Pille danach: Nationalrat will Pflichtberatung abschaffen
In der Schweiz steht die seit Jahren praktizierte Pflichtberatung vor der Abgabe der „Pille danach“ auf dem Prüfstand. Der Nationalrat hat Ende April mit klarer Mehrheit eine Motion angenommen, die das obligatorische Gespräch in der Apotheke streichen will. Nun liegt der Ball beim Ständerat, während der Bundesrat weiterhin auf der fachlichen Beratung beharrt. Parallel dazu verspricht ein neues digitales Tool aus Basel, den Prozess diskreter und effizienter zu gestalten.
Was regelt die Schweizer Pflichtberatung heute?
Obwohl die Notfallverhütung in der Schweiz ohne ärztliches Rezept erhältlich ist, darf sie nicht einfach verkauft werden. Vor der Abgabe müssen Apothekerinnen und Apotheker den Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs, den Zyklusstand, die bisherige Verhütungsmethode sowie allfällige Medikamente abklären. Zudem muss das Medikament vor Ort in Anwesenheit der Fachperson eingenommen werden. Rund 100'000 Mal pro Jahr wird die Notfallverhütung in der Schweiz eingesetzt, wie SRF berichtet.
Warum die Pflichtberatung in die Kritik geraten ist
Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, dass erwachsene Frauen bei einem rezeptfreien Medikament intime Fragen beantworten müssen. GLP-Nationalrätin Corina Gredig bezeichnet das Gespräch als unnötige Hürde und staatliche Bevormundung. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello hatte bereits 2023 die Praxis als stigmatisierend kritisiert und gefragt, weshalb Frauen nicht zugetraut werde, selbst zu entscheiden. Eine Schweizer Untersuchung zeigte zudem, dass rund ein Viertel der Befragten Angst vor mangelnder Diskretion in der Apotheke hatte.
Eviflow: Digitales Beratungstool aus Basel
Die aus einem Forschungsprojekt der Universität Basel entstandene Web-Anwendung Eviflow ermöglicht es, die relevanten Angaben bereits vor dem Apothekenbesuch am eigenen Smartphone zu erfassen, ohne Personendaten einzugeben. Die Apotheke erhält anschliessend die für die Beratung relevanten Informationen. Seit August ist Eviflow regulär verfügbar, rund 40 Apotheken setzen das System bereits ein. Es kann auch auf sensible Situationen wie sexuelle Gewalt hinweisen und zu Hilfsangeboten führen. Hinter dem Tool steht die Pharmazeutin und Basler Forscherin Esther Spinatsch.
Wie andere Länder den Zugang regeln
Die Schweizer Praxis ist im europäischen Vergleich ungewöhnlich streng. In Deutschland ist die Pille danach seit 2015 rezeptfrei erhältlich, ohne vergleichbares Pflichtverfahren. England hält an einer fachlichen Konsultation fest, hat den Zugang aber erleichtert: Seit Oktober 2025 ist die Notfallverhütung dort kostenlos in Apotheken erhältlich. Frankreich geht noch weiter und gibt das Medikament seit 2023 unabhängig vom Alter rezeptfrei und kostenlos ab.
Was medizinisch für die Beratung spricht
Die Pille danach ist medizinisch nicht trivial. Welches Präparat geeignet ist, hängt davon ab, wie lange der ungeschützte Geschlechtsverkehr zurückliegt, welche Medikamente eingenommen werden und wo im Zyklus sich die Frau befindet. Die Pille danach verhindert eine Schwangerschaft nur, solange der Eisprung noch nicht stattgefunden hat. Sie beendet keine bestehende Schwangerschaft und ist keine Abtreibungspille. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit oder Zyklusverschiebungen sind laut WHO meist mild und vorübergehend. Auch eine wiederholte Einnahme birgt nach bisherigem Wissen keine bekannten gesundheitlichen Risiken.
WHO empfiehlt niederschwelligen Zugang
Die Weltgesundheitsorganisation WHO setzt deutlich stärker auf einen unkomplizierten Zugang und empfiehlt ausdrücklich, Notfallverhütungspillen ohne ärztliches Rezept zugänglich zu machen. Da die Präparate möglichst rasch eingenommen werden sollten, könne ein einfacher Zugang Zeit sparen. Die WHO nennt auch die Möglichkeit, die Pille danach vorsorglich zu beziehen. Grundsätzliche gesundheitliche Ausschlussgründe oder eine Altersgrenze nennt die WHO nicht.
Wie es nun weitergeht
Vorerst bleibt die Pflichtberatung bestehen. Der Nationalrat hat am 29. April mit 113 zu 73 Stimmen eine Motion von Corina Gredig angenommen, die das obligatorische Gespräch streichen will. Die Pille danach soll künftig auch in Drogerien erhältlich sein. Nun muss sich der Ständerat mit der Motion befassen. Der Bundesrat hält dagegen: Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider verweist auf Neben- und Wechselwirkungen und darauf, dass eine Fachperson beurteilen müsse, welches Präparat geeignet sei. Auch das Bundesgericht hat die heutige Pflicht mit dem Schutz der Anwenderinnen begründet.
Sollte die Motion angenommen werden, könnte das digitale Beratungstool Eviflow weiterhin genutzt werden, dann allerdings freiwillig. Der Unterschied wäre grundlegend: Beratung bliebe verfügbar, wäre aber nicht mehr Voraussetzung dafür, dass erwachsene Frauen Zugang zur Notfallverhütung erhalten.