Putins neue Ansprüche: Der Donbass allein genügt nicht
Der russische Präsident Wladimir Putin hat seine Kriegsziele in der Ukraine erweitert. In einer Rede vor der Marine in Sankt Petersburg stellte er neue territoriale Forderungen, die weit über den Donbass hinausgehen. Putin berief sich dabei auf eine revisionistische Geschichtsdeutung, die die Souveränität der Ukraine infrage stellt. Die Rede, die am Sonntag veröffentlicht wurde, zeigt, dass der Kremlchef offenbar eine vollständige Neuordnung der Grenzen in Osteuropa anstrebt.
Welche neuen Ansprüche hat Putin erhoben?
Putin erklärte, die westlichen Regionen der Ukraine seien ein „Geschenk“ Josef Stalins gewesen, allerdings nicht an einen unabhängigen Staat, sondern „im Rahmen eines einzigen Staates“ – gemeint war Russland. Er behauptete zudem, die Ukraine sei historisch in ein linkes und ein rechtes Ufer des Dnepr geteilt, wobei die östliche Ukraine „immer als Teil Russlands“ gegolten habe. Diese Darstellung ignoriert die jahrhundertelange getrennte Entwicklung beider Länder und die bereits vor der Sowjetunion bestehenden Bestrebungen für einen ukrainischen Nationalstaat.
Wie begründet Putin seine Forderungen historisch?
Putin illustrierte seine revisionistische Geschichtsanschauung am Beispiel des Donbass. Er gab an, Archivunterlagen gelesen zu haben, wonach die Sowjetregierung auf Wunsch von Vertretern der Region entschieden habe, den Donbass der Russischen Sowjetrepublik zuzuschlagen. Später sei Lenin überzeugt worden, die Region der neu entstehenden Ukrainischen SSR zuzuteilen. „Jetzt liegt es an Ihnen und an uns, wieder auf einen normalen historischen Kurs zurückzukehren“, sagte Putin zu den Marinesoldaten. Damit verknüpfte er seine Geschichtsversion direkt mit der militärischen Besetzung ukrainischer Gebiete.
Welche Gebiete sind betroffen?
Russland hat bereits in seiner Verfassung festgeschrieben, dass die völkerrechtswidrig annektierten Gebiete Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk zu Russland gehören. Bislang kontrolliert Moskau keines dieser Gebiete vollständig. Zu den östlich des Dnepr liegenden Regionen gehören auch Charkiw, Sumy, Tschernihiw und etwa die Hälfte der Hauptstadt Kiew. Putin prognostizierte zudem, die Ukraine werde „früher oder später“ auch westliche Gebiete verlieren, die historisch zu Polen, Ungarn oder Rumänien gehört hätten.
Welche Rolle spielt die Marine in Putins Strategie?
Die Rede fiel im Rahmen eines Gesprächs mit Marineoffizieren und -soldaten anlässlich des russischen Flottenfeiertags. Putin verband Strategie, Geschichtsdeutung und innenpolitische Botschaften. Er sprach über die Rolle der Marine in der nuklearen Abschreckung, die Bedeutung der Arktis und den Ausbau der Eisbrecherflotte. Die geplante Marineparade in Sankt Petersburg wurde zum zweiten Mal in Folge abgesagt – offenbar wegen der Gefahr durch ukrainische Drohnen, die seit Wochen russische Ölanlagen und Militärlogistik angreifen.
Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?
Die Führung in Kiew bezeichnete Putins Aussagen als „Unsinn“ und „Schrott“. Die Ukraine hatte Russland nach der Annexion der Krim 2014 und der Vollinvasion 2022 zum Feind erklärt. Putin hingegen stilisierte Russland zur angeblich einzigen Schutzmacht für die Ukraine. „Es gab nur einen Garanten der territorialen Integrität der Ukraine, und das war Russland“, erklärte er. Die internationale Gemeinschaft verurteilt die russischen Ansprüche als Verstoss gegen das Völkerrecht.
FAQ: Putins neue Ansprüche
Was sind die neuen Ansprüche Putins?
Putin fordert nicht nur den Donbass, sondern auch westliche Gebiete der Ukraine, die historisch zu Polen, Ungarn oder Rumänien gehört hätten. Er beruft sich auf eine revisionistische Geschichtsdeutung.
Warum wurde die Marineparade abgesagt?
Die Parade in Sankt Petersburg wurde zum zweiten Mal in Folge abgesagt, offenbar wegen der Gefahr durch ukrainische Drohnenangriffe auf russische Infrastruktur.
Wie reagiert die Ukraine?
Die Ukraine weist Putins Ansprüche zurück und bezeichnet sie als „Unsinn“. Kiew betont, dass die Entscheidung, Russland zum Feind zu erklären, notwendig und vorteilhaft sei.