Modebranche kehrt zu kleineren Konfektionsgrössen zurück
Die Modebranche erlebt einen bemerkenswerten Wandel: Immer mehr Bekleidungsmarken reduzieren ihr Sortiment an Übergrössen oder streichen diese vollständig. Während die Nachfrage nach kleineren Konfektionsgrössen steigt, bleiben Menschen mit Plus-Size-Grössen zunehmend ohne passende Angebote. Diese Entwicklung wirft Fragen zur Inklusion und zur Marktlogik der Branche auf.
Was passiert bei H&M und anderen Modeketten?
Beim schwedischen Modekonzern H&M sind die Grössen 3XL und 4XL aus dem aktuellen Sortiment verschwunden. Dies ergab eine Analyse des Marktforschungsunternehmens Edited, das die Produkteinführungen von Onlinehändlern untersucht. Für die Frühjahrs- und Sommerkollektion 2026 wurden alle neuen Damenkleider erfasst, die zwischen Januar und Mai auf der Website erschienen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zeigt sich: 3XL und 4XL machten 2025 noch zwei Prozent der Neuheiten aus, 2026 sind sie gänzlich verschwunden. Auch der Anteil von XXL sank von 13,3 auf 10,3 Prozent, während XL um zwei Prozentpunkte zurückging. Gleichzeitig stieg der Anteil der kleineren Grössen von XS bis L im Schnitt um drei Prozentpunkte.
H&M bestätigte gegenüber dem Guardian, dass die Grössen 3XL und 4XL eingestellt wurden. Als Begründung nennt das Unternehmen eine geringere Nachfrage. Auch andere Marken wie Mango haben ihr Angebot an Übergrössen reduziert. Bereits 2024 strich die schwedische Modekette Monki, die zur H&M Group gehört, ihr Plus-Size-Sortiment. Auch damals wurde die fehlende Nachfrage als Grund genannt, zudem konnten Kosten eingespart werden. Monki bietet heute nur noch Kleidung in den Grössen XXS bis XL an. Bereits 2023 verzichtete C&A europaweit auf eine separate XL-Kollektion in den Läden und integrierte zusätzliche Grössen in die regulären Kollektionen.
Welche Rolle spielen Abnehmspritzen?
Laut Guardian ist das Aufkommen von Abnehmspritzen ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung. Vor allem in den USA greifen viele Menschen zu diesen Medikamenten. Die Auswirkungen auf die durchschnittliche Körpergrösse sind bereits messbar: Die Fettleibigkeitsrate bei Erwachsenen in den USA erreichte 2022 mit 39,9 Prozent ihren Höhepunkt und sank bis 2026 auf 36,4 Prozent. Dies führte zu einer erhöhten Nachfrage nach kleineren Kleidergrössen.
Trotz des Booms der Abnehmspritzen trägt die Mehrheit der US-Amerikanerinnen weiterhin grössere Kleidergrössen. Untersuchungen zeigen, dass die meisten Nutzerinnen und Nutzer von GLP-1-Medikamenten 10 bis 20 Prozent ihres Körpergewichts verlieren. Schätzungen zufolge tragen 66 Prozent der US-Frauen noch immer Grösse XL oder mehr. Menschen mit Plus-Size-Grösse bleiben damit eine grosse, aber von vielen Modemarken weiterhin vernachlässigte Zielgruppe, wie der Guardian berichtet.
Wie erleben Betroffene die Entwicklung?
Die Aktivistin und Autorin Tess Holliday, die 2023 als Grössen- und Inklusionsberaterin für H&M arbeitete, beobachtet den Rückgang der Plus-Size-Mode seit der Corona-Pandemie. Ab 2022 habe sich die Entwicklung beschleunigt. „Es gab einen raschen Rückgang der Plus-Size-Angebote. Vielfalt als Ganzes hat für viele Marken keine Priorität mehr“, sagt sie. Sie verweist auf gesellschaftliche Vorurteile gegenüber korpulenteren Menschen: „Die Leute nehmen an, dass wir faul oder ungebildet sind.“ Das Argument, dass Abnehmspritzen der Grund für die Reduktion grosser Grössen seien, akzeptiert sie nicht.
Die eingeschränkten Möglichkeiten führen dazu, dass viele Betroffene auf den physischen Kleiderkauf verzichten. Auf Plattformen wie Reddit tauschen sich Plus-Size-Käufer über mangelnde Optionen aus. Einige weichen auf Secondhand-Mode aus, andere nähen ihre Kleidung selbst.
Was bedeutet dieser Trend für den Markt?
Die Reduktion grosser Konfektionsgrössen ist Ausdruck einer veränderten Nachfrage, aber auch einer strategischen Neuausrichtung der Modebranche. Während die Industrie auf schlankere Körper reagiert, bleibt ein erheblicher Teil der Bevölkerung unterversorgt. Für den Schweizer Markt, der stark von internationalen Ketten geprägt ist, dürfte diese Entwicklung ebenfalls spürbar sein. Es bleibt abzuwarten, ob die Branche ihre Sortimente weiter anpasst oder ob sich eine Gegenbewegung formiert, die den Bedürfnissen aller Konsumentinnen und Konsumenten gerecht wird.
FAQ: Häufige Fragen zur Reduktion grosser Kleidergrössen
Warum streichen Modeketten grosse Grössen aus ihrem Sortiment?
Modeketten wie H&M und Mango reduzieren ihr Angebot an Übergrössen, weil die Nachfrage nach kleineren Grössen gestiegen ist. Als Gründe werden veränderte Körperbilder und die zunehmende Verwendung von Abnehmspritzen genannt.
Welche Marken sind von der Reduktion betroffen?
Betroffen sind unter anderem H&M, Mango, Monki und C&A. Monki bietet nur noch Grössen von XXS bis XL an, H&M hat die Grössen 3XL und 4XL vollständig eingestellt.
Wie reagieren Betroffene auf das reduzierte Angebot?
Viele Menschen mit Übergrössen weichen auf Secondhand-Mode aus oder nähen ihre Kleidung selbst. Auf Online-Plattformen wie Reddit tauschen sie sich über ihre Erfahrungen aus und kritisieren die mangelnde Inklusion der Modebranche.