormus. „Egal, was man kauft, man denkt sich: ‚Mein Gott, gestern hat das noch die Hälfte gekostet‘“, klagte die Rentnerin Mehbobeh.
Anfang Juni lockerte die Regierung die Internetsperre. Einigen Nutzern kam dies wie ein Ausbruch aus dem Gefängnis vor. Doch den wiedergewonnenen Freiheiten trauen viele nicht. In den sozialen Medien kursiert der Ausdruck „Filternet“, der die Angst beschreibt, dass der Staat den Datenverkehr nun genauer überwachen kann. Regimekritische Stimmen verstummen zusehends. An ihre Stelle traten Regierungsanhänger, die im Namen der nationalen Sicherheit die Zensur gutheissen. Auf den Strassen, wo Anfang Jahr noch protestiert wurde, schwenkten nun sogenannte „Arzeschis“ die iranische Fahne und warben für Opferbereitschaft. Der Krieg, der das Volk befreien sollte, hatte das Gegenteil bewirkt: Er festigte die Macht der Hardliner.
Das Rahmenabkommen: Verrat aus Sicht der Bevölkerung
Überraschend schien sich US-Präsident Trump mit der neuen Führung arrangiert zu haben. Am 17. Juni unterzeichneten die USA und der Iran ein Rahmenabkommen, das den Krieg beenden und die Strasse von Hormus wieder öffnen sollte. Im Iran wurde dies als Verrat empfunden. „Wir haben so viele Opfer gebracht, wurden unterdrückt und von allen Seiten beschossen, und nun verbrüdern sich die Regierungen über unsere Köpfe hinweg“, sagte die enttäuschte Mehbobeh. Ihre anfänglichen Hoffnungen auf einen Wandel gingen im Krieg unter: „Der Krieg war ein Fluch, er brachte nichts als Zerstörung.“
Doch auch dieses Abkommen hielt nicht lange. Anfang Juli liess Trump die Vereinbarung platzen. Nach einem halben Jahr voller Protest, Krieg und Zerstörung stehen sich der Iran und die USA wieder am Ausgangspunkt gegenüber. Gefangen in diesem Teufelskreis ist das iranische Volk, dessen Ruf nach Freiheit im Lärm um die Macht am Persischen Golf ungehört verhallt.
Fragen und Antworten zur Lage im Iran
Was hat die Proteste vom Januar ausgelöst?
Die Proteste begannen mit Streiks der Basarhändler, die sich gegen die wirtschaftliche Misere und die Repression des Regimes richteten. Sie weiteten sich zu landesweiten Demonstrationen aus, die brutal niedergeschlagen wurden.
Welche Rolle spielte die internationale Gemeinschaft?
Die USA und Israel griffen militärisch ein, was zu massiver Zerstörung führte. Die USA schlossen später ein Rahmenabkommen mit der neuen Führung, das jedoch scheiterte. Eine Vermittlung durch Pakistan führte zur Waffenruhe.
Wie hat sich die Machtstruktur im Iran verändert?
Die Revolutionsgarden haben nach dem Tod Chameneis die faktische Kontrolle übernommen. Der neue Oberste Führer Modschtaba Chamenei bleibt im Hintergrund, während die Garden die Entscheidungen treffen.