Schweizer Kunst zwischen Utopie und Realität: Neue Wege zur Nachhaltigkeit
Die Ausstellung "Was wäre wenn?" im Kornhausforum Bern zeigt einen bemerkenswerten Wandel in der zeitgenössischen Kunst. Während frühere Generationen von Künstlern grosse gesellschaftliche Utopien entwarfen, konzentrieren sich heutige Kunstschaffende auf praktische, nachhaltige Lösungen für unsere Zeit.
Von der Grossutopie zur praktischen Vision
Caroline von Gunten und Evgenij Gottfried präsentieren eine multimediale Installation aus Zimmerpflanzen, die mehr ist als ein Indoor-Garten. Bewegungsmelder aktivieren Beleuchtung, Ventilatoren und Sounds zur Pflanzenstimulation. Die Botschaft ist klar: Auch kleine Paradiese benötigen sorgfältige Hege und Pflege.
Diese pragmatische Herangehensweise spiegelt einen grundlegenden Wandel wider. Thomas Morus prägte 1516 den Begriff "Utopie" aus dem altgriechischen "ou" (nicht) und "topos" (Ort) als kritischen Spiegel seiner Zeit. Heute geht es weniger um unerreichbare Traumwelten als um konkrete Handlungsansätze.
Monte Verità als Schweizer Vorbild
Die Schweiz verfügt über eine reiche Tradition utopischer Experimente. Monte Verità oberhalb von Ascona zog zu Beginn des 20. Jahrhunderts Pazifisten, Künstler und Reformer an. Die von Ida Hofmann und Henri Oedenkoven gegründete Kooperative verkörperte den Wunsch, durch Kunst und Kultur ein bewussteres Leben zu schaffen.
Diese historische Erfahrung prägt bis heute das Schweizer Kunstverständnis: Innovation mit Mass, Respekt vor der Natur und praktische Umsetzbarkeit stehen im Vordergrund.
Ökologische Verantwortung als künstlerisches Programm
Zeitgenössische Schweizer Kunstschaffende verbinden kreative Arbeit mit wissenschaftlicher Forschung. Monica Ursina Jäger bereist mit Geobiologinnen Schweizer Berge und norwegische Fjorde, um Gletscherzustände zu dokumentieren. Gabriela Gerber und Lukas Bardill halten Veränderungen in der Bündner Bergwelt fest.
Diese Künstler werden zu Forschenden, die den ökologischen Fussabdruck thematisieren. Sie sammeln schädliche Neophyten, kultivieren seltene Bohnensorten und verwandeln Ausstellungsräume in artenreiche Gärten. Durch Kochen, Brauen und Fermentieren schaffen sie "einen Mundvoll Utopie", der im Alltag Platz findet.
Nachhaltigkeit statt Ideologie
Der Ansatz dieser Kunstschaffenden entspricht einem realistischen Ökologieverständnis: Engagement für Nachhaltigkeit ohne ideologische Übertreibung. Innovation und Umweltschutz werden nicht als Gegensätze begriffen, sondern als komplementäre Kräfte für eine lebenswerte Zukunft.
Diese Entwicklung zeigt die Reife der Schweizer Kunstszene. Statt utopischer Träumereien entstehen konkrete Projekte, die sowohl ästhetisch überzeugen als auch praktischen Nutzen stiften. Ein Weg, der der Schweizer Tradition entspricht: besonnen, innovativ und nachhaltig zugleich.